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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

60. Freitagsbrief (31.08.2007).

Liebe Leserinnen und Leser,

Der heutige Brief einer 86jährigen an unseren Mitarbeiter Dima (Dmitri Stratievski) ist nicht der erste, den sie uns schrieb. Ich veröffentliche diese sehr privaten Äußerungen als ein Beispiel für Vertrauen infolge unserer vorbehaltlosen Anerkennung des deutschen Unrechts, das die ehemaligen sowjetischen Kriegsgefangenen bis heute belastet. Vera Kornilowna war als Sanitäterin im Baltikum in deutsche Kriegsgefangenschaft geraten.

E.Radczuweit.

Russland
Gebiet Kemerowo
Wera Kornilowna Christintschenko-Jegorowa.

Guten Tag, mein lieber Dima, Hilde Schramm und Eberhard Radczuweit und andere Kinder, die uns Kriegsgefangenen helfen,

Ich bitte um Entschuldigung für langes Schweigen. Ich werde öfter krank. Ich verbrachte drei Monate im Krankenhaus wegen einer Knochenkrankheit. Als ich Ihren neuen Brief und das Foto erhielt, freute ich mich außerordentlich. Auch meine Kinder waren dabei. Wir beschlossen folgendes. Ihr seid jetzt alle meine Kinder. Dima, du bist der Sohn von meinen Kindern. Hilde Schramm und Eberhard Radczuweit, Sie sind meine Tochter und mein Sohn.

Mein Bruder lebt in Kiew, in der Ukraine. Hier in Sibirien habe ich keine Verwandtschaft. Die Kinder kommen zu Besuch. Sie können das aber nicht genug oft tun. Das ist zeitaufwendig und sehr teuer. Auf dem Blatt rechts ist mein Foto zu sehen. Unten bin ich mit meiner Freundin aus der Kindheit abgebildet. Sie ist Kiewerin. Wir waren auch zusammen an der Front. Sie lebt nicht mehr. Ach so, das Foto oben wurde nach dem Krieg gemacht.

Als ich aus Ihrer Kriegsgefangenschaft flüchtete, kam ich in einen Partisanenverband. Danach wurde ich überprüft. Später hieß es wieder in die Armee. Das Leben in Kriegsgefangenschaft war schwer. Das Essen war schlecht; Balanda und Brot aus Sägespäne. Ich verlor meine Gesundheit an der Front und in Kriegsgefangenschaft.

Meine Lieben, meine Besten, ich habe viel erlebt. In die Armee ging ein junges Mädchen. Ich bin in Kiew geboren. Unser Kiew ist sehr schön. Unsere Ukraine ist wunderbar. Ich bin Ukrainerin. Heute lebe ich in Russland, in Sibirien. Der Winter war bei uns warm. Das Frühjahr war kalt. Jetzt ist es bei uns auch kalt. Jeden Tag regnet es. Das ist sehr unbequem.

Als ich den Brief bekam, freute ich mich sehr. Auch die Kinder merkten, dass ich ungewöhnlich froh bin. Euer Foto brachte vor allem viel Freude. (… ) Dima, schreib bitte öfter. Ich würde mich sehr freuen. Ihr seid alle meine Kinder, nicht wahr? Meine Tochter ist 60 Jahre alt. Meine Enkelin ist 38 Jahre alt. Eine Urenkelin ist 18 Jahre alt. Sie wird nach St.-Petersburg fahren, um an der Theaterakademie zu studieren. Sie will Schauspielerin werden. Meine zweite Urenkelin ist 15 Jahre alt. Sie besucht die Schule. Der Urenkel ist 3 Jahre jung. Ich bin stolz, eine gute Familie zu haben.

Jeder Brief ist für mich eine große Freude. Als ich Deine Zeilen las, erinnere ich mich an meine Jugend und natürlich an den Krieg.

Schreib bitte weiter. Liebe Grüße an deine Frau und an dein Kind.

Hochachtungsvoll

Wera Kornilowna Christintschenko-Jegorowa

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