Direkt zum Navigationsmenü.


KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

59. Freitagsbrief (24.08.2007).

Ukraine
Donezk
Petr Grigorjewitsch Gus´kow.

Sehr geehrte Damen und Herren, Frau Dr. Hilde Schramm und Herr Eberhard Radczuweit,

ich bedanke mich bei Ihnen und bei allen Mitgliedern des Vereines KONTAKTE für die erwiesene Hilfe von 300 Euro sowie für den herzlichen Brief, der mir geschickt wurde.

Kurz zu meiner Person. 1941 beendete ich die 9. Schulklasse. Anstelle des weiteren Schulbesuchs kam ich an die Arbeitsfont. Wir gruben Panzergraben aus: drei Meter tief, sieben Meter breit und Dutzende Kilometer lang. Im Oktober geriet unser Zug an der Bahnstation Losowaja unter heftigen Luftangriff. Die faschistischen Flugzeuge schossen auch aus Maschinengewehren auf uns. Mehrere hundert Zivilisten kamen ums Leben. Ich überlebte seltsamerweise und kehrte heim. Unsere Gegend, also die Stadt Tschistjakow (heute heißt sie Tores) wurde bereits von den deutschen Truppen besetzt. Die Front war 10 km von uns, am Fluss Mius, stehen geblieben.

In unserer Zwei-Zimmer-Wohnung wurden vier deutsche Soldaten untergebracht. Einer war der Gefreite Hans Gerold. Der zweite war der Österreicher Karl Uts. Sie dienten in einer Versorgungseinheit, die für den Munitionsnachschub verantwortlich war. Wir wurden relativ gut behandelt. Unter den Soldaten, auch im Jahre 1941, gab es doch Menschen, die gegen diesen blutigen Krieg waren. Meine Mutter wusch Soldatenwäsche, machte die Zimmer sauber und beheizte die Wohnung.

Zu dieser Zeit wurden junge Menschen zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt. Um dies in meinem Fall zu vermeiden, überredete die Mutter Hans, bei meiner Einstellung als Pferdepfleger zu helfen. Im Februar 1943, nach dem deutschen Rückzug aus Stalingrad, kam ein Soldat vorbei und erzählte über den Schrecken der Stalingrader Schlacht. Die Front stabilisierte sich wieder am Fluss Mius.

Am 1. September 1943 wurde unsere Gegend von den Einheiten der Roten Armee befreit. Ich wurde sofort in die Armee einberufen und ohne entsprechende Militärausbildung, als Mensch, der sich in den besetzten Gebieten aufgehalten hatte, in ein Strafbataillon geschickt. Wir wurden in den schwersten und blutigsten Frontabschnitten eingesetzt. Die „Strafsoldaten“ waren Kanonenfutter. Mehrmals stand ich dem Tode nah. Ich bekam eine Schädelquetschung, wurde in einem Schützengraben verschüttet, flog nach einer Exposition aus der Erdhütte raus … Am schwersten und blutigsten waren die Kämpfe um die Stadt Nikopol´ am Dnepr. Wir waren halb eingekesselt. Die Leichen wurden nicht weggebracht. Das Essen brachte man uns in der Nacht auf der Hundekarre. Von unserem Bataillon sind etwas drei Dutzend Männer am Leben geblieben. Am 10. Januar 1944 wurde ich nach heftigem Artilleriebeschuss in der Nacht gefangen genommen. Ein betrunkener Feldwebel schoss aus dem Maschinengewehr aus fünf Meter Entfernung auf mich, traf aber nicht. Danach wollte er mich mit der „Parabellum“ erschießen. Mich rettete ein deutscher Offizier, der daneben stand. Ich begann mit dem Offizier auf Deutsch zu reden. Ich hatte Deutsch in der Schule gelernt und hauptsächlich während der Besatzung die Deutschkenntnisse verbessert.

Wir wurden nach Westen getrieben. Die nicht mehr marschieren konnten und fielen, wurden auf der Stelle erschossen. Sehr bestialisch waren zwei Vaterlandsverräter, der Georgier Nikolaj und Achmed, der Ingusche. Sie dienten beim Stab I-C. Ich weiß nicht genau, was es bedeutet. Auf ihre Kosten gehen viele Dutzende erschossene Kriegsgefangene.

Das Lagerleben war hungrig, kalt und ausweglos. Sehr schlimm ging es uns während der Arbeit im Steinbruch. Viele fielen erschöpft zusammen mit dem Stein, der gerade getragen wurde. Diese Gefangenen wurden sofort erschossen. Die Erniedrigungen waren grenzenlos. Besonders die SS-Wächter verlegten sich auf Demütigungen. Im Winter wurden wir ins Waschhaus getrieben. Während unsere Kleidung unter hoher Temperatur entlaust wurde, standen wir auf dem Appellplatz im Frost. Hier warteten wir auf die Kleidung. Bei weitem nicht alle konnten dieses „Frostverfahren“ überstehen. Wenn die Ausrüstung für den Abtransport von Steinen oder Erz fehlte, mussten wir die Steine von einem Stapel zum anderen Stapel tragen. Damit wollte man die am meisten entkräfteten und erschöpften Kriegsgefangenen „aussondern“. Die gleichen Bedingungen waren bei der Arbeit im Strafarbeitskommando für die Schnellstrassenreparatur bei Wien.

Auch nach der Befreiung ging mein Lagerleben nicht zu Ende. Diesmal waren es sowjetische Lager in Wlaschim und Olomutz in Tschechien. Noch eine lange Zeit nach dem Krieg galten ehemalige Kriegsgefangene als Menschen der zweiten Sorte. Dieses Schicksal war auch für mich bestimmt. Nach dem Krieg beendete ich die Hochschule für Technik und wurde Ingenieur-Chemiker. Mein ganzes Berufsleben arbeitete ich in der Koks- und Chemieindustrie. Das Brandmal als Kriegsgefangener störte mich immer beim Karriereaufstieg.

Heute bin ich ein Rentner. Meine gesamte Arbeitszeit betrug 50 Jahre. Ich bin ein Invalide der 2. Kategorie. Ich bin 83 Jahre alt. Meine Rente beträgt umgerechnet 140 Euro monatlich. Meine Ehefrau bekommt 70 Euro monatlich. Die Frau überlebte zwei komplizierte Operationen und ist seit Januar 2006 ans Bett angefesselt. Sie benötigt ständige Pflege. Wir geben für die Pflegeleistungen die ganze Rente aus. Vom Staat haben wir keine Unterstützung.

So – am Rande der Armut – leben in unserer „unabhängigen“ Ukraine im letzten Lebensabschnitt viele der ehemaligen Sieger.

Hochachtungsvoll

Petr Gus´kow.

06.08.2007.

(Unterschrift).

Zum Seitenanfang


Zurück zum Seitenanfang.