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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

57. Freitagsbrief (10.08.2007).

Jüdische Kriegsgefangene wurden von SS oder Stapo Kommandos im Dulag, Stalag oder sogar in den Arbeitskommandos „ausgesondert“ und in den besetzten Gebieten außerhalb des Lagers, im Reichsgebiet in einem nahe gelegenen KZ ermordet. Viele wurden denunziert, wie wir aus der Literatur und Mitteilungen in den uns geschickten Briefen wissen (siehe Reinhard Otto: Wehrmacht, Gestapo und sowjetische Kriegsgefangene im deutschen Reichsgebiet 1941/42. München 1998).

Sibylle Suchan-Floß.

Russland
Jekaterinburg
Anatolij Jefimowitsch Machson.

Die Zeit in der deutschen Gefangenschaft vom 13. Juli 1941 bis 15. April 1945

Nach schweren, langwierigen Kämpfen an der Westfront im Befestigten Raum Nr. 17, 637. Schützenregiment, 140. Schützendivision, wurde ich verwundet und geriet am 13. Juli 1941 im Gebiet Shitomir in deutsche Gefangenschaft. Die Deutschen brachten mich nach Cholm* /Polen (Chelm) in das Konzentrationslager Nr. 319 A. Da ich Jude war und wusste, dass Juden von den Deutschen erschossen werden, schrieb ich mich ein als Ukrainer mit dem Namen Anatolij Wassiljewitsch Martschenko. In diesem Konzentrationslager befanden sich über 200 000 Menschen, aber im Winter 1941/42 starben die meisten der Gefangenen. Nach einer Flecktyphusepidemie wurden alle Überlebenden folgender Prüfung unterzogen: Die Gefangenen mussten sich vor den Lagerbewachern und der Polizei aufstellen und die Hosen runterlassen, man wollte herausfinden, ob sich unter uns Juden befinden. Sie wollten feststellen, wer nach jüdischer Tradition beschnitten ist. Meine russischen Kameraden retteten mich, indem sie mich in die Grube der Lagerlatrine herabließen. Bis zum Gürtel stand ich in menschlichen Exkrementen und wartete dort das Ende der Überprüfung unseres Blockes (Baracke) ab. Anschließend holten sie mich aus der Grube und halfen mir, im Moor alles abzuspülen. Andere Erlebnisse während der Gefangenschaft kann ich ohne Tränen gar nicht beschreiben. Mehrmals habe ich mit einer kleinen Gruppe den Ausbruch aus dem Lager versucht. Aber sie haben uns eingefangen, schlugen uns grausam und sperrten uns wieder ins Konzentrationslager. Wenn sich ein Gefangener mit Krankheitsbeschwerden meldete, wurde er erschossen.

Im August 1942 brachte man uns nach Sangerhausen in Deutschland. Wir wurden in einem Gefängnis untergebracht und zu schweren Transportarbeiten eingesetzt. Dort waren wir etwa 1 Jahr. Später kamen wir in das Lager Nr. 1793, wo wir bis Anfang April 1945 blieben. Am 10. April 1945 mussten wir eine Kolonne bilden und unter Eskortierung durch Soldaten und Hunde ging es in westliche Richtung. Zu dritt nutzten wir die nächtliche Dunkelheit zur Flucht und gelangten nach einigen Tagen ins Kampfgebiet der Amerikaner. Hier erfuhren wir, dass die Bewacher unserer Lagerkolonne den Befehl hatten uns Gefangene zu erschießen. Aber Gott hatte uns beigestanden. So endete am 15. April 1945 meine Gefangenschaft, die 3 Jahre und 8 Monate dauerte.

Wenn ich heute zurückdenke an meine Erlebnisse in der Gefangenschaft, dann erscheint mir manchmal unglaublich, dass das alles mit mir geschah.

Geschrieben von: – Unterschrift –.

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