Direkt zum Navigationsmenü.


KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

525. Freitagsbrief (vom Februar 2008, aus dem Russischen von Valerie Engler).

Russland
Moskau
Aleksej Semenowitsch Shurawlew.

Sehr geehrter Eberhard Radczuweit!

Ich habe Ihren Brief bekommen. Vielen Dank für Ihre Neujahrswünsche. Auch ich möchte Ihnen und Ihrer Familie sehr verspätet ein Frohes Neues Jahr wünschen sowie Gesundheit und Erfolg. Ganz nach dem Sprichwort „Besser spät als nie“.

Ich erinnere mich noch an Neujahr 1944 [?], als ein Offizier, der von der Ostfront zurückgekommen war, um 12 Uhr nachts mit der Lagerleitung zu uns in die Baracke kam, weil er sich mal ansehen wollte, wie denn die russischen Kriegsgefangenen so waren. Natürlich sahen wir nach der schweren Fronarbeit sehr erschöpft und elend aus und legten beim Auftauchen der Gäste keine große Freude an den Tag.

Später erfuhren wir, dass dieser Offizier für einen Kurzurlaub zu seiner Familie aus Stalingrad gekommen war, wo seine Armee eine schwere Niederlage erlitt. Wir arbeiteten im Steinbruch, wenn ich mich richtig erinnere, in einem Vorort von Rübeland [Harz].

Dort gab es Berge, aber sie waren nicht sehr hoch. In diesen Bergen führten sie Sprengungen durch, in deren Folge große Steinblöcke abbrachen. Wir mussten diese Blöcke per Hand mit großen Hämmern bis zu einer bestimmten Größe zerschlagen und sie dann auf Loren verladen. Die gefüllten Loren wurden zu einem Steilhang gefahren, unterhalb dessen ein Werk zur Verarbeitung der Steine war. Jeder musste am Tag 15 Loren verladen, und wer das nicht schaffte, der bekam zur Strafe abends keine Lagersuppe oder er kam in den Karzer. Ich kam einmal in den „Genuss“, im Karzer zu übernachten, weil ich die Norm nicht erfüllt hatte. Ich kann Ihnen sagen, sowohl in physischer wie in psychischer Hinsicht war das eine schreckliche Erfahrung.

Beim zweiten Mal hatte ich Glück und konnte dem Karzer entrinnen. Das war schon im April 1945. Die Alliierten rückten auf Rübeland vor und wir wurden hastig ins Landesinnere evakuiert.

Seit Anfang 1945 flogen in regelmäßigen Abständen Geschwader von schweren amerikanischen Bombern über unser Lager. Wir wurden dann schnell in einen Bunker in den Bergen getrieben. Für uns war das eine Zeit der Erholung, für die Wachleute waren es Stunden des Schreckens. Später kamen Gerüchte auf, die Alliierten würden zum Angriff auf Dresden fliegen. Wie die Bombardierung ausging, wissen Sie besser als ich. Eine brutale Operation der Alliierten.

Jetzt zur Gegenwart.

Gemeinsam mit Ihnen bedauere ich den Tod des Schuldirektors, Ihres guten Freundes, mit dem Sie, wie ich verstanden habe, gerne zusammen waren und zusammengearbeitet haben. Ich lese Ihre Bulletins mit großem Interesse, darin steht sehr viel wichtige Information. Wenn Sie nach Moskau kommen, wie ich es Ihrem Brief entnommen habe, rufen Sie mich bitte an.

Ich wünsche Ihnen Glück und Erfolg,

Ihr A. S. Shurawlew.

****.

Den Pianisten Shurawlew lernte ich in unserer damaligen Partnerschule des russisch-jüdischen Reformpädagogen und Schuldirektors Alexander N. Tubelsky bei einem Meeting mit Schülern unseres Projekts „Schüler helfen NS-Opfer“ kennen. E. Radczuweit.

Zum Seitenanfang


Zurück zum Seitenanfang.