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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

524. Fretagsbrief (vom Februar 2007, aus dem Russischen von Dmitri Stratievski).

Belarus
Gebiet Gomel
Grigorij Iwanowitsch Schowgenija.

[…] Ich, 84-jähriger Bürger von Belarus, ehemaliger Kriegsgefangener, von der deutschen Wehrmacht gefangen genommen, wünscheKONTAKTE alles Gutes. Den Gründern und Mitwirkenden wünsche ich beste Gesundheit, bestes Familienleben und viel Erfolg im Privatleben sowie Stabilität im Lande, hellen Himmel und geschmackvolles Brot. Möge die Freundschaft zwischen dem deutschen und dem belarussischen Volk ewig andauern!

[…]

Vor dem Krieg war unsere Militäreinheit in Alytus stationiert, damals Litauische Sowjetrepublik. Die Militärausbildung lief routinemäßig. Wir erwarteten nichts. Am 22. Juni 1941 um 4 Uhr gab es Alarm. Die geweckten Soldaten sahen deutsche Geschwader. Auf dem Gelände unserer Militäreinheit explodierten Bomben. Es waren Schussgarben von unseren Jägern und Bombern zu hören. Es kam zur Panik. Trotzdem nahmen alle Unterabteilungen die Verteidigungsstellung ein. Am Abend des 22. Juni 1941 begann der ungleiche Kampf gegen die Deutschen. Er war sehr brutal. Am Ende wurden wir von den Deutschen belagert. Viele Soldaten und Offiziere fielen. Eine relativ kleine Gruppe, darunter ich, wurde gefangen genommen. Das war in einem Wald auf litauischem Gebiet. So begann für mich und für meine Kameraden ein „glückliches“ Leben im Rahmen des deutschen Programms „Neue Ordnung“.

Als erstes gab es das Lager in einem Pferdestall der ehemaligen Artillerieeinheit in Grodno [Stalag 324Z]. Am Morgen wurden alle Kriegsgefangenen aus dem Stall weggeführt und in Vierer-Kolonnen gestellt.Ein deutscher Offizier zählte alle Gefangene ab. Damit sollte jeder vierter Mann nach vorne kommen. So zählte er: „Eins, zwei, drei, vier – raus!“ [im Original deutsch mit kyrillischen Buchstaben d. Übers.]“Alle Soldaten aus dieser Gruppe „vier – raus“ wurden an die Wand gestellt und in Anwesenheit der glücklich Überlebenden erschossen. Das war für mich eine Art „Taufe“ für die spätere Kriegsgefangenschaft, das erste, was ich im deutschen Gewahrsam in den ersten Tagen gesehen habe. Das taten bestialische deutsche Soldaten, vielleicht Mitglieder einer der Jugendorganisationen unter Hitler, Hitlerjugend oder SS. [Wahrscheinlich die Aussonderung und Erschießung von Juden und „Kommissaren“.]

Weiter ging es noch schlimmer. Spätherbst 1941. Wir Kriegsgefangenen wurden von einem Lager zum anderen getrieben.Die Lager befanden sich auf offenem Feld.Das Feld wurde mit einigen Stacheldrahtreihen umzäunt. Es gab kein Dach. Essen gab es einmal täglich, Rübe oder Kohlrabi. Um vor Kälte nicht sterben, musste man mit dem Kessel Erdlöcher ausgraben und schließlich reinkommen. Dass war im Lager Chisborn, unweit von der polnischen Stadt Suwalki [Stalag IE/F]. In diesem Lager verbrachte ich den ganzen Winter und den Sommer 1942. Danach wurden wir in Güterwaggons nach Hohenstein transportiert. Das war ein großes KZ in Ostpreußen [Stalag IB]. Hier blieb ich bis Frühjahr 1943. Während der Lageraufenthalte arbeitete ich schwer. Ich lud in den Bahnstationen Waffen für die deutsche Armee, die an die Ostfront geschickt wurden. Wir Kriegsgefangenen wurden schlecht ernährt, genauso schlecht, wie Sie, meine Herren, in Ihrem Brief geschrieben haben, nur für die nackte Existenz. In ganz vielen Fällen wurde uns auch die Existenz nicht garantiert. Als Schuhe für Kriegsgefangene galten aus einem Stück Holz gefertigte Holzpantinen. Das Ziel war die Vermeidung der Flucht aus dem Lager. Ich denke, einige Exemplare dieser Schuhe sind in deutschen Museen zu finden.

Im Lager Stalag IA [Stablack] bekam ich die Kriegsgefangenennummer 29711. Im Frühjahr 1943 wurde ich mit einer Gruppe von 20 Mann nach Guttenbach-Waldheim geschickt. Uns bewachten zwei Wächter, ältere bewaffnete Wehrmachtssoldaten. Wir arbeiteten in der Landwirtschaft: pflegten Roggen, Bohnen, Kartoffel, bereiteten Viehfutter für Schweine und Pferde vor und brachten die Ernte ein. Auf diesem Bauernhof musste ich bis Februar 1945 arbeiten. Im Februar 1945 wurden alle Kriegsgefangenen aus der Ortschaft Guttenbach-Waldheim ins Stalag IA zurückgebracht. In der Nähe gab es eine Stadt, Stablack. Diese Stadt erreichten Ende Februar die Einheiten der Sowjetarmee. Paradoxerweise trieben die Deutschen alle Gefangene, etwa 300 Personen, zu Fuß von Stablack nach Danzig. Zu dieser Zeit explodierten bereits in Danzig die Geschosse der Sowjetarmee. Mit einem Frachtkahn waren wir 13 Tage lang nach Westdeutschland unterwegs. Vielleicht hoffte jemand noch, dass den Krieg von der Wehrmacht gewonnen werden könnte. Dann würde die kostenlose Arbeitskraft von Kriegsgefangenen noch gebraucht werden. 13 Tage Schifffahrt über die Nordsee [Ostsee], ohne Essen und Trinken. Es gab viele Gefahren: Minen, Luftangriffe, U-Boote … Am 13. Reisetag, als der Frachtkahn an der Anlegestelle von Lübeck endlich andockte, konnte niemand von uns diese „eiserne Festung“ selbständig verlassen. Wir wurden mithilfe von Tragen weggebracht.

