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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

55. Freitagsbrief (27.07.2007).

222 603, Republik Belarus
Gebiet Minsk.

Sehr geehrte Frau Dr. Hilde Schramm, sehr geehrter Herr Eberhard Radczuweit!

Ihnen und den Bürgern Ihres Landes vielen Dank für die Aufmerksamkeit, die Sie den ehemaligen sowjetischen Kriegsgefangenen erweisen. (…) Während meiner Gefangenschaft lernte ich deutsche Sitten und Gebräuche kennen. Ich werde versuchen, dies in meinem Brief zu schildern. Bei Ausbruch des Krieges befand ich mich in Ostrogoschsk, Gebiet Woronesch, wo ich in der Roten Armee diente. Anfang Juli wurde ich mit dem 479. Infanterieregiment zur Verteidigung von Smolensk an die Front geschickt. Um den 10. Juli herum begannen wir mit der Verteidigung der südlichen Zufahrtswege nach Smolensk. Die Kämpfe waren außerordentlich heftig. Die Erde dröhnte, am Himmel zuckten leuchtende Blitze, der Wind trug Schwaden von Rauch und Asche heran. Bei jeder Salve erzitterten und schwankten die Bäume im Umfeld der großen Geschütze, als ob ein orkanartiger Wind toben würde. Wir wurden ununterbrochen aus der Luft bombardiert und gleichzeitig unter Artilleriefeuer genommen. Anfang August wurden wir von allen Seiten eingekreist, die Munition ging uns aus. Die Umzingelung zu durchbrechen, gelang uns nicht, da die Deutschen die Roggenfelder, in denen wir uns verbargen, abbrannten. Am 4. August 1941 gerieten meine Kameraden und ich in Gefangenschaft. Man trieb uns zu Fuß bis nach Borissowo. Unterwegs wurden Hunderte von gefangenen Soldaten, die verwundet waren oder keine Kraft mehr hatten, erschossen. Ich war im Kriegsgefangenenlager von Borissowo bis zum Spätherbst 1941. Im November lud man uns in Güterwagen und schickte uns per Eisenbahn nach Vilnius, Litauen. Ich kam in ein Sammellager, in dem ich den strengen Winter 1941/1942 verbrachte. Wir lebten in einer großen Baracke ohne Dach und ohne Fenster. Im Winter war es eisig kalt. Essensausgabe war einmal am Tag; es gab aber auch Tage, an denen kein Essen ausgegeben wurde. Die kärgliche Ration bestand aus Kartoffeln und Wasser mit Stroh. Die schmutzigen Kartoffeln wurden samt Stroh aus den Mieten entnommen und in einen Kessel geworfen. Die dünne Suppe gab man uns zu essen. Infolge des Hungers und der Kälte waren viele Kriegsgefangene aufgedunsen und starben. Jeden Tag luden litauische SS Männer die Toten auf Fuhrwagen und warfen sie in zuvor ausgehobene Gräben. Jeder Graben war 30 Meter lang und 2 Meter breit. Wenn ein Graben mit Leichen gefüllt war, wurde er zugeschüttet und ein Kreuz aufgestellt, auf dem geschrieben stand, wie viele Personen dort begraben wurden. Danach wurde ein neuer Graben ausgehoben. Ende März 1942 transportierte man alle gesunden Kriegsgefangenen nach Deutschland. Am 13. Mai 1942 wurde ich ins Lager Stalag-M-SL-304 (IV) gebracht. Bis zum 22. Juni 1942 war ich im Kriegsgefangenenlager Stalag IV-C interniert. Ich trug die Nummer 155163-IV. Aus diesem Lager befreite mich und mehrere andere Männer der Chef einer Zellulosefabrik, die im Sudetenland 25 km von Aussig entfernt an der Elbe lag. Hierhin schaffte man uns. Er stellte uns eine Gemeinschaftswohnung zur Verfügung, in der 27 Mann lebten. In der Fabrik arbeitete ich als Gehilfe eines Schmieds, die anderen als einfache Hilfskräfte. Wir erledigten verschiedene Arten von Arbeiten: Wir bearbeiteten Holz und reparierten defekte Geräte. Angeleitet wurden wir von fünf betagten deutschen Männern, dem Meister des Holzbearbeitungsbetriebs, dem Schmiedemeister und drei angelernten Arbeitern. Ihr Verhalten uns gegenüber war gut und wohlwollend. Sie teilten mit uns alles, was sie hatten. Sie waren nicht schuld daran, dass wir schlecht verpflegt und für unsere Arbeit schlecht bezahlt wurden. Jeder von uns bekam drei Mark pro Monat, die wir für den Kauf von Kartoffeln ausgaben. Ein Arbeitstag dauerte acht Stunden. Wenn jedoch Güterwagen eintrafen, mussten wir zwölf Stunden und länger arbeiten. Die Zwangsarbeit dauerte bis Ende März 1945. Wegen Rohstoffmangels wurde die Fabrik geschlossen, wir aber blieben in Aussig. Im April 1945 wurde diese Stadt befreit. Ich wurde als Militärkommissar in das 214. Infanterieregiment zum Dienst an der Front eingezogen. Nach dem Krieg kehrte ich heim und arbeitete in der Landwirtschaft. Unsere Heimaterde liebte, liebe und werde ich immer lieben genauso wie vor dem Krieg. Ich bin glücklich darüber, dass wir standhielten und siegten und damit nicht nur das eigene Volk, sondern auch Ihr Volk, ja die ganze Menschheit vor der „braunen Pest“ retteten. Und jetzt bitte ich Gott, dass sich die schreckliche Tragödie der vierziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts auf unserer Erde nie wiederholt.

Mit freundlichen Grüßen

Alexandr Georgijewitsch Gapanowitsch

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