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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

514. Freitagsbrief (vom Juni 2007).

Belarus
Bobrujsk
Sergej Nesterowitsch Plech, geb. 1921.

Sehr geehrte Hilde Schramm und Eberhard Radczuweit,

es freut mich als einen ehemaligen KZ-Häftling, dass in Deutschland Menschen leben, denen die Schicksale der in NS-Gefangenschaft geratenen Bürger nicht gleichgültig sind. Wenn ich auf die vergangenen 65 Jahre zurückblicke, erinnere ich mich immer noch an alle Details jener verhängnisvollen Ereignisse meines Lebens und des Schicksals von mir nahestehenden Menschen.

1941 wurde ich nach dem Kriegsbeginn in die Armee eingezogen. Ich diente in einem Pionierbataillon. Im Sommer 1941 gehörte zu unseren Aufgaben der Bau der Verteidigungsanlagen in einem wunderschönen Park in der Stadt Gomel. Wir gruben Schützengräben und bauten Luftschutzbunker für die Zivilbevölkerung der Stadt als Schutzmaßnahme bei den Angriffen der deutschen Bomber. Später wurden wir ins Gebiet Tschernigow in der Ukraine geschickt. Hier bauten wir am Fluss Desna provisorische Brücken, um den Rückzug der sowjetischen Truppen zu ermöglichen. Hier wurden wir im September 1941 eingekesselt. Wir hatten als „Waffe“ nur Axt, Säge und Schaufel. Wir wurden von den Hitlertruppen gefangen genommen. Man sagt, es wären insgesamt 5 Millionen Sowjetsoldaten gefangengenommen worden. Nach einer Geschossexplosion bekam ich eine Schädelprellung. Als Folge verlor ich das ganze Hörvermögen am rechten Ohr und alle Vorderzähne.

Ein paar Tage lang fuhren wir ohne Essen und medizinische Versorgung durch das von den Deutschen besetzte Gebiet in die Stadt Grodno. Auf dem Weg starb ein Drittel aller Gefangenen. Ich glaube, es waren einige hundert. Im Laufe des Winters 1941–1942 starben in deutscher Kriegsgefangenschaft in Grodno 27 000 von 30 000 gefangenen Soldaten. Danach wurden wir zu Fuß nach Deutschland getrieben. Die Stadt Goldep [Goldapp in Masuren] lag auf dem von den Deutschen besetzten Gebiet Polens, 40 km von der deutsch-polnischen Grenze entfernt. Hier arbeiteten bis zum Frühjahr 1942 etwa 150 Belarussen, die aus dem Gebiet Polessje vertrieben wurden. Wir mussten diese Mannschaft verstärken. Wir bauten eine Eisenbahnlinie: verlegten Bahngleise mit Schienen und Schwellen. Die Gegend, in der wir den Damm bauten, hatte torfigen Untergrund. Der Torf war etwa 10 Meter dick. Der Bauleiter war Robert Richter, ein deutscher Unternehmer. Mit unmenschlichen Bemühungen bauten wir 10 km Gleise.

Im Frühjahr 1942 wurde unsere Gruppe, etwa 40 Mann, mit der Bahn nach Königsberg gebracht. Nach der Ankunft brachte man uns in der Stadt unter. Wir lebten in unbeheizten LKW-Garagen. Neben uns arbeiteten hier etwa 100 Personen. Ich erinnere mich gut daran, dass ich eine Nummer 87 erhielt. Auf der Oberkleidung wurde OST gemalt. Wir fällten Bäume, beseitigten Bäume und Schutt nach den Luftangriffen und räumten die Stadtstraßen sauber. Manchmal fuhren wir zur Arbeit in die Städte Kranz [?] und Rauschen [Raudszen/Rjadino]. Beim Näherkommen der sowjetischen Truppen reparierten wir nach dem Bombenangriff zerstörte Bahnlinie. Ende 1944 wurden wir in die Stadt Neumünster geschickt. Wir reparierten ohne Unterbrechung die Bahn. Dank unserer Bemühungen sicherten die Deutschen den Zugverkehr vom Westen nach Osten.

Leider haben wir in der Kriegsgefangenschaft äußerst unmenschliche Behandlung von Seiten der „arischen“ Wächter erlebt. Der Tod wartete ständig auf uns. Das konnte der Tod vor Hunger, Kälte und Krankheiten sein. Viele, die einen Fluchtversuch unternahmen, wurden erschossen. Wohin konnte man denn fliehen? Überall waren die Deutschen. Viele sowjetische Kriegsgefangene starben beim Transport von einem Lager zum anderen. Wir wurden erst am 3. Mai 1945 von den britischen Truppen befreit. Einen Monat später wurden wir an die sowjetischen Truppen übergeben. Später wurde ich bei einem Kornspeicher in der Stadt Grimmen eingestellt. Zwei Woche später schickte man mich nach Reichenbach (heute die polnische Stadt Bershonev [Dzierżoniów]).

Der Krieg 1941–1945 war eine große Härteprobe für unser Volk. Ich habe den Tod in jeder Verkleidung an jeder Ecke lauernd gesehen, aber auch gute Behandlung der Kriegsgefangenen von der Seite einfacher Deutschen.

Nach dem Krieg arbeitete ich vier Jahre lang in der Mühle von Gilbert Müller in Reichenbach in Schlesien. Ich war der Kornspeicherleiter (Kornspeicher Nr. 3298). Ich hatte zwei Helfer. Einer davon war ein Deutscher. In der Mühle arbeiteten hauptsächlich Deutsche (140 Personen), ausgenommen von Leitung und Wachmannschaften. Ich erinnere mich gerne an Wintecke, einen deutsche Ingenieur. Seine Tochter Gerda arbeitete als Prüferin im Kornspeicher. Damals beherrschte ich die deutsche Umgangssprache. Die einfachen Deutschen sind in meinem Gedächtnis als sehr akkurate und verantwortungsvolle Menschen geblieben. Gerne hätte ich erfahren, wie diese Menschen nach ihrer Deportation aus Polen lebten.

1948 habe ich meine Arbeitsstelle verlassen und kam nach Belarus. Hier arbeitete ich als Buchhalter in einer Forstgesellschaft und später in einer Kolchose im Gebiet Gomel. Danach zog meine Familie nach Bobrujsk im Gebiet Mogilew um. Hier arbeitete ich in der Belarussische Reifenfabrik. Heute bin ich Rentner. Leider hat der Krieg meine Gesundheit geschädigt. Viele mir nahestehende Menschen starben.

Ich wünsche mir, dass sich ein ähnlicher Krieg auf dem Gebiet von Belarus nie wiederholt. Mögen unsere Kinder und Enkelkinder keine Leiden und Elend kennen.

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Anmerkung:

Die meisten unserer Korrespondenten bezeichnen die Stalag als KZ oder „Konzlag“.

Es gibt keinen Anhaltspunkt, dass Herr Plech aus der Kriegsgefangenschaft entlassen und „zivil geschrieben“ wurde, für Kriegsgefangene war die Aufschrift auf der Oberbekleidung jedoch nicht „OST“, sondern „SU“..

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