Direkt zum Navigationsmenü.


KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

512. Freitagsbrief (aus dem Russischen übersetzt).

Russland
Gebiet Wolgograd
Pawel Sergejewitsch Korogodin.

Guten Tag!

Ich möchte dem Verein KONTAKTE-KOHTAKTbI für die moralische und materielle Hilfe in den schwierigsten Momenten meines Lebens sehr herzlich danken.

Ich bin schon seit zwei Jahre ans Bett gefesselt.

Ich, Korogodin Pawel Sergejewitsch, bin 91 Jahre alt. Vor vier Jahren ist meine Frau gestorben. Ich habe mit ihr fast ein halbes Jahrhundert zusammengelebt.

Es gibt keinen Tag, an dem ich mich nicht an die Kriegsgefangenschaft erinnere: die schweren, schrecklichen Tage sind aus meiner Erinnerung verschwunden und die schönen Momente sind für immer in meinem Gedächtnis geblieben. Ich erinnere mich an einen kleinen Jungen, Hans Krag (oder Grag), der Obst mitgebracht hat und es an die Kriegsgefangenen verteilt hat. Er hat mich gemocht und hat mich Onkel Doktor genannt. Ich habe ihm ein Pferd aus Holz geschenkt. Ich habe die Tiere in den Nachbardörfern behandelt.Einmal hat die Wache mich in den Wald zu einer kranken Kuh gebracht. Ich habe aber gedacht, dass sie mich erschießen werden. Vor dem Krieg habe ich eine Veterinärfachschule absolviert. Nach dem Krieg und bis zur Rente habe ich als Tierarzt gearbeitet. Die Menschen kamen bei Tag und bei Nacht zu mir, damit ich ihren Tieren helfe.

Nach dem Krieg war es nicht leicht in der Heimat. Die von Stalin geführte Politik hat die Kriegsgefangenen mit Hass behandelt. Nachts haben sie mich zum KGB gebracht und mich mit vielen Fragen gequält: Warum wurde ich nicht erschossen? Warum habe ich in Gefangenschaft überlebt?

Ich geriet im August 1941 im Gebiet Smolensk in Gefangenschaft. Ich habe die Gefängnisse in den Städten Orscha [Dulag 127], Belopodlosk [Biala Podlaska/Polen Stalag 307], Samostje [Zamość/Polen Stalag 325], wo ich den General Karbyschew kennenlernte, dann „Swetoi Krest“, Demblin in Polen [Stalag 307], die Lager Folinbostel [Fallingbostel Stalag XIB], dann Bosenhausen in dem Arbeitskommando Nummer 3334 in Egistrof [Estorf] im Kreis Hannover in Deutschland überlebt. In dem letzten Lager habe ich vom Juli 1942 bis 8. April 1945 beim Holzfällen im Wald gearbeitet. Ich habe die Nummer 2095 getragen. Ich wurde von der amerikanischen Armee befreit.

1943 wurde ich krank und erst 1953 wurde ich an den Nieren operiert – das sind die Folgen meines Aufenthaltes in der Kriegsgefangenschaft. Ich habe wieder überlebt, obwohl die medizinische Prognose nicht sehr optimistisch war. Der Chirurg hat gesagt: „Er hat die Gefangenschaft überlebt, dann ist er verpflichtet, auch in Freiheit die Krankheit zu besiegen.“

Ich habe mein ganzes Leben ehrlich und fleißig gearbeitet, aber die Perestroika hat die fleißigen Menschen arm gemacht. Uns wurden alle Ersparnisse weggenommen, die wir in unserem Arbeitsleben zusammengespart haben.

Mein Haus muss renoviert werden, das Dach ist kaputtgegangen und der Winter in diesem Jahr ist streng. Ich habe kein Gas und auch kein Wasser, Gott sei Dank habe ich noch ein bisschen Holz.

Vielen Dank Ihnen für die finanzielle Unterstützung in Höhe von 10 000 Rubel. Entschuldigen Sie mich bitte, dass ich Ihnen nicht sofort geantwortet habe. Ich hege keinen Groll gegen das deutsche Volk […] Wenn derjenige mit dem Namen Hans noch am Leben ist, wünsche ich ihm alles Gute, Gesundheit, viel Glück und Erfolg bei dem, was er tut. Ich bete mein ganzes Leben für ihn. Ich habe meinen Kindern, Enkelkindern und Urenkelkindern über ihn erzählt.

Mit Dankbarkeit und den besten Wünschen an alle Bürger Deutschlands

Der ehemaliger Kriegsgefangene

Korogodin Pawel Sergejewitsch.

28. Januar 2006.

Zum Seitenanfang


Zurück zum Seitenanfang.