Direkt zum Navigationsmenü.


KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

511. Freitagsbrief (undatiert, aus dem Russischen von Karin Ruppelt).

Russland
Republik Marij El
Petr Grigorjewitsch Starostin.

Kurze Biografie eines ehemaligen Kriegsgefangenen in faschistischen Lagern im Großen Vaterländischen Krieg.

Ich, Petr Grigorewitsch Starostin, bin am 13. Dezember 1916 in Beresowka im Gebiet Sowjetsk der ASSR Marij (jetzt Republik Marij El) geboren. Den Grundwehrdienst leistete ich von 1937 bis 1940 in der Kavallerie auf dem Gebiet der Ukraine ab, nahm am Vorrücken der Sowjetarmee auf die deutsche Armee auf dem Gebiet von Polen teil und erreichte 1938 meine Abteilung vor Krakau. 1940 rückte ich mit meiner Abteilung als Marschgruppe zum „Finnlandkrieg“ vor, aber unterwegs wurde die Marschgruppe aufgehalten und zur Standortverteilung zurückbeordert, da der Krieg bereits beendet war.

Nach Beendigung des Grundwehrdienstes wurde ich vom MWD [Innenministerium] in der Stadt Molotowsk (jetzt Sewerodwinsk) angeworben und ging von dort im Januar 1942 als Freiwilliger als Gemeiner Soldat des 200. Infanterieregiments an die Front, obwohl ich unabkömmlich war. Wir mussten mit hölzernen Gewehrattrappen kämpfen, echte Waffen gab es nur als Beute oder von gefallenen Kameraden.

Im Mai 1942 wurde ich bei der Durchbrechung der Leningrader Blockade bei Wolchow eingeschlossen, wurde am Bein verwundet und geriet in deutsche Gefangenschaft. Anfangs kam ich in ein Feld-Durchgangslager in einer der baltischen Republiken, wir lebten fast unter freiem Himmel, auf dem Lagergebiet gab es nur einige Landsleute, dann fuhr ich in Etappen durch ganz Europa, bis zur westdeutschen Stadt Nürnberg, wo ich mich ungefähr ein Jahr lang in einer sog. „Arbeitsbrigade“ befand, nach der Bombardierung von Nürnberg durch die „Alliierten“ wurde ich an einen anderen Ort verlegt (ich erinnere mich nicht genau, wohin), nach einem Fluchtversuch mit zwei Genossen wurden wir auf tschechischem Gebiet von der tschechischen Polizei geschnappt und ins Gefängnis geworfen, wo ich 3 Tage und Nächte stehend verbrachte (schlafen konnte man wegen der Enge nicht). Nach dem Gefängnis wurde ich ins Lager verlegt, wo ich im Steinbruch arbeitete (wir trugen mit bloßen Händen Steine zur Eisenbahn). Wir arbeiteten bis zum Zusammenbruch und lebend kamen die Kriegsgefangenen da nicht heraus. Mein Leben rettete ich dadurch, dass ich mich tuberkulosekrank stellte, wurde ins Militärlazarett überstellt, wo der Arzt (ein russischer Kriegsgefangener) sehr erstaunt war und mir sagte, das hätte ich toll gemacht. Ich verbrachte da einige Tage und wurde dann mit eine Gruppe von Kriegsgefangenen zur Holzverarbeitung geschickt, wo ich nicht lange blieb, weil schon der Angriff der Sowjetarmee begann und man uns Kriegsgefangene zu Fuß weiter nach Westen verbrachte. Dieser Marsch dauerte etwa zwei Monate, der Konvoi bestand aus deutschen Kriegsinvaliden, die sich uns gegenüber gleichgültig verhielten. Während des Marsches wurden die Kriegsgefangenen nicht verpflegt, wir aßen das, was auf dem Weg lag (wilde Äpfel, auf den Feldern zurückgelassene Rote Bete usw.), ich überlebte dadurch, dass ich bei einer Übernachtung in einer verlassenen Scheune Garben von Hanfähren mit Körnern entdeckte, die ich die ganze Nacht über schälte und in der Tasche verbarg. Dank dieser Körner bin ich nicht verhungert. Am 8. Mai 1945 holte die Sowjetarmee unsere Kolonne ein und befreite uns aus der Gefangenschaft, niemand wusste, auf welchem Gebiet wir uns befanden.

Nach den Verhören in der Spezialabteilung bildete man aus den ehemaligen Kriegsgefangenen Kolonnen, die sich zu Fuß in Richtung auf unsere Grenze bewegen mussten; wir liefen ca. 2 Monate bis Lwow (allerdings in Begleitung einer Feldküche). Nach den üblichen Verhören auf dem Gebiet der UdSSR schickte man mich und einen Teil der anderen ehemaligen Kriegsgefangenen zur Arbeit in die Donbass-Bergwerke, wo ich von August 1945 bis Juli 1946 arbeitete, dann wurde ich nach Hause entlassen und kehrte nach Joschkar-Ola zurück. Aber auch dort wurde ich dauernd in der 2. Abteilung verhört, ich durfte mich nicht einmal polizeilich anmelden, aber schließlich fanden alle Strapazen ein Ende, und, wie Sie sehen, lebe ich noch auf dieser Welt.

Zum Seitenanfang


Zurück zum Seitenanfang.