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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

520. Freitagsbrief (vom August 2009, aus dem Russischen von Valerie Engler).

Russland
Gebiet Pensa
Aschajew Sergej Antonowitsch.

Sehr geehrte Mitglieder des Vereins „Kontakte“!

Ich möchte Ihnen mitteilen, dass ich Ihren sehr freundlichen und herzlichen Brief bekommen habe. Ich danke Ihnen für das Feingefühl und das Verständnis und für die Anerkennung, die Sie darin zum Ausdruck bringen.

Das furchtbare Ereignis, das im Juni 1941 in mein junges Leben einbrach, hat wirklich eine tragische Spur in meinem Leben hinterlassen. Der Große Vaterländische Krieg hat vier meiner Brüder das Leben gekostet und ich selbst bin bereits am ersten Tag des Krieges, am 22. Juni, in faschistische Gefangenschaft geraten.

Das war an der deutsch-litauischen Grenze in der Nähe der Stadt Taurage [Tauroggen], wo ich als Nachrichtensoldat der 106. Grenzabteilung diente. Wir gerieten unter ein Bombardement, von unserer Sicherungseinheit blieben nur sechzehn Leute am Leben, wir waren fast taub und teilweise verwundet. Wir versuchten, auf Nebenwegen zum Wald zu kommen. Sieben von uns schafften es bis zum Wald, die anderen neun wurden von deutschen Infanteriesoldaten erschossen. Den ganzen Tag rannten wir durch den Wald Richtung Osten. Hunger und Durst quälten uns. Als uns die Kräfte verließen, wollten wir zu einem litauischen Hof gehen, um uns Lebensmittel zu holen. Unsere Papiere und Waffen ließen wir beim Kommandeur im Wald. Kaum waren wir aus dem Wald getreten, tauchten schon deutsche Wagen mit Soldaten auf. So gerieten wir in Gefangenschaft.

Wir wurden in ein Lager für sowjetische Kriegsgefangene gebracht, das sich in dem Ort Rossijany [?] befand. In diesem Lager waren 60 000 Menschen. Wir waren unter offenem Himmel, in der brennenden Sonne und hinter zwei Reihen Stacheldraht eingepfercht, wir hatten schrecklichen Durst, gruben mit den Händen Mulden in den sandigen Grund, unter dem es Wasser gab. Wir mussten auf dem Flugplatz arbeiten und die Landebahnen befestigen. Die Verpflegung war schlecht: gekochte Futterrüben, mehr bekamen wir nicht.

Die Faschisten gingen brutal mit uns um, für den kleinsten Ungehorsam wurden wir geschlagen, wer sich widersetzte, wurde erschossen. Sie brachten uns ins Badehaus, zogen uns ganz aus und bespritzten uns mit kaltem Wasser aus dem Schlauch. Viele brachen zusammen und starben.

Ich hatte das Glück, am Leben zu bleiben und unter den dreißig Männern zu sein, die für die Arbeit bei den Bauern ausgewählt wurden. So kam ich auf einen deutschen Bauernhof, wo ich alle möglichen landwirtschaftlichen Arbeiten übernehmen musste. Die Bauern, friedliche Deutsche, waren gut zu mir, ich bekam genügend zu essen und durfte mit ihnen am Tisch sitzen. Dort blieb ich von März bis September 1942.

Bald darauf erfolgte Hitlers Anweisung, dass die Kriegsgefangenen zur Arbeit in den Bergwerken eingesetzt werden sollten. So kam ich ins Ruhrgebiet, wo ich im Steinkohlebergwerk arbeitete. Die Bedingungen dort waren sehr schlecht, zu essen bekamen wir Kartoffeln und Futterrüben, unsere Füße steckten in derben Holzschuhen, die uns die Füße blutig rieben. Uns war es verboten, auf dem Bürgersteig zu gehen, nur auf der Straße. Wir waren völlig erschöpft und ausgehungert, mussten jeden Tag in den Stollen hinunterfahren und mit dem schweren Abbauhammer Steinkohle für die deutsche Industrie gewinnen.

Die amerikanischen Truppen befreiten mich 1944 [?] aus der Gefangenschaft. Was kann ich Ihnen, meine Lieben, noch von diesem Abschnitt meines Lebens schreiben? Von all dem Leid und der Not, die ich durchleben musste? Das kann man unmöglich mit Worten wiedergeben.

Danach kam die Rückkehr in die Heimat, unzählige Überprüfungen, erniedrigende Verdächtigungen. Auch das musste ich alles durchmachen. Von Beruf bin ich Lehrer. In den ersten Nachkriegsjahren wurde ich einige Male von der Arbeit suspendiert, weil ich in Gefangenschaft gewesen war. Diese ganze Ungerechtigkeit hat sich wie eine bittere Schale um mein Herz gelegt.

Mit der Zeit aber normalisierte sich das Leben, ich gründete eine Familie. Mein ganzes Leben habe ich in meinem Heimatstädtchen als Lehrer gearbeitet. Insgesamt war ich vierzig Jahre als Lehrer tätig.

Jetzt bin ich neunzig Jahre alt und wohne in dem Haus, das ich selbst gebaut habe. Ich habe den Titel Veteran des Großen Vaterländischen Krieges bekommen, bin mit dem Orden des Großen Vaterländischen Krieges und mit einigen Medaillen ausgezeichnet worden.

Ich wünsche mir von ganzem Herzen, dass sich diese furchtbare Zeit, die ich durchleben musste, nie wiederholen möge, dass alle Menschen in Frieden leben und es nie wieder Krieg gibt.

Das habe ich immer meinen Schülern gesagt und das sage ich auch jetzt noch, wenn ich als Veteran des Großen Vaterländischen Krieges zu Treffen mit jungen Leuten eingeladen werde.

Ich befürworte von ganzem Herzen Ihre Bemühungen, bei der jungen Generation Respekt und Dankbarkeit gegenüber den sowjetischen Soldaten zu wecken, sie zu Toleranz zu erziehen und dazu, dass sie mit allen Völkern den Frieden wünschen.

Mit freundlichen Grüßen,

Sergej Antonwitsch Aschaew,
Veteran des Großen Vaterländischen Krieges von 1941–1945.

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