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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

516. Freitagsbrief (Dezember 2006, aus dem Russischen von Dmitri Stratievski).

Ukraine
Gebiet Saporoshje
[…]
Wiktor Semenowitsch Ryshkow.

Guten Tag, sehr geehrte Frau Dr. Hilde Schramm, Herr Dr. Gottfried Eberle und Herr Eberhard Radczuweit,

Einen großen menschlichen Dank für den Brief und die materielle Unterstützung!

Auf Ihren Brief antwortet Lidja Wiktorowna Artemtschuk, die ältere Tochter von Wiktor Semenowitsch. Er kann auf Ihren Brief nicht persönlich antworten, weil seine rechte Hand verletzt ist.

Ich bitte um Entschuldigung für die nicht rechtzeitige Antwort, also für meine Unpünktlichkeit. Wiktor Semenowitsch hat das Geld im Juli erhalten. Ich bin bereits Rentnerin. Trotzdem habe ich viele Dinge, für die ich sorgen muss. Vater lebt auf dem Lande. Mein Ehemann und der Sohn leben in Berdjansk, die Tochter mit Familie in Charkow.Ich habe mit der Enkelin den ganzen Sommer beim Großvater verbracht. Wir kümmerten sich um seinen Garten, Henne, Hund und Katze mit Katzenkindern. Meine Enkeltochter besucht die zweite Klasse des Charkower Mädchengymnasiums.

Als wir Ihren Brief bekamen, weinten wir während des Lesens. Den ganzen Abend erinnerte sich der Vater an sein Nachkriegsleben und an seinen Lageraufenthalt. Mehrmals kamen Agitatoren von der Wlassow-Armee, UPA und OUN. Ich habe nur zugehört, – sagte der Vater, – und dachte an meine Verwandten, an den jüngeren und älteren Bruder, an Vater und Mutter, die auf mich in der Heimat gewartete haben. Der ältere Bruder war ein Berufsoffizier. Er kämpfte auch für das Vaterland. Der Vater kann sich ganz gut daran erinnern, wie OUN-UPA-Angehörige beim Rückzug den Sowjettruppen in den Rücken schossen. Er war Zeuge, wie diese Menschen vor dem Krieg ernährt wurden und sowjetische Uniform erhielten. Als der Krieg begann, gaben sie Fersengeld [und flüchteten] in den Wald, bauten dort Erdlöcher und saßen dort bis zum Kriegsende, sogar bis 1957. Im Krieg jagten sie wie Wölfe nach im Wald zurückgebliebenen und eingekesselten Soldaten oder Partisanen. Nach dem Krieg töteten sie Landsleute, die vom Krieg verwüstete Städte und Dörfer wiederaufbauten. Jetzt will unser Präsident die Kämpfer, Verteidiger der Heimat, den Mördern unter schwarzen faschistischen Fahnen rechtlich gleichstellen. Uns ist bekannt, dass bei Ihnen in Deutschland faschistische Organisationen verboten sind.

Wir bedanken uns bei Ihnen für Ihr Verständnis. Wir können unseren Präsidenten nicht verstehen. Man kann die Fehler ideologischer Gegner verzeihen. Das gehört zur Vergangenheit. Man kann aber beide Seiten rechtlich nicht gleichstellen. Demokratie verdient sein Namen erst, wenn das Gesetz herrscht. Vor dem Gesetzt sind alle gleich. Ich will keine Richterrolle beanspruchen. In der Welt gibt es aber allgemeine menschliche Werte. Sie gelten als Ausgangspunkt.

[…]

Ehemalige Soldaten haben als Freiwillige vom Krieg zerstörte Städte und Betriebe wiederaufgebaut. Mein Vater arbeitete beim Wiederaufbau eines Metallwerkes in Donezk (damals Stalinsk). Es gab wieder Hunger und Kälte. Die Werkhallen waren zerstört, ohne Dach über dem Kopf. Sie haben Waren produziert und gleichzeitig das Werk wiederaufgebaut. Vor Hunger rettete die Lagererfahrung, Soldatengeschick und der Glauben an eine bessere Zukunft. Nach der Aufhebung der Lebensmittelkarten für Brot liefen verzweifelte Arbeiter von einem Geschäft zum anderen. Die Regale waren voll Brot. Es gab aber wenig Geld. Meine Großmutter bewahrte bis zum Lebensende in einem Versteck eine Tasche aus weißem Stoff mit trockenem Brot auf. Die Mutter beackerte ein kleines Feld und machte bis zum Tod Weizenvorräte, ein paar Säcke. Darüber wurde nicht geredet. Alle wussten aber: das ist auf Vorrat. Die vererbte Angst vor Hunger …

