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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

522. Freitagsbrief (vom April 2006, aus dem Russischen von D. Stratievski).

Russland
Kaluga
Walerij Michajlowitsch Panasow.

Sehr geehrte Herr Gottfried Eberle, Frau Hilde Schramm und Herr Eberhard Radczuweit.

Ich, Walerij Michajlowitsch Panasow, begrüße Sie und die anderen Mitarbeiter Ihres Vereins. Ich wünsche Ihnen beste Gesundheit und viel Gelingen in Ihrer edlen Arbeit. Ihre humanitäre Hilfe von 300 Euro habe ich erhalten. Vielen Dank! Das Geld habe ich mit einer gewissen Fassungslosigkeit und Peinlichkeit in meiner Seele entgegengenommen. Ich fühle mich etwas unwohl. Die Mitglieder Ihres Vereines sind bestimmt nicht reich. Sie haben das schwer verdiente Geld aus eigener Tasche genommen und mir gegeben.

[…]

Ich weiß nicht, warum Gott meinem Volk und meinem Land ein brutales und schonungsloses Schicksal zugeteilt hat. Zwei Jahrtausende konnten wir nicht als normale Menschen leben: Tatarenjoch, Leibeigenschaft, kommunistisches Regime … Alles richtete man gegen die Menschen. Vielleicht ist Gott daran nicht schuldig? Vielleicht sind, wie unser Schriftsteller sagt, schlechte Straßen und Dummköpfe daran schuld? Ich weiß es nicht.

Im Juni 1940 wurde ich in die Armee einberufen. Zu diesem Zeitpunkt war ich seit sechs Monaten verheiratet. Meine Ehefrau erwartete ein Kind. Zum ersten Mal sah ich meinen Sohn, als er sechs Monate alt war. Zum zweiten Mal sah ich ihn, als ich heimkehrte. Mein Sohn war sechs Jahre alt.

Meine Militäreinheit war in Leningrad stationiert. Am Tag des Kriegsbeginns hatten wir Militärmanöver. Am Mittag kamen wir nach Wyborg und erfuhren vom Kriegsbeginn. Mit der Bahn schickte man uns nach Nowgorod. Wir eroberten die Stadt und trieben die Deutschen zurück. Wir bewegten uns Richtung Staraja Russa und Ilmen-See. Bald mussten wir uns nach Luga zurückziehen. Etwa 2–3 Monate konnten wir unsere Stellung halten. Danach schickte man uns zu den unterschiedlichen Frontabschnitten bis zum Ladoga-See. Wir verloren die Mehrzahl der Soldaten. Im Herbst war uns gelungen, am rechten Newa-Ufer die Stellung zu nehmen. Die Deutschen kreisten Leningrad vollständig ein. Die Lebensmittel- und Munitionslagern wurden niedergebrannt. Das spürten wir sofort auf der eigenen Haut.

