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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

61. Freitagsbrief (7.09.2007).

Ukraine
Gebiet Kirowograd
Pawel Mefodjewitsch Brigadir.

Liebe deutsche Freunde,

Sie haben mir geschrieben. Entschuldigen Sie bitte. Ich habe kaum Lesen und Schreiben gelernt. Ich konnte nur drei Schulkassen besuchen. (…) Außerdem bin ich Ukrainer. Ich verstehe nur begrenzt Russisch. Ich werde also vielleicht nicht so schlüssig berichten. Bitte haben Sie Verständnis. Meine lieben deutschen Freunde, ich habe auch schwaches Sehvermögen. Also mir ist es schwer, lange Briefe zu schreiben.

Liebe deutsche Freunde, ich weiß, dass bei euch und bei uns sehr wenige Leute noch am Leben sind, die diesen schrecklichen Krieg überlebten. Am 14. Oktober 1940 wurde ich in die Armee einberufen. Ich diente im Regimentsblasorchester in der Stadt Drogobytsch in der Westukraine. 1941 fielen erste Bomben. Eine Bombe traf unser Klubgebäude. Dort waren unsere Musikinstrumente gelagert. Alles ging in die Luft. Seitdem war ich kein Musiker mehr, weil ich keine Geräte hatte. Mein linker Arm wurde verletzt. Womit sollte ich kämpfen? Mit einer Trompete? Übrigens hatten wir schon keine. Wir hatten keine Waffen. Ich geriet verletzt in deutsche Kriegsgefangenschaft. Der Krieg begann also am 22. Juni um 5 Uhr. Am 5. Juli war ich Kriegsgefangener. Wir wurden auf dem Gelände eines Friedhofes gesammelt. Das war im Städtchen Berestetschko im Gebiet Lemberg. Man gab uns kein Essen. Hier befanden sich etwa 5000 Gefangene. Ich aß neun Tage lang gar nichts. Was konnte man dort essen? Überall standen nur Holzkreuze. Ich war hungrig. Kein Wasser. Es war sehr heiß. Endlich durften wir aus dem benachbarten Teich trinken und bekamen etwas zum Essen. Auf dem Friedhof blieben wir etwa 20 Tage. Danach wurde eine Gruppe zusammengestellt, über 5000 Mann. Wir wurden zu Fuß nach Polen getrieben. Die Wachmannschaft war stark. In Polen stiegen wir in Waggons und wurden in die Stadt Neuhammer gebracht[1]. Im Wald gab es ein Lager, mit Stacheldraht unter Hochspannung umzäunt. Es war ein bares Feld. Nur eine einzige Latrine. Es regnete. Wir hatten kein Versteck. Ich kann mich nicht an alle Details erinnern. Mir ist es zudem sehr schwer. Ich kenne meine Nummer: 26603. Zuerst hatte ich die Nummer 26604 erhalten. Danach wurde sie korrigiert. Dank dieser Situation merkte ich meine Nummer sehr gut. Im Lager starben die Menschen vor Hunger. Mit einem Pferdekarren wurden die Leichen weggebracht. Die Pferde schafften aber ihre Arbeit nicht. So viele Tote … (…) Ich kam im Jahre 1946 heim. Ich erfuhr, dass mein Vater 1944 in Budapest gefallen war. Der Vater meiner Ehefrau starb in deutscher Kriegsgefangenschaft. Am 27. Oktober 1947 heiratete ich meine Frau. Bald werden wir das 60. Hochzeitsjubiläum feiern. Es wird ein Blasorchester spielen, denn die Musik ist für mich wichtig. Ich bedanke mich bei Ihnen für 300 Euro recht herzlich. Das Geld werde ich für das 60. Hochzeitsjubiläum ausgeben. Mit meiner Rente kann ich kaum überleben. Es kommen Enkel und Urenkel zu Besuch und sagen: „Opa, gib uns Geld!“ Ihr Geld werde ich nicht so einfach verschwinden lassen. Möge Gott Ihnen, Ihren Kinder und Enkeln beste Gesundheit schenken. Der Krieg ist eine solche Person, die niemand persönlich kennen lernen muss. (…) Für mich ist die Gerechtigkeit sehr wichtig. Im Winter werde ich 86 Jahre alt. Niemand sagte mir, dass ich gewissenlos bin. Ich habe ein langes Leben gehabt, weil ich kein Raucher und kein Trinker bin. Alles muss nach den menschlichen Gesetzen geregelt werde. In unserem Dorf lebt ein Mann. Er ist mein Nachbar. Er kämpfte im Krieg an der Front. Er ist Jahrgang 1925. Jahrzehntelang schikanierte er mich. Er sagte immer: „Du bist ein Verräter! Du hast dein Vaterland verraten und für die Deutschen gearbeitet!“ Ich antwortete immer: „Ich war in deutscher Kriegsgefangenschaft. Ich bin aber kein Überläufer! Ich wurde verletzt gefangen genommen.“ Das war für mich so quälerisch, weil er diese Scheiße auch in Anwesenheit von anderen Dorfleuten sagte. Jetzt kann ich ihm „Verpiss dich!“ sagen. Ich hab ihm schon vor kurzem so was gesagt. Ich bin in Deutschland anerkannt und geehrt. Das stand in Ihrem Brief. Ich bin nicht vergessen. Ich bin doch kein Verräter.

Verzeihen Sie mir bitte. Diesen Brief werden Sie vielleicht nicht ganz verstehen. Hier ist Russisch, Ukrainisch und alles mögliches drin. Ich bin aber kein Gelehrter. Ich sehe auch sehr schlecht. Ich bedanke mich bei Ihnen und wünsche alles Gute. (…) Wir haben drei Kinder: Sohn Iwan, Tochter Wera und Tochter Marina.

Auf Wiedersehen! Beste Gesundheit! Schicken Sie mir bitte eine Antwort. Ich möchte sicher sein, dass der Brief angekommen ist.(…)

Hochachtungsvoll

Pawel Mefodjewitsch Brigadir.

19. August 2007.

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[1] Zum Lager in Neuhammer, Schlesien: Stalag 308, seit Ende Juli/Anfang Aug. 1941 mit sowjetischen Kriegsgefangenen belegt, wöchentlich trafen 2 Transporte mit mindestens 2000 Rotarmisten ein, bis Okt. 1941 befanden sich dort über 30 000. Zu dieser Zeit brach eine Fleckfieberepidemie aus, die erst im Febr. 1942 unter Kontrolle war, so daß das Lager solange unter Quarantäne stand und durch zahlreiche Todesfälle im Frühjahr 1942 Platz für neue Transporte bot (u.a. allein im April 10 000 Mann). Nicht nur Unterernährung und Krankheiten forderten viele Opfer, sondern auch willkürliche Erschießungen und Selektionen durch ein Kommando der Stapoleitstelle Breslau: „Untragbare Russen“ wurden in die KZs Groß Rosen und Auschwitz transportiert, wo man sie erschoß oder durch Blausäure-Injektionen ermordete. Im Juni 1942 wurde das Stalag 308 aufgelöst, die Gefangenen kamen in andere Lager.

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