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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

523. Freitagsbrief.

Ukraine
Gebiet Wollynien
Iwan Grigorjewitsch Knysch.

Sehr geehrte Frau Hilde Schramm und Herr Eberhard Radczuweit sowie alle „Kontakte“-Mitglieder.

Ich bin für Ihre Hilfe und Ihre Wünsche sehr dankbar. Sie haben die schrecklichen Ereignisse, die vor 66 Jahren passierten, nicht vergessen. Am 15.08.1939 bin ich im Alter von 28 Jahren einberufen worden. Das Militärkommissariat hat mich an die deutsch-polnische Grenze überwiesen. Ich hatte gar keine Gedanken, dass Krieg wäre. Ich dachte, das wäre eine Übung oder eine militärische Ausbildungsmaßnahme sein. Zu Hause ist meine Frau mit zwei Kindern geblieben. Meine Tochter war 7 Jahre alt, der Sohn ein Jahr alt. Der Krieg begann am 1. September 1939. Ich geriet sofort an die vorderste Linie. Dann kam die Gefangenschaft, zwei Jahre in Hunger und Kälte. Ich war im Militärlager in Luckenwalde, arbeitete auf einer Ziegelsteinfabrik, im Steinwerk, in der Landwirtschaft und in Möbelfabriken bei Lückow, Hamburg und Breslau. In diesem Zeitraum bin ich zweimal geflüchtet. Der erste Versuch misslang. Ich wurde 14 Tage später gefasst. Zum zweiten Mal flüchtete ich aus Breslau. Im Oktober 1941 kam ich nach Hause.

1944 bin ich in die Sowjetarmee einberufen worden. Ich war an der Befreiung Polens beteiligt. 18.02.1945 wurde ich in etwa 40 km vor Berlin verletzt. Meine Behandlung fand in Lodz und Tschenstochow statt und dauerte 9 Monate. Im November 1945 kehrte ich nach Hause zurück. Nach dem Krieg arbeitete in der Landwirtschaft, später auch als Buchhalter in einem landwirtschaftlichen Kooperationsunternehmen. Jetzt bin ich 94 Jahre alt. Alle Schrecken des Krieges habe ich bis zu jeder Einzelheit im Gedächtnis. Sehr oft erzähle ich darüber meinen Enkeln und Urenkelkindern. Meine Kinder sind schon längst tot. Mein Sohn kam 1973 ums Leben, meine Tochter starb 1978 an einer Krankheit, die Ehefrau starb 1990. Ich habe 3 Enkelkinder, 4 Urenkel und eine Schwiegertochter, die in einer 20 km entfernten Ortschaft leben. Ich wohne alleine. Meine Verwandten besuchen mich einmal wöchentlich. Ich kann mich noch um mich selbst kümmern. Ich habe ein eigenes Haus, einen Gemüsegarten, etwas Geflügel.

Ich möchte der heutigen Generation Folgendes wünschen: Ihr müsst den Krieg verhindern. Ihr sollt den Krieg nie spüren. Alle Konflikte kann man friedlich lösen. Die einfachen Menschen in unserem und in Ihrem Land brauchen keine Kriege. Da bin ich sicher. Der Mensch hat nur ein Leben. Die Kriege haben so viele Leben zerstört. Die Kinder wurden Waisen, die Frauen Witwen. Wem kommt es zugute?

Ich bedanke mich noch einmal für Ihre Wünsche und Ihre Sorgen.

Hochachtungsvoll.

Iwan Knysch.

07.02.05.

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