Der Winter 1941/1942 war sehr schwer. Die deutsche Luftwaffe herrschte am Himmel. Sie bombardierte alles, was noch zu sehen war. Es gab fast keine Luftabwehr. Wir hatten bereits keine Luftwaffe mehr. Die Artillerie sollte meist schweigen, weil die Einheiten nicht berechtigt waren, einige Geschosse über festgeschriebene Tagesmenge zu verbrauchen. Die Bombenangriffe, Artillerie- und Minenbeschuss dauerten den ganzen Tag. Die Essensration war sehr klein. Es war unmöglich, ein Erdloch zu graben. Überall war nur Wasser. Wir befanden uns im Sumpfgebiet. Wir bauten Laubhütten und zündeten vorsichtig ein Feuer ohne große Flamme und Rauch. Aus einer Tonne bastelten wir einen kleinen Ofen. Mehr hatten wir nicht. Tagsüber bauten wir eine Überfahrt über die Newa. Im April 1942 wurde uns gemeldet, dass wir den Kessel durchbrechen sollten. Von der anderen Seite sollte eine gut bewaffnete Armee vorstoßen. Unsere Aufgabe war, die Höhen von Sinjawino zu stürmen. Ich sah aber keine Höhen. Wir gelangten noch tiefer ins Sumpfgebiet. Die Deutschen sperrten uns ein. Die Newa hatte bereits Eisgang. Alle Übergänge waren zerstört worden. Wir konnten uns nicht mehr zurückziehen. Die Deutschen teilten unsere Einheiten in kleinen Gruppen und vernichteten diese einzeln. Nach einwöchigem Umherirren durch unendliche Sümpfe wurde ich gefangen genommen. Wir waren hungrig, krank und erschöpft. Die Kleidung war vollständig verschlissen. Die Deutschen stellten eine Kolonne zusammen und trieben uns zur Eisenbahnlinie. Die Waggons waren voll. Im Inneren konnte man nur dicht beieinander stehen. Wir standen sechs Tage lang, ohne Wasser oder ein Stück Brot. Morgens wurden die Türen aufgemacht. Der Befehl lautete: „Tote raus!“ Am sechsten Tag warf man zwei Brote und zwei Eimer Wasser rein. Der Zug fuhr weiter. Letzten Endes kamen wir in die Stadt Kaunas in Litauen. Wir wurden im 6. Fort untergebracht. Wir bekamen einen Platz im Unterstand. Die anderen mussten Erdlöcher selbst ausgraben. 1942 gab es im Lager etwa 3.000 Gefangene. Die Gefangenen aus dem Jahr 1941 waren im Winter gestorben. Die Lebensbedingungen waren schrecklich. Das war einOrt des Todes. Zur Arbeit wurden wir zu einer 2 km entfernten Bahnstation getrieben. Wir gingen dorthin in der Hoffnung, etwas zusätzliches zu Essen zu bekommen: zu stehlen oder bei Litauern zu erbitten. Manche Wächter konnten weggucken. Dann nahmen wir etwas Holz, Kohle, Steckrüben, Kartoffeln, manchmal auch ein Stück Brot oder ein wenig Tabak mit ins Lager. Den Tabak konnte man gegen jede beliebige Ware tauschen.

Im Winter wurden mein Kamerad und ich typhuskrank. Man brachte uns in die Typhusbaracke. Etwa drei oder vier Tage war ich bewusstlos. Mein Kamerad starb. Ich blieb allein. Nach der Krankheit konnte ich nicht mehr arbeiten. Ich war wie ein Gespenst: Skelett und Haut. Im Sommer 1943 wurden gesunde, d.h. ehemalige typhuskranke Gefangene nach Deutschland verschleppt. Ich kann nicht mehr sagen, welche Lager ich erlebte. Mein eigenes Schicksal war mir gleichgültig. Ich war sicher, dass ich bald sterben würde. Ich hatte keine Kraft, um mein eigenes Leben zu kämpfen. Ich wog 41 Kilo. Die geschwollenenBeine sahen wir dicke Holzstücke aus. Unserer Lagererfahrung nach müsste ich in cirka sieben bis zehn Tagen sterben. Plötzlich wurde ich in einen anderen Teil Deutschlands überwiesen. Eine Privatperson in Ludwigsburg bei Stuttgart hatte drei bis vier Pferde in Besitz. Der Mann lieferte Lebensmittel für einige Spitäler und machte die Müllabfuhr. Manchmal wurden seine Pferde requiriert. Er bekam provisorisch kranke und schwache Tiere. Der Mann behandelte sie und brachte sie in Ordnung. Er hatte sechs Arbeiter: Eine polnische Familie, ein alter Deutscher und ich. Wir pflegten die Pferde, fuhren den Müll weg und holten Lebensmittel ab. Es gab also genug zu tun. Der Arbeitgeber ernährte uns den Umständen entsprechend gut. Es gab genug Kartoffeln. Er arbeitete genauso schwer wie wir. Zwei bis drei Wochen später wurde ich dick. Danach gab es eine kurze Erkrankung. Zum Schluss funktionierte mein Körper wieder. Ich sah wieder wie ein Mensch aus. Wir lebten in einem separaten Zimmer. Die Zimmer waren in der Nacht immer verschlossen. Zweimal wöchentlich kam ein Soldat vorbei und prüfte, ob die Regelungen für die Unterbringungen der Kriegsgefangenen eingehalten wurden.

Kurz vor dem Vorstoß der Amerikaner wurden wir wieder im Lager versammelt und zu Fuß nach Osten getrieben. Die Amerikaner überholten uns. Als wir eine Ortschaft erreichten, war sie bereist von Amerikanern besetzt. Die wollten uns nicht allzu lange bei sich behalten. Mit dem Zug brachte man uns ins russische Filterlager. Das Lager wurde mit Stacheldraht umzäunt. Es gab Wachtürme mit russischen Wächtern. Die „Filtration“ war sehr gründlich. Viele wurden als Deserteure eingestuft und zu Lagerstrafen verurteilt. Die ehemaligen Offiziere wurden in der Regel zu schwerer körperlicher Zwangsarbeit verurteilt.

