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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

52. Freitagsbrief (6.07.2007).

Russland
Gebiet Nishnij NowgorodRussland
Trofim Andrejewitsch Prokofjew.

Guten Tag, sehr geehrte Frau Dr. Hilde Schramm, Herr Eberhand Radczuweit und Herr Dr. Gottfried Eberle und alle Beteiligen am Projekt KONTAKTE-KONTAKTY e.V.

Diesen Brief schreibt die Enkeltochter vom ehemaligen sowjetischen Kriegsgefangenen Trofim Andrejewitsch Prokofjew. Der Großvater hat Ihre humanitäre Hilfe von 300 Euro und Ihr Begrüßungsschreiben erhalten. Ich schreibe diesen Satz in der Vergangenheitsform, weil er nicht mehr lebt. Er war für Ihre materielle Unterstützung und Ihre Achtung sehr dankbar. Der Opa hat ein langes, kompliziertes Leben gehabt. Er hat uns am 7. Dezember 2006 verlassen. Mich hat Ihr neuer Brief sehr tief berührt. Ich möchte sehr, dass meine Kinder und Enkelkinder wissen, was der Großvater erlebte und welche Schwierigkeiten ihm das Schicksal geschickt hatte. Möge Gott diesen Horror nie wiederholen!

Ich möchte an der Arbeit Ihrer Organisation teilnehmen und über das Leben meines Großvaters berichten, soweit ich es aus seinen Erzählungen und aus den Archivbescheinigungen weiß. Wenn es jemanden interessiert, würde ich mich freuen.

Mein Großvater wurde am 17. April 1911 im Dorf Fedoricha, Bezirk Semenowskij, im Gebiet Gorkij (heute ist es das Gebiet Nishnij Nowgorod) geboren. Am 20. Februar 1929 wurde im Dorfrat von Larionowo seine Ehe mit Klawdija Nikonowna Sacharowa, geboren am 31. 03. 1912, registriert. Er arbeitete in einer Kolchose und hatte einen eigenen Bauernhof. 1932 wurde die Tochter Aleksandra, 1935 der Sohn Iwan geboren. Am 05. 06. 1941 wurde Trofim Andrejewitsch Prokofjew vom Bezirksmilitärkommissariat von Semenowo zu einem Manöver einberufen. Der Großvater erzählte, dass er nach Moskau gebracht wurde. Hier wurden die Uniformen verteilt. Danach brachte man die Einberufenen zu den Lagern von Noginsk. Der Opa wurde als Maschinengewehrschütze dem 229.  Schützenregiment zugeteilt. Als der Krieg begann, wurde er per Eisenbahn in die Stadt Orscha gebracht. Hier nahm er über einen Monat an Kampfhandlungen teil. Am 4. August 1941 bekam der Großvater im Kampf bei der Stadt Demidow im Gebiet Smolensk eine starke Schädelprellung und wurde gefangengenommen. Bis zum 20. September 1941 wurde er im Kriegsgefangenenlager der Stadt Orscha untergebracht.

Mit der Schädelprellung wurde das rechte Auge schwer beschädigt. Es entzündete sich. Eine Ärztin entfernte das Auge in einem deutschen Lazarett. Danach wurde der Großvater, seinen Worten zufolge, ins KZ bei Bromberg [1] in Polen geschickt. Hier verbrachte er etwa zwei Jahre. Er arbeitete in einem Steinbruch. Es erzählte vom großen Hunger. Später wurden etwa 20 Personen aus dem Lager einem deutschen Gutsbesitzer übergeben. An dessen Name konnte der Großvater sich nicht mehr erinnern. Er sagte aber, dass der Arbeitgeber schwer krank und ebenfalls einäugig war. Der Gutshof lag unweit von Bromberg. Dort arbeitete er bis zum 20. Januar 1945. Nach dem Vorstoß der sowjetischen Truppen wurden die Gefangenen nach Deutschland getrieben. Etwa eine Woche gingen sie zu Fuß. Danach wurden sie mit dem Zug ins KZ Stettin [2] gebracht. Das Lager war groß, mit Stacheldraht in Abschnitte geteilt. Die Kriegsgefangenen waren unterschiedlicher Nationalität. Am 20. Mai 1945 wurden die Gefangenen von den englischen Truppen befreit.

Am 20. Juni 1945 wurde mein Großvater den sowjetischen Truppen übergeben. Die Gruppe ging sehr lange zu Fuß bis Bobrujsk. Hier wurde der Großvater dem 804. Arbeitsbataillon zugeteilt. Man grub große Löcher für Benzinbehälter. Zwei Monate lang dauerten die Verhöre, fast jeden Tag. Jedes Wort wurde protokolliert. Dann überführte man das Bataillon in die Stadt Baranowitschi. Hier baute man deutsche Verteidigungsanlagen auseinander. In Baranowitschi verbrachte er fast zwei Monate. Auch dort gab es Vernehmungen. Danach musste er nach Minsk. In Minsk arbeitete er als Steinträger beim Bau eines Sowjetpalastes. Hier dauerte die Arbeit etwa 10 Monate. Wieder wurde der Großvater verhört. Am 16.August 1946 wurde er wegen Krankheit entlassen. Die Augenhöhle war stark entzündet.

Der Großvater kehrte heim. Er erzählte ungern über die ihm zugeteilten Schwierigkeiten. Er dankte immer Gott, dass er am Leben blieb und seine Familie wiedersah. Nach der Rückkehr ins Heimatdorf arbeitete er als Kutscher in der Kolchose. Später wurde er für gute Arbeitsleistungen zum Brigadeleiter ernannt. 1947–1949 wurde er einer Filterprüfung im Bezirksrevier des Innenministeriums in Semenowo ausgesetzt. In der Familie kamen eine Tochter und zwei Söhne zur Welt. Der Sohn starb aber im Alter von zwei Jahren.

1959 übersiedelte Großvaters Familie nach Semenow, in die Bezirkshauptstand. Hier verbrachte er den Rest des Lebens. Er fuhr eine Kutsche und lieferte Brot und andere Lebensmitteln in eine Schule für behinderte Kinder. Ein paar Jahre arbeitete er als Nachtwächter in der Nähfabrik. Als meine Großmutter noch am Leben war, betrieb die Familie einen Bauernhof mit Vieh. Es gab auch einen Gemüsegarten. Die Großmutter starb am 15. Februar 1997. Insgesamt lebten meine Großeltern 68 Jahre zusammen, wenn man die Zeit in Kriegsgefangenschaft nicht mitberechnet. Der Großvater lebte 10 Jahre länger als seine Ehefrau. Er war nach ihrem Tod sehr traurig. Trotz aller Schwierigkeiten führte er ein stolzes Leben. Der Großvater war ein sehr arbeitswilliger und gutmütiger Mensch. Er wurde respektiert. Ich kann mich an keinen Streit oder an keine Beleidigung von seiner Seiten erinnern. Er liebte das Leben.

Auf dem beim 90. Geburtstag gemachten Foto ist die ganze Familie zu sehen: Kinder, Enkel, Urenkel. Der Großvater war zurecht stolz auf die Familie. Drei Enkelsöhne dienen bei der Miliz. Zwei davon sind Oberstleutnants. Der Jüngste studiert an der Milizakademie in Nishnij Nowgorod. Er ist Oberleutnant. Der Urenkel studiert an der Staatsakademie für Verwaltung. Fast alle haben Hochschulbildung. Davon konnte der kaum alphabetisierte Großvater nicht träumen. Das letzte Foto von Opa entstand am 9. Mai 2006. Darauf sind fünf Generationen zu sehen: Der Großvater mit der Tochter, Enkeltochter, Urenkelin und Tochter der Urenkelin.

Ich glaube daran, dass mein Großvater Trofim Andrejewitsch Prokofjew viele Jahre lang im menschlichen Gedächtnis bleiben wird.

Hochachtungsvoll

Tatjana Nikolajewna Borowikowa.

12. Mai 2007.

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[1] Beim „KZ Bromberg“ handelt es sich um das Stalag XX C (312).

[2] „KZ Stettin“: Möglicherweise war Herr Prokofjew in einem Stettiner Arbeitslager und wurde von dort aus in ein westwärts gelegenes Stalag gebracht, das von den Engländern im Aprl, nicht Mai 45, befreit wurde.

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Frage aus Anlass des 70. Jahrestages der Errichtung des KZ Buchenwald: Die Gedenkstätte verfasst ein Totenbuch, in dem 8000 Namen von hauptsächlich in der Genickschussanlage ermordeten sowjetischen Kriegsgefangenen fehlen. Wann endlich wird die Bundesrepublik Deutschland die sowjetischen Kriegsgefangenen als NS-Opfer anerkennen, die ein besonders grausames Schicksal erlitten? (E. Radczuweit).

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