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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

53. Freitagsbrief (13.07.2007).

Ukraine 48237
Gebiet Ternopol´
Bezirk Gusjatinskij
Michail Iosifowitsch Bochna.

Sehr geehrte Herr Gottfried Eberle, Herr Eberhard Radczuweit und andere Mitglieder Ihrer Gesellschaft,

Mit Respekt und großer Dankbarkeit wendet sich an Sie Michail Iosifowitsch Bochna, ehemaliger Kriegsgefangener. Ich habe mich am Abend meines Lebens über Ihren Brief und Ihre Hilfe sehr gefreut. Mein ganzes Leben lang hat sich niemand für meine Person, mein Schicksal interessiert. Sehr oft erinnere ich mich an die Hölle der Vergangenheit. Ich bin sehr dankbar, dass Sie Ihr gemeinnütziges Projekt ins Leben gerufen haben. Sie unterstützen ehemalige Kriegsgefangene, Menschen, die als Geiseln des bösen Schicksals gelten. Mit nassen Augen habe ich Ihren Brief gelesen. Damit habe ich doch noch einen Grund für meine Überzeugung gefunden: in der Welt gibt es gute Menschen. In meinem Leben habe ich einfache Bürger Deutschlands getroffen, die mich gut behandelt haben, unabhängig davon, dass ich für diese Menschen fremd war, man kann sagen, ein Feind (Anm. d. Übers.: „Feind“ deutsch geschrieben).

Ich möchte gerne einen kleinen Lebensabschnitt beschreiben.

Heute lebe ich allein. In der Nähe wohnt meine Tochter Oksana, Lehrerin von Beruf. Ich 86-jähriger Mann bin auf ihre Hilfe angewiesen. Meine Ehefrau Jekaterina starb vor einem Jahr nach einer schweren, langen Krankheit. Mein Sohn Stepan arbeitet als Chirurg in Sibirien. Jetzt habe ich viel Freizeit. Ich brachte mein ganzes Leben, mit dem Geburtsjahr angefangen, zu Papier. Ich denke, jemand wird Interesse daran haben, über das schwere Leben eines Menschen zu lesen. Man kann ein Buch drucken, dafür haben wir momentan keine Möglichkeit. Meine Tochter beschäftigt sich damit. Auch wenn das Buch in die Welt nicht kommt, wird wenigstens für die Enkelkinder interessant sein, die Notizen ihres Opas zu lesen.

Gut, jetzt komme ich zum Hauptthema: wie ich in Kriegsgefangenschaft geriet.

Am 6. Mai 1941 wurde ich, Geburtsdatum 10. März 1919, in die Armee einberufen. Während des Wehrdienstes fing ich mit einer Fahrerausbildung an. Ich habe mich gefreut, einen nützlichen Beruf zu erlernen. Meine Träume waren gut und naiv. Am 22. Juni begann jedoch der Krieg. Die Altgedienten haben unsere LKWs mitgenommen und waren weg. Wir junge Soldaten gehörten ab sofort zur Infanterie und marschierten an die Front. Wir waren jung und militärisch kaum ausgebildet. Wir konnten noch nicht richtig schießen, wurden jedoch gegen die perfekt ausgerüstete deutsche Armee eingesetzt. Die Faschisten stießen vor. Wir konnten uns nicht wehren und zogen uns zurück. Den Deutschen gelang es, uns einzukreisen und gefangen zu nehmen. Natürlich betraf das nur jene, die noch am Leben waren.

Wir wurden in die Ortschaft Opotscha im Gebiet Kalinin getrieben. Wir wurden in einem Hof eingesperrt. Unsere Artillerie nahm Opotscha unter Beschuss. Ein Geschoss traf die Hintermauer vom deutschen Stabsgebäude. Ein Deutscher sprang aus dem Haus und rief laut einen anderen Deutschen, der uns bewachte. Fast alle konnten nicht verstehen, was er schrie. Ich hatte in der Schule Deutsch gelernt und gute Noten gehabt. Ich verstand, dass der Stabsoffizier befohlen hat, uns zu töten. Der Wächter konnte Polnisch. Er sagte uns: „Wenn Ihr Euer Leben retten wollt, müsst Ihr sofort weglaufen!“ Wir haben das zuerst nicht geglaubt. Dann begriffen wir, dass er uns tatsächlich frei lässt. Unsere Gruppe von sechs Mann, die einander gut kannten, floh. Wohin sollten wir fliehen? Alles war in Rauch. Die Geschosse explodierten hier und da. Wir rannten ziellos umher. Plötzlich hörten wir „Halt!“. Eine deutscher Soldat hielt uns an und führte uns zum Fluss. Der Deutsche war bereit, den Befehl auszuführen, nämlich uns zu erschießen. Unerwartet hat Gott sein Wort gesagt. Es hielt ein PKW. Aus dem Auto stieg ein Deutscher aus, anscheinend ein hochrangiger Offizier, mit Orden an der Uniform. Er kam näher und fragte, woher wir kommen. Er sprach Russisch. Als er merkte, dass wir ukrainisch antworten, begann er auch Ukrainisch zu sprechen. Wir haben uns bedankt. Danach wurden wir zur größeren Gruppe der Kriegsgefangenen geführt.

Hier blieben wir 10 Tage. Das Essen war nicht schlecht. Eines Tages wurden wir mit dem Güterzug nach Ebenrode in Ostpreußen verschleppt. Dort wartete ein Lager auf uns, das folgendermaßen aussah: eine große ebene Fläche, mit Stacheldraht umzäunt. Der Zaun war etwa drei Meter hoch. Er war befestigt an massiven Stollen. In der Mitte des Geländes gab es eine Strasse. Beiderseits der Strasse standen große Zellen, fast wie Käfige. In diese Zellen wurden wir eingesperrt. Die Gruppe, die in einer Zelle saß, wurde zur Arbeit zusammengeführt. Die Bewachung war sehr stark. Es gab keine einzige Fluchtchance. Das Essen war unerträglich schlecht. Das Kraut wurde zusammen mit Ungeziefer zubereitet und uns angeboten. Das war unser Mittag. Abends bekamen wir ein Brot für fünf Männer. Das Brot wurde dem letzten Kriegsgefangenen in einem Glied übergeben. Er war für die Verteilung zuständig. Nicht immer bekamen wir unser Brot. Alle waren jung, hungrig. Die vor Hunger geschwollenen Menschen starben massenhaft.

Wir schliefen auf dem kühlen und nassen Boden, wie das Vieh. Jede Nacht wurden etwa 600–700 Tote abtransportiert. Abends kamen neue Häftlinge an. Wir haben nachts abwechselnd Wache gehalten, als wir erfuhren, dass die Verstorbenen von anderen Gefangenen gefressen wurden. Der Wachhabende sollte das verhindern, wenn einer von uns starb. Es war schwer, dies zu ertragen. Das war die Hölle auf Erden.

Ich hatte einen Bekannten, einen Deutschen, der als Dolmetscher arbeitete. Wir haben uns ab und zu unterhalten, als er den Wunsch hatte, neue Wörter zu erlernen.

Die Gegend ums Lager befand sich in Meeresnähe. Hier regnete es sehr häufig. Wir standen wie Vieh dicht zueinander, bildeten Gruppen bis zu 100 Menschen. Wir standen schweigend unter dem Regen. Als es aufhörte zu regnen, ging jeder in eine beliebige Richtung innerhalb der Zelle. Manche lagen direkt auf dem Boden, tranken das Regenwasser aus dem Pfuhl. Morgens mussten wir zur Arbeit gehen. Wir saßen zuerst eine kurze Zeit auf dem Boden, machten die Augen zu und warteten, bis der Kopfschwindel etwas abnahm. Dann konnten wir aufstehen.

Ich kann immer noch nicht ruhig darüber sprechen. Die Tränen fließen über meine Wangen. Ich war damals 22 Jahr alt. Ich wollte leben, einfach weiterleben. Der Tod wartete jede Sekunde auf mich. Nur durch Zufall konnte ich aus diesem Lager zurückkehren. Sonst wäre ich schon seit langem tot. 600 Personen wurden für den Arbeitseinsatz ausgewählt und aus diesem Lager in ein anderes Lager gebracht. Darunter war ich. Ich will meine Lagernummer nennen. Sie lautete 8618.

Im ersten Lager blieb ich drei Monate. Nach dem Umzug in das andere Lager ging es uns schon besser. Hier wurden unsere Namen und Adressen notiert. Eine Woche später wurden wir zur Arbeit in eine Zuckerfabrik geführt. Hier hatten wir Duschmöglichkeit, bekamen saubere Kleidung, die bereits mit irgendwelcher Salbe gegen das Ungeziefer geschützt war. Hier waren die Lebensbedingungen einfach schön. Jeder hatte ein eigenes Bett, Bettzeug, Essen. Am ersten Arbeitstag haben wir, hungrig und abgemagert, in unglaublichem Tempo den Zucker gegessen. Hier gab es ein gutes Essen, vier Mal täglich. Als ich in der Fabrik ankam, wog ich 47 Kilo. Zum Ende der Arbeit in der Fabrik lag mein Gewicht bei 94 Kilo. Bald war aber die Fabrik zu. Wir hatten keine Arbeit mehr gehabt. Unsere Gruppe wurde weitergeführt. Danach musste ich Bäume fällen. Hier arbeitete ich bis zum Kriegsende.

Damit will ich meinen Brief beenden. Wenn Sie Interesse haben, kann ich im nächsten Brief meinen weiteren Aufenthalt in Deutschland schildern.

Alles Gute

Hochachtungsvoll

Bochna Michail Iosifowitsch.

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