Ich wurde freigesprochen. Ich musste als Soldat in einer Militäreinheit weiter dienen und auf den Entlassungsbefehl für mein Alter warten. Ich blieb also noch ein Jahr in der Armee und kehrte im Juli 1946 nach Hause zurück. Zu Hause sah ich nur verbrannte Erde. Das Elternhaus und das Haus der Eltern meiner Ehefrau waren vollständig niedergebrannt. Die Familie übersiedelte nach Kaluga. Die Stadt war im Krieg fast verschont geblieben. 1947 gab es am Flussgebiet Oka eine Überschwemmung. Mein Schwiegervater und ich konnten genug Holz auffischen. Dann hatten wir Baumaterial für eine Hütte 3x6 Meter. Das Leben war sehr schwer. Wir lebten halb hungrig und bestritten unseren Unterhalt durch Gelegenheitsjobs. 1950 übersiedelten meine Frau und ich in die Fischersiedlung Labytnangi. Wir dachten, wir würden uns dort zwei bis drei Jahre aufhalten. In der Tat lebten wir dort 11 Jahre.

Ich absolvierte im Fernstudium ein Technikum (Fachrichtung Techniker und Mechaniker). Das ganze Berufsleben arbeitete ich als Mechaniker im Baubereich. Der Norden machte uns nicht „reich“. Wir konnten jedoch sozusagen „das Brot mit Butter essen“. Wir konnten unserem Sohn finanziell helfen, der in Kaluga weiterlebte und von meiner Schwiegermutter betreut wurde.

Nach der Rückkehr nach Kaluga bekam ich kostenlos eine Zwei-Zimmer-Wohnung in einem Plattenhaus, bei uns „Chruschtschowka“ [1] genannt. Seit 40 Jahren lebe ich in dieser Wohnung. Zurzeit wohne ich alleine. Meine Ehefrau starb. Der Sohn hat eigene Wohnung. Seit 18 Jahren habe ich genug Zeit für meine „Faulheit“. Ich bin also Rentner. Im Februar dieses Jahres feierte ich das 90. Jubiläum. Ich habe eine perfekte Familie: Einen Enkelsohn, eine Enkeltochter, zwei Urenkelinnen und einen Urenkel. Ich wünsche meiner Familie ein besseres Schicksal.

Vielen Dank für Ihre materielle Hilfe. Ich werde das Geld vernünftig ausgeben. Ich werde ein Fenster im Schlafzimmer ersetzen. Das alte Fenster ist sehr schlecht. Im Winter geht die ganze Wärme aus der Wohnung raus. Wenn ich bis zum Herbst nicht sterbe, werde ich das zweite Fenster ersetzten. Dann wird es in meiner Wohnung ganz warm sein wie in Taschkent. [2] Meine Nachkömmlinge werden an meine Tat gut denken. Sie werden auch Ihnen dankbar sein.

Liebe Vereinsmitglieder! Ihre Arbeit ist sehr wichtig und gemeinnützig. Setzten Sie bitte diese Arbeit fort! Sie sind aber nicht schuldig. Die Söhne und die Töchter tragen keine Verantwortung für die Taten ihrer Väter. Meiner Meinung nach müssen eher Amerikaner und Briten ihr Gewissen betäuben. Im Laufe des Krieges hatten diese Reichen kein einziges Stück trockenes Brot für die vor Hunger und Krankheiten sterbenden Soldaten der verbündeten Armee. Sie tun nichts umsonst. Sie haben kein Mitgefühl.

Am Ende des Briefes möchte ich folgendes sagen. Wenn jemand der Vereinsmitglieder zufällig nach Kaluga kommt, kommen Sie bitte zu Gast. Sie sind herzlich willkommen.

Ich wünsche Ihnen beste Gesundheit, viel Erfolg in der Arbeit und viel Glück im Privatleben.

W. Panasow.

23.04.2006.

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[1] Die billigen Plattenhäuser wurden in der Sowjetunion unter Chruschtschow zwecks dringender Lösung des akuten Wohnungsmangels gebaut. (Übersetzer).

[2] Taschkent ist die usbekische Hauptstadt mit heißem Klima. (Übersetzer).

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