1948 übersiedelte der Vater ins Dorf Uspenowka, wo meine zukünftige Mutter lebte. Die Eltern heirateten. Sie fuhren später zur Arbeit nach Stalino. Danach ging es nach Russland. An der Wolga lebten Vaters Eltern und sein jüngerer Bruder. Vaters Mutter starb an Krebs im Jahre 1943. Der Vater war damals in Deutschland. Ihre zwei Söhne kamen von der Front nicht zurück. Die Stiefmutter empfing meine Eltern nicht freundlich. Die Großeltern hatten bereits zwei kleine Söhne. Dann wurde Mutter krank und die Familie kehrte zu Mutters Eltern in die Ukraine zurück.

Ich bin 1950 geboren. Nach einem Jahr wurde meine Mutter Lungen-TBC-krank. Sie war neun Jahre lang krank. Die Folgen von Hunger, Lageraufenthalten und Typhus am Ende des Aufenthaltes in Deutschland blieben nicht aus. Meine Mutter war in einem Militärspital und überlebte. Sie fuhr mit dem Zug nach Hause. Vom Zug bis zum Haus wurde sie getragen.

Mein Vater hat keine Hochschulbildung. Er war einfacher Arbeiter, parteilos. Die Kinder, Dorfbewohner und Arbeitskollegen haben ihn immer respektiert. Er ist Russe. Im Dorf leben hauptsächlich Ukrainer. Ich kann die Menschen nicht verstehen, die einander im Namen von Ideen oder aus edlen Gründen oder für das Geld töten. Ich war Mitglied der Pionier- und Komsomolorganisationen. Als mir angeboten wurde, der Partei beizutreten, lehnte ich dies ab. Jede Macht bedeutet Gewalt und Manipulation der Menschen, egal in welchen Hände diese Macht ist. […].

Wir haben in der Ukraine beste Schwarzerde, Wälder und Bodenschätze. Wir sind ein talentiertes Volk. In unserer Gesellschaft gibt es aber keine Verständigung. Wir haben 15 Jahre Unabhängigkeit gefeiert. In unserem Land gibt es keine Stabilität und keine Ruhe für die Alten. Die Kinder, unsere Zukunft, fahren für die Arbeit ins Ausland.

Der Vater arbeitete 40 Jahre lang als Schlosser, Dreher, Schweißer und Fahrer im Autobetrieb von Andrejew. Man sagte: „Er hat goldene Hände“. Er konnte alles schaffen. Er baute ein Haus, pflegte den Garten und erzog zwei Töchter, Lida und Ljubow. Die Töchter sind groß geworden. Sie verließen das Haus der Eltern, bekamen eine Ausbildung und gründeten eigene Familien.

Weil ich nicht weit vom Dorf des Vaters wohne (45 km entfernt), kümmere ich mich um ihn. Unser Haus ist auch älter geworden. Es ist sanierungsbedürftig. Im Dorf gibt es eine Gasleitung. Sie reicht aber nicht zu Vaters Haus. Dafür haben wir kein Geld.

Kurz über meine Person. Seit langem mache ich keine Einteilung der Menschen: Unsrige – Fremde, Freunde – Feinde. Noch in der Kindheit erzählte die Oma, dass einige Deutsche die Häuser beim Rückzug verbrannten. Die anderen Deutschen halfen hingegen, den Brand im Haus meiner Oma zu löschen. Sie warnten meine Oma vor Gefahren und halfen während der Razzien sich zu verstecken. Sie nannten sie „Mama“. Der Freund ist immer der Freund, egal, wo er lebt und welche Hautfarbe er hat. Das spielt keine Rolle.

Das war’s. Auf Wiedersehen!

Wenn Sie sich für konkrete Fragen interessieren, schreiben Sie uns bitte.

Hochachtungsvoll.

Wiktor Semenowitsch.

Lidija Wiktorowna.

P.S. Stimmt es, dass die Kinder und Enkelkinder von Ostarbeitern in Deutschland kostenlos studieren dürfen?

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