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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

510. Freitagsbrief.

Häufig beantworten die Zeitzeugen unsere Nachfragen in weiteren Briefen. Als Beispiel geben wir hier vier Variationen der Erinnerungen des Herrn Tscherwjakow zur Kenntnis, die er zwischen 2007 und 2009 schrieb. (Die Redaktion).

Nikolaj Gawrilowisch Tscherwjakow
Russland
Gebiet Smolensk.

Sehr geehrte Damen und Herren,

Ich bitte mein Schweigen zu entschuldigen. Ihre Hilfe von 300 Euro habe ich erhalten. Vielen Dank dafür. Einige Worte zu mir. Vor dem Krieg lernte ich an einer Mittelschule, in der ich 9 Klassen absolvierte. Im Mai 1941 wurde ich 17 Jahre alt. In Gefangenschaft geriet ich am 25. Februar 1942. Anfang März 1942 erkrankte ich an Fleckfieber und kam in die Baracke für Typhuskranke in der Stadt Polozk in Belarus. Wie lange ich ohne Bewusstsein dort lag, weiß ich nicht genau und wie ich das überlebte auch nicht. Aus den Worten der Überlebenden in der Typhusbaracke weiß ich, dass ich 12–16 Tage ohne Bewusstsein war. In dieser Zeit bekam ich keinerlei Medikamente, keine Ernährung, noch nicht einmal Wasser. Eine Woche, nachdem ich wieder zu Bewusstsein gekommen war, wurde ich zusammen mit anderen Kriegsgefangenen mit dem Zug in die Gegend von Köln gebracht, wo ein Lager war. Ich habe in einer Chemiefabrik gearbeitet, wo man per Elektrolyse Kochsalz in Natrium und Chlor zerlegte. Soweit ich mich erinnere, hieß das Werk „Gold und Silber-Fabrik“ [DEGUSSA?]. Das Werk war in der Nähe von Köln, wo noch weitere große Fabriken waren. Irgendwann im März 1945 hat die amerikanische Luftwaffe alle diese Werke zerbombt. Ich war mit einer Gruppe russischer und italienischer Kriegsgefangener damit beschäftigt, die Blindgänger wegzuräumen. Die Sprengung wurde von deutschen Offizieren durchgeführt.

In dem Maße, wie sich die amerikanischen Truppen näherten, wurden wir in die Stadt Paderborn evakuiert, wo wir irgendwann im April von amerikanischen Truppen befreit wurden.

Von April 1945 bis März 1946 befand ich mich zur Genesung in Krankenhäusern.

Von April 1946 bis 1991 arbeitete ich im Maschinenbau. Parallel schloss ich zwei Hochschulen ab, ich habe den Abschluss als Maschinenbauingenieur. Jetzt bin ich Rentner. Ich bitte nochmals um Entschuldigung. Ich habe fast völlig das Augenlicht verloren und konnte Ihnen nicht selbst schreiben. Ich würde mir gern das heutige Deutschland ansehen, aber dieser Traum ist wohl unerfüllbar. Auf Wiedersehen, mit Hochachtung

N. G. Tscherwjakow.

19.04.2007.

Übersetzung Dr. Martin Creutzburg.

Guten Tag sehr geehrte Herren, ich bitte mein langes Schweigen zu entschuldigen.

Wenn ich über mein Leben in Gefangenschaft sprechen soll, so musste ich in einer Fabrik mit dem schönen Namen Gold und Silber Werk [DEGUSSA?] arbeiten. In Wahrheit wurde in dieser Fabrik Kochsalz per Elektrolyse in Natrium und Chlor zerlegt. Man musste die ganze Zeit mit Atemschutz arbeiten, wegen der giftigen Gase und in Schuhen mit Holzsohle, wegen der hohen elektrostatischen Aufladung. Chlor und Natrium wurden für den Krieg produziert.

Mir fiel das sehr schwer, da ich im März 1942 an Fleckfieber erkrankte und zur Arbeit in nicht ausgeheiltem Zustand gelangte. Jetzt denke ich oft darüber nach, wie viel Kraft und Energie die Menschheit für Kriege aufwendet. Es schien, als ob der II. Weltkrieg, der 50 Millionen Leben kostete, die menschlichen Leidenschaften wenigsten etwas zügeln würde. […] bis heute hat sich die Menschheit nicht beruhigt. Wenn man die Nachrichten hört, wundert man sich, dass es praktisch in allen Länder der Erde Versuche zur Wiedergeburt des Faschismus gibt und eine neue Epidemie auftauchte – der islamische Fundamentalismus und Terrorismus. Es scheint, man hat aus der Geschichte keine Lehren gezogen, so dass die Menschheit ruhig leben könnte. Das Unangenehmste daran ist, dass dies alles sich in hoch entwickelten und gebildeten Ländern entwickelt, dabei sind Deutschland und Russland keine Ausnahmen, die am meisten im II. Weltkrieg gelitten haben.

Entschuldigen Sie den Versuch, meine Gedanken zum Ausdruck zu bringen, vielleicht habe ich auch nicht recht, aber man möchte doch ruhig und ohne Erschütterungen leben. Ich würde mich freuen von Ihnen einen Brief zu erhalten.

Auf Wiedersehen mit Hochachtung

Tscherwjakow.

17.08.2007.

Übersetzung Dr. Martin Creutzburg.

Auszug vom 3. Brief:

[…]

Ich danke Ihnen sehr für Ihr Interesse. Hier ist jetzt Frühling, im Moment ist es warm, aber heute Abend soll es wieder viel kälter werden, was uns natürlich nicht freut. Wir arbeiten in unserem Garten, wir ziehen vor allem Gemüse. Aber wir lassen uns noch Zeit, denn es wird noch Frost geben. Wir haben uns schon daran gewöhnt, dass es im Mai immer noch mal Frost gibt.

Soviel zu heute. An die Vergangenheit zurückzudenken fällt mir schwer. Ich war Aufklärer. Ende Februar 1942 geriet unsere Gruppe (vier Personen) bei einem Aufklärungseinsatz in Gefangenschaft (wir hatten keine Waffen).

Es folgten Verhöre usw., ich erkrankte an Fleckfieber und wurde in eine Baracke mit Typhuskranken gebracht. Ich weiß nicht, wie lange ich ohne Bewusstsein war. Jedenfalls mindestens zwei Wochen. All diese Zeit nahm ich weder Nahrung noch Wasser zu mir. Und keinerlei Medikamente. Wie ich überleben konnte – weiß ich nicht.

Im Mai 1942 dann wurden wir, die noch am Leben waren, nach Deutschland gebracht, in ein Konzentrationslager in der Nähe von Köln. Ich habe zuerst in einem Werk zu Verarbeitung von Bauxit (Bauxit ist Aluminiumerz) gearbeitet. 1943 kam ich zur Arbeit in ein Werk, in dem NaCl verarbeitet wurde. Dort wurden Chlorgas und Natrium-Metall gewonnen. Zum Schutz vor dem Gas arbeiteten wir mit Gasmasken.

Im November 1944 zerbombten die Amerikaner alles, die Fabriken. Wir mussten zuerst die Bomben, die nicht gezündet waren, ausgraben. Dann trieben sie uns in ein Konzentrationslager in Paderborn [Stalag 326], wo wir im April 1945 einen Aufstand organisierten, die Wachmannschaft entwaffneten und gegen die SS-Leute kämpften. Wir hatten wenig Waffen, aber die amerikanischen Panzer kamen uns zur Hilfe. Die SS-Männer machten sich aus dem Staub und wir waren frei.

30.4.2009.

Übersetzung Valerie Engler.

Die ins Stalag 326 evakuierten sowjetischen Kriegsgefangenen entwaffneten und isolierten die Lagerpolizisten. Am 31.03.1945 war das Lager in der Hand der sowjetischen Kriegsgefangenen und die Wehrmachtssoldaten [nicht SS] trauten sich nicht mehr, es zu betreten. Eine Stunde bevor das Ultimatum des sow. „Lagerkommandanten“ an den deutschen Kommandanten zur Übergabe des Lagers und Schusswaffen zum Erhalt der Ordnung am 02.04.1945 ablief, erschienen US-Panzer und der deutsche Kommandant übergab das Lager. (Quelle: Hüser/Otto: Das Stammlager 326 (VIK) Senne 1941–1945.).

Guten Tag, sehr geehrte Damen und Herren!

Ich habe Ihren Brief bekommen und danke Ihnen für Ihr Interesse.

Ich wünsche Ihnen Frohe Weihnachten und ein Frohes Neues Jahr!

[…]

Ich war ab 1941 im Krieg, mit 17 Jahren. Acht Monate lang ein schweres Gefecht nach dem anderen. In den ersten Monaten des Krieges kämpften vor allem Infanteristen, es gab keine Panzer und Flugzeuge. Ich habe an der Schlacht bei Smolensk teilgenommen und bin durch die Hölle gegangen. An der Spitze der Front in den Schützengräben und bei den Attacken. Dann war ich bei der Aufklärung. Beim letzten Einsatz ließ uns der Pilot 200 km neben dem Ziel mit Fallschirmen abspringen. Da wir weder Waffen noch Skier hatten (es war Ende Februar 1942), gerieten wir natürlich in Gefangenschaft. Es folgten Verhöre, dann bekam ich Fleckfieber. Wie ich überlebt habe, weiß ich nicht. Wie mir andere Überlebende erzählt haben, bekam ich, als ich krank war, keine Medikamente und, wie alle anderen auch, nichts zu Essen oder zu Trinken. Dann brachten sie mich nach Deutschland in die Nähe von Köln. Dort habe ich in einer Fabrik gearbeitet, in der Bