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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

517. Freitagsbrief (vom Januar 2010, aus dem Russischen von Valerie Engler).

Russland
Gebiet Tambow
Wasilij Frolowitsch Droshshin.

Ich möchte allen Mitarbeitern von „Kontakte“ ein Frohes Neues Jahr 2010 wünschen. Ihrem ganzen Kollektiv und allen Deutschen wünsche ich das Allerbeste. Und ich möchte Ihnen mitteilen, dass ich Ihren Brief bekommen habe.

In Russland hatten wir italienische Wachmannschaften. Im Februar brachten sie uns nach Charkow, dann mussten wir zu Fuß bis zur Grenze marschieren. Sie brachten uns nach Deutschland ins Lager Stalag IV-B [Mühlberg/Elbe] (bis zum 1.5.1943) und ins Stalag II B Hammerstein (bis zum 7.5.1943). Dann brachten sie uns nach Norwegen. Wir bekamen Essensrationen für drei Tage, viele von uns haben alles sofort aufgegessen. Wir bekamen eine andere Kleidung und Holzschuhe, die innen für den Fuß ausgeschnitzt waren. Als Verpflegung ein Laib Brot und 800 g Konserven für drei Tage. Auf dem Schiff bekamen wir drei Tage lang nichts mehr.

Wir mussten in Trondheim einen Tunnel bauen. Im Winter gibt es dort viel Schnee. Der Tunnel war 4 km und 30 m lang. Wir beschlugen ihn mit Brettern, und unser Arbeitstrupp machte Ausweichstellen auf beiden Seiten des Tunnels, damit ein Auto zur Seite fahren und das entgegenkommende vorbeilassen konnte. Dann brachten sie uns über den Hafen Narvik nach Rognan. Dort arbeiteten wir beim Bau einer Eisenbahnlinie und mussten die Trasse frei räumen.

Am 7. Mai 1945 kam die erste Schicht nach der Arbeit ins Lager zurück, die zweite Schicht ging los, wurde aber bald wieder zurückgebracht. Wir mussten im Lager zum Appell antreten und sie sagten uns, der Krieg sei zu Ende. Ein norwegisches Auto mit Lebensmitteln stand am Lagertor. Wir mussten einen Ältesten wählen, damit kein Chaos ausbricht.

Am 8. Mai bekamen wir eine Soldatenration. Wir blieben noch bis zum 4. Juli 1945 in diesem Lager. Zu Hause in Russland wurden wir überprüft, dann ging jeder seines Weges. Unsere Kompanie kam nach Nowosibirsk. Erst arbeitete ich auf dem Bau. Dann sagte der Oberfeldwebel der Kompanie zu mir: „Du bist noch jung, geh in den Betrieb und mach eine Lehre zum Dreher.“

Wer Lehrer war, der durfte sofort nach Hause. Die anderen wurden je nach Jahrgang aus dem Armeedienst entlassen und nach Hause gelassen.

Ich wurde entlassen, weil mein Elternhaus abgebrannt war und sie mich auf eine Bescheinigung des Landwirtschaftsrates hin nach Hause ließen. Ich fällte 5 Kubikmeter Holz und mit Hilfe der Dorfbewohner aus der Kolchose baute ich das Haus wieder auf.

Heute lebe ich allein. Ein Mann kümmert sich um mich, bringt mir Wasser und Brennholz, hilft mir im Garten, den ich noch für mich bewirtschafte. Ich habe Kartoffeln, Knoblauch, Gurken, Kohl, Tomaten, und bei allem hilft er mir. Ich war zweimal verheiratet, beide Frauen sind schon gestorben. Auch mein Sohn ist gestorben. Meine Stieftochter kommt mich manchmal besuchen. Ich habe noch eine Schwester, aber sie ist krank, sie nimmt Medikamente, lebt so lange sie die Medikamente hat.

So lebe ich also. Weil ich schon 80 Jahre alt war, wollten sie meinen Leistenbruch nicht operieren. Damit lebt es sich nicht besonders, aber ich komme irgendwie zurecht.

Meine Lagernummer war 205992.

Auf Wiedersehen und viel Erfolg bei Ihrer Arbeit.

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