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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

519. Freitagsbrief (vom August 2009, aus dem Russischen von Dr. Martin Creutzburg).

Belarus
Gebiet Mogilew
Kasimir Bronislawowitsch Wolkow.

Sehr geehrte Frau Dr. Schramm, sehr geehrte Teilnehmer und Leiter des Projektes,

ich habe Ihren Brief vom 01.07.2005 aus Berlin in den Händen. Es schreibt Ihnen der Enkel von Kasimir Bronislawowitsch Wolkow, Igor Antonowitsch Wolkow.

Vielen Dank für die Sorge um meinen Großvater, die Sorge um alle sowjetischen Kriegsgefangenen. Leider ist der Großvater vor einem Jahr gestorben, am 28.04.2008. Er war ein starker Mensch und ein wahrer Soldat.

Kasimir Bronislawowitsch war der älteste in der Familie. 1940 wurde er in die Rote Armee eingezogen. Er diente in Litauen, dort ereilte ihn auch der Große Vaterländische Krieg. Als Hauptfeldwebel einer Maschinengewehrkompanie geriet er mit seinen Regimentskameraden in ein schreckliches Gemetzel. Ungeachtet der verzweifelten Gegenwehr musste man sich zurückziehen, er geriet in eine Einkesselung, aus der es kein Entkommen gab. Er überlebte die Schrecken der Gefangenschaft, die seine Gesundheit untergrub, seine Moral war jedoch nicht gebrochen; der mutige Soldat befleckte nicht die Ehre seines Vaters – Träger des Georgskreuzes.

In der Kindheit verbrachte ich viel Zeit im Dorf, damals nahm mich der Großvater oft mit zur Arbeit. Bei der Fahrt über die Kolchosfelder mit der Brigadekalesche haben wir gemeinsam die Schönheit der Heimaterde, der Wälder und Wiesen bewundert. Zur Erde und der Arbeit an ihr verhielt er sich irgendwie besonders, dieses Verhältnis hat er auf die Kinder und Enkel übertragen.

Der Großvater erinnerte sich ungern an den Krieg, er hat niemals etwas darüber erzählt. Aber als es mir gelang, ihn herauszulocken waren die Erzählungen gleichzeitig interessant und schrecklich. Die Geschichte ereignete sich in der Gefangenschaft. Man kann annehmen, dass sie in der Geschichte der faschistischen Lager einzigartig ist.

Morgens konnte der Großvater sich nicht von der Pritsche erheben wegen unerträglicher Schmerzen im Bein – das Knie war geschwollen, es gab keine Möglichkeit sich zu bewegen. Der Wachmann, der die Gefangenen zur Arbeit hinaus jagte, wurde fuchsteufelswild und schlug ihn […] auf das kranke Bein. Vor Schmerz vergaß er die Todesangst und verlor die Beherrschung. Großvater schlug mit aller Kraft den Polizai-Mann. Zu dieser Zeit kam ein Offizier in die Baracke, dem sofort über den Vorfall Meldung erstattet wurde. Kasimir Bronislawowitsch bereitete sich schon auf den Tod vor, erinnerte sich an alle Verwandte und verabschiedete sich im Geiste von ihnen. Plötzlich sagte der Offizier etwas in scharfem Ton zu dem Wachmann, der kam und verbeugte sich vor dem Soldaten. Durch den Dolmetscher wurde ihm gesagt, dass der Polizai-Mann ihn auf dem Rücken tragen wird. Er traute seinen Ohren nicht, er entschied, dass man ihn verhöhnen will, aber weiter entwickelte sich alles wie im Traum – der Wachmann trug ihn in die Sanitätsstelle. Dort versorgte man seine Wunde und auf dieselbe Art und Weise wurde er in die Baracke zurück gebracht.

Erklären kann man diesen außergewöhnlichen Fall damit, dass der deutsche Offizier die mutige Handlung des sowjetischen Soldaten zu schätzen wusste. Es war so, dass der Vater Wolkows Kasimir Bronislawowitschs auch an der russisch-deutschen Front 1915 Soldat war. Er wurde verwundet, kam in Gefangenschaft. Die deutschen Ärzte operierten ihm 9mal die Hand, aber konnten leider die Hand nicht retten, sie musste amputiert werden.

Mein Vater, Wolkow Anton Kasimirowitsch, diente auch in Deutschland in der Stadt Leimar [Weimar?] bis zum Beginn der Kämpfe in der Tschechoslowakei [1968].

Der Onkel meines Großvaters Wolkow Kasimir Bronislawowitsch, Wolkow-Karatschewski Vincent Stanislawowitsch ist in den 30-er Jahren nach Deutschland gefahren, weil er Angst vor der Verfolgung durch das NKWD hatte. Leider ist mir von ihm fast nichts bekannt. Ich weiß nur, dass er ungefähr vor 7 Jahren in einem kleinen Dorf in der Nähe der Stadt Hannover gestorben ist. Er hat keine Kontakte zu den Verwandten aufgenommen, weil er befürchtete, dass sie das NKWD verfolgen würde.

So sind die Schicksale meiner Verwandten mit Deutschland verbunden.

Vielen Dank für Ihre nicht leichte Arbeit.

Habe die Ehre.

Der Enkel eines wahren Menschen und Soldaten.

Wolkow Igor Antonowitsch.

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