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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

54. Freitagsbrief (20.07.2007).

Fortsetzung der Erinnerungen von Michail Iosifowitsch Bochna, sein 2. Brief an KONTAKTE-KOHTAKTbI.

Der hier geschilderte 2. Teil seiner Kriegsgefangenschaft dokumentiert die Differenzierung der Behandlung sowjetischer Kriegsgefangener nach der rassenideologischen und strategischen Planung des NS-Chefideologen Alfred Rosenberg, der die antirussischen und antibolschewistischen Tendenzen in der nationalistischen Bewegung der Westukraine berücksichtigte beim Zwangsarbeitereinsatz. Nach einer OKW-Weisung vom 14.10.1941, Betr. Behandlung von Angehörigen fremden Volkstums aus den Sowjet-Kriegsgefangenen waren die Eintreffenden „sofort nach folgenden Volkstumszugehörigkeiten durchzuprüfen und die beteffenden Volkstumszugehörigen ungehend von den anderen Kriegsgefangenen auszusondern: Volksdeutsche, Ukrainer, Weissruthenen, Polen, Litauer, Letten, Esten, Rumänen, Finnen, Georgier.“ (zitiert nach: J. Osterloh: Ein ganz normales Lager, Leipzig 1997) Volksdeutsche, Ukrainer, Weissrussen, Litauer, Letten und Esten waren im übrigen beschleunigt zu entlassen, tatsächlich scheint das nur vereinzelt geschehen zu sein. Allerdings bedeutete die Entlassung in der Regel auch nur die (unfreiwillige) Überführung in den Zwangsarbeiterstatus. (E. Radczuweit).

Ukraine 48237
Gebiet Ternopol´
Bezirk Gusjatinskij
Michail Iosifowitsch Bochna.

Guten Tag, sehr verehrte Mitarbeiter des Vereins Kontakte-Kontakty! Sehr geehrter Herr Dmitri Stratievski!

Ich habe Ihren Brief erhalten und bin sehr dankbar dafür. (…) Ich freue mich, dass meine Lebensgeschichte für Sie von Nutzen ist. Ihnen umgehend zu antworten, war mir nicht möglich, da ich leicht erkrankt war. Ich habe vor allem Schmerzen in den Beinen und Gelenken, und das Gehen fällt mir schwer. Und so fahre ich nun mit meiner Erzählung fort.

Nachdem die Zuckerfabrik geschlossen wurde, verteilte man uns in Gruppen à zehn Mann auf andere Arbeitsplätze. Ich wurde zur Waldarbeit eingeteilt. Man schickte uns zu zehnt zu einem Holzhaus, das am Rande eines Waldes stand und mit Stacheldraht umzäunt war, damit die Gefangenen nicht weglaufen konnten. Hier befanden sich bereits 82 Mann. Mit uns zusammen ergab dies eine 92köpfige Brigade. Die Verpflegung war schlecht. Morgens zwei Stück Brot und ungesüßter Tee, zu Mittag das Gleiche und abends Steckrübensuppe. Die Arbeit im Wald war schwer. Wer schlecht arbeitete, wurde mit einem Stock geschlagen und bekam auch nichts zu essen. Eines Tages wurde ich Zeuge eines schrecklichen Geschehens. Ein junger Bursche aus unserer Gruppe erkrankte und konnte nicht arbeiten. Daraufhin erschoss ihn ein Deutscher auf der Stelle. Ich erinnere mich an seinen Namen – Wolodja. Dies war eine Lektion für die anderen; alle arbeiteten daraufhin bis zum Umfallen. Nach einigen Monaten wechselte die Begleitmannschaft. Die neuen Leute waren schon besser. Sie passten auf uns auf, aber schlugen uns nicht.

Ich erinnere mich an einen Tag mitten in der Woche. Ein Begleitsoldat kam auf uns zu und befahl uns schreiend, Wasser heranzuschaffen. Ich verstand ihn sofort und sagte zu meinen Kameraden: Los, lasst uns Wasser tragen. Wir waren zu fünft und gingen, von unserem Weg abweichend, zu ihm hin. Er fragte, ob jemand von uns Deutsch verstünde. Ich antworte: Ja, ich. Er stellte mir noch einige Fragen auf Deutsch, die ich beantwortete. Daraufhin sagte er: Los, komm mit! Er führte mich zu seinem Vorgesetzten, der sich einige Zeit mit mir unterhielt. Woher komme ich, wen habe ich in der Heimat zurückgelassen? Ich beantwortete alle seine Fragen. Dann sagte er: Morgen wirst du nicht im Wald arbeiten, sondern hier im Lager als Dolmetscher. Und so blieb ich zwei Jahre lang dort. Es ging mir dank meiner Deutschkenntnisse gut. Morgens erteilte ich Anweisungen, danach war ich so etwas wie ein Lagerverwalter  – ich hatte Kleider und Schuhe, die ich mit bedürftigen Kameraden tauschte.

Eines Tages ließ sich ein Gefangener etwas zuschulden kommen, er hieß Lenja. Ein Offizier befahl mir, ihn mit dem Stock zu schlagen. Ich weigerte mich. Er war sehr verärgert darüber, dass ich ihm nicht gehorchte, und sagte: Morgen wirst du im Wald arbeiten. Ich erwiderte: In Ordnung. Angetreten in der Reihe war auch ein junger Bursche aus Iwano-Frankowsk, Stepan Semjentschuk. Der Offizier gab ihm den Stock, worauf dieser auf Lenja einzuschlagen begann. Er versetzte ihm 25 Stockhiebe, so dass Lenja nicht mehr aufstehen konnte. Ab dann übernahm Stepan die Polizistenrolle. Arbeiten musste er trotzdem wie alle anderen.

Anfang 1943 gab Hitler den Befehl aus, diejenigen Gefangenen von der Bewachung freizustellen, die aus der Westukraine stammten. Acht Männer, mich eingerechnet, wurden daraufhin von der Bewachung, jedoch nicht von der Arbeit freigestellt. Wir bekamen eine Wohnung in dem 10 km vom Lager entfernten Dorf Groß-Dahlum zugewiesen und arbeiteten alle weiter im Wald. Eines Tages sagte der Förster zu mir: Ich würde dich gerne zu einem Motorsägenlehrgang schicken. Wir könnten dann mehr verdienen, und die Arbeit würde leichter werden. Du verstehst dich darauf. Er gab mir eine Adresse, und ich fuhr selbst nach Neurofen (?). Hier war es sehr schön und sauber. Morgens aufstehen, Gymnastik treiben, gut essen und ab in den Unterricht. An dem Lehrgang nahmen mehr als zwanzig Personen teil. Wir wurden ausschließlich auf Deutsch unterrichtet, was mich nicht davon abhielt, den Lehrgang mit der Note „sehr gut“ zu absolvieren. Nach dem sechswöchigen Kurs kehrte ich zurück. Im Wald gab es keine Säge wie die auf dem Lehrgang. Der Förster händigte mir Geld und eine Vollmacht aus, und ich fuhr nach Hamburg, um eine Säge zu kaufen. So wurde ich Motorsägearbeiter und blieb es eine Zeitlang, bis der Förster mir vorschlug, jemand anderen an der Säge einzuarbeiten und selbst die Arbeit eines Waldhüters zu übernehmen. Ich gab Brennholz aus und bestimmte, wo und was gefällt wurde. Es ging mir gut, ich musste nicht hungern und hatte Geld. Hier erlebte ich auch das Kriegsende.

Ich freute mich sehr, endlich heimfahren zu können, Mama und Papa wiederzusehen. Der Förster sagte zu mir: Michail, bleib hier, es geht dir hier ganz gut, frische Luft und keine schwere Arbeit. Ich aber dachte mir: Alle kehren aus dem Krieg zurück, und meine Eltern erwarten mich sehnsüchtig. Uns hatten die Amerikaner befreit, und so fuhren viele meiner Freunde nach Amerika. Auch ich hätte gekonnt – dort lebten Verwandte meines Vaters –, doch ich tat es nicht. Im Juni fuhren die ersten Leute heim, und auch ich beschloss zu fahren. Ein Deutscher verfrachtete uns auf einen Anhänger und fuhr uns mit dem Traktor zur Grenze, die entlang der Elbe verlief. Auf der Brücke standen Soldaten. Sie erkundigten sich nach unserer Nationalität und ließen uns passieren. Wir fuhren über die Brücke und wurden von einem Militärorchester empfangen – Musik, große Freude, wir fahren heim. Während wir ausstiegen, kamen zwei Polizisten und führten Stepan ab. Wir kamen schnell mit den anderen Leuten ins Gespräch. Als die beiden Polizisten zurückkamen, fragten wir sie: Wo ist Stepan? Sie antworteten: Ein Hund verdient einen Hundetod. Wir haben ihn erschlagen und in den Kanal geworfen. Danach stattete man uns mit einigen Sachen aus. Ein Militärangehöriger kam auf uns zu und erklärte, dass es für unsere Heimkehr noch zu früh sei, wir müssten noch einige Zeit in der Armee dienen.

Nach einigen Tagen erhielten wir den Befehl, zu Fuß gen Heimat zu marschieren. Und so setzte sich unser 7. Sonderbataillon in Bewegung. Morgens gab es eine Suppe, zum Mittagessen nur Zwieback, und abends wurde irgendwo übernachtet, vorwiegend in Wäldern. Jeden Tag marschierten wir 65-70 km und kamen nach sechs Wochen in Belorussland, in Brest-Litowsk an. Hier blieben wir mehrere Tage. Man sagte uns, wir würden in den Krieg gegen Japan ziehen, was uns Angst einjagte. Ich dachte mir: Die Deutschen haben mich nicht getötet, das werden nun die Japaner erledigen. Man steckte uns in Güterwagen, und so näherte ich mich fahrend meiner Heimat. Die Verpflegung war schlecht. Auf den Bahnhöfen verkauften Frauen eine Art Gebäck, wir hatten aber kein Geld. In zwei Wochen kamen wir bis zum Ural. In Kisel ließ man uns aussteigen und erklärte uns, dass wir nicht weiterfahren würden, weil der Krieg bereits vorbei sei. Amerika hätte zwei Atombomben über Japan abgeworfen und Japan hätte kapituliert. Wir hätten nun die Aufgabe, unser vom Krieg zerstörtes Vaterland wiederaufzubauen. Und so kam ich in das Shdanow-Bergwerk Nr. 6. Die Arbeit dort war schwer, gar nicht nach meinem Geschmack, und die Verpflegung war schlecht. Eines Tages sah ich einen Anschlag, auf dem Schneider gesucht wurden. Ich riskierte es, obwohl ich ganz wenig Ahnung vom Nähen hatte. Aber warme Unterhemden nähen, das konnte ich. Pro Schicht mussten sechs Unterhemden oder neun Hosen genäht werden. So habe ich diese Arbeit gemacht, wenn auch nicht gerne. Ich habe auch gelernt, Anzüge und Mäntel zu nähen, was mir später im Leben sehr geholfen hat. Nach der Schicht durfte man für sich selbst etwas nähen. Ich begann nicht schlecht zu verdienen, vor allem verdiente ich mir damit mein Brot. Allerdings quälte mich dauernd ein Gedanke: Wie komme ich nach Hause zu meiner Familie? Aus diesem Gebiet einfach wegzufahren, war nicht möglich. Eines Tages  – ich war zur Heuernte nach Nowosibirsk abkommandiert worden  – entschloss ich mich, zusammen mit einem aus dem Gebiet Wolhynien stammenden Kameraden auf einen Güterwagen aufzusteigen und heimzufahren. Dies erforderte Geduld und war schwierig, dennoch sind wir losgefahren. Und so erreichte ich unter großen Schwierigkeiten mein Heimatdorf. Auf dem Lande herrschten damals schreckliche Zustände. In den Wäldern trieben sich Banditen herum, so dass ich still zuhause saß und mich nicht hinauswagte. Später dann ging ich ins Bezirkszentrum und meldete mich an. Für mich begann ein schweres Leben. Alles hätte sich anders entwickelt, wenn ich nach Amerika gegangen oder in Deutschland geblieben wäre. Doch man entgeht seinem Schicksal nicht. Hiermit ende ich meinen Brief. Auf Wiedersehen! Ich wünsche Ihnen alles Gute!

Mit freundlichen Grüßen

Michail Bochna

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