Danach wurden die Gefangenen nach Marne [Holstein] geliefert. Unsere Aufgabe war, Befestigungen für die Wehrmacht zu bauen. Später transportierte man uns zum Kieler Kanal [Nord-Ostsee-Kanal]. Zum Glück, oder zum Unglück, wer weiß, dauerte es nicht lange. Ende April-Anfang Mai befreiten uns die Alliierten-Truppen in der wunderschönen Hafenstadt Eckernförde.

Ich war nicht lange in Eckernförde. Die Alliierten übergaben unsere Gruppe der Kriegsgefangenen als Repatriierte an die sowjetische Besatzungsmacht in der Stadt Laage. Im August 1945 wurde ich nach entsprechender Prüfung durch zuständige Behörden in die Sowjetarmee einberufen. Ich diente bei den sowjetischen Besatzungstruppen in Deutschland in der Stadt Güstrow, die unweit von Neu-Brandenburg liegt. Im Dezember 1946 wurde ich demobilisiert. Als Freigemeldeter arbeitete ich als Buchhalter in einer Werkstatt bei der Militäreinheit, Feldpostnummer 06680.Ich half älteren Deutschen, die ihre Söhne im Krieg verloren hatten. Ich gab einen Teil meiner Lebensmittelration kostenlos weiter: Mehl, Weizen, Zucker und Konserven. Mir taten diese Alten ohne Söhne leid, arme Frauen und Männer. Ich wohnte in der Neue Straße 42 in Güstrow.

Am 15. Juni 1947 kehrte ich in meine kleine Heimat zurück. Ich fand eine Arbeitsstelle. Als ich etwas Geld gespart hatte, renovierte ich mein Haus. Es war im Krieg verschont geblieben. Das Dach war aber von einer deutschen Granate durchschossen worden. Im Juni 1950 heiratete ich. Meine Ehefrau war auch Opfer des Faschismus. Als minderjähriges Mädchen wurde sie nach Deutschland verschleppt und zur Arbeit als Putzfrau in Köln gezwungen. Wir zogen einen Sohn und zwei Töchter groß. Leider starb meine Frau am 21. Februar 2003. Sie war Invalide der 1. Gruppe. …

Heute lebe ich allein. Meine Töchter und fünf Enkel leben in Minsk. Sie haben eine Hochschulbildung, die sie in der UdSSR kostenfrei bekamen. Sie erhielten sogar ein Stipendium vom Staat. Die Tochter meines Sohnes ist Deutschlehrerin. Sie hatte eine Fortbildung in Deutschland. Heute macht sie ein Aufbaustudium. Das ist heutzutage nicht leicht. Der Wissenschaft geht es aber überall schwer, auch im reichen Deutschland.

Ich bedanke mich bei Ihnen, meine Herren, für die überwiesene Hilfe. Ich möchte Sie zu mir zu Gast einladen. Unsere alte Stadt Turow ist über 1000 Jahre alt. Allerdings hat die Stadt heute ganz wenige Einwohner. Die Stadt ist aber als uralte Siedlung von Dregowitschi [altslawischer Stamm] in vielen alten Schriften beschrieben, eine lange Geschichte. In der Umgebung von Turow gibt es schöne Natur. In der Nähe fließt der Fluss Pripjat. Weiter gibt es wunderbare Eckchen der Natur. Es existiert ein Naturschutzgebiet mit unangetasteten Arten von Flora und Fauna. Ich kann meine kluge Enkelin Anjetschka einladen, die fast fehlerfrei Deutsch spricht. Sie kann Ihre Gruppe bei der Reise durch das Gebiet Turow als Dolmetscherin begleiten, damit auch sprachliche Probleme gelöst werden könnten. Sie haben jetzt das Wort. Auf diese Weise können wir uns persönlich kennen lernen.

Mit großer Hochachtung.

15. Februar 2007.

Verzeihen Sie mir bitte für die Handschrift. Vielleicht wollten Sie etwas anders erfahren.

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Am 30. Dezember 2016 enden die „Freitagsbriefe“. Wir empfehlen den Band.

„Ich werde es nie vergessen“ – 60 Briefe sowjetischer Kriegsgefangener 2004–2006.

270 Seiten, mit Beiträgen der Historiker Christian Streit, Grigorij Golysch, Peter Jahn, Pavel Polian, Dmitri Stratievski sowie zum Bürger-Engagement für vergessene NS-Opfer von Hilde Schramm und Eberhard Radczuweit.

Ermäßigter Preis 9,90 € (+ Porto) Bestellung unter info [at] kontakte-kontakty.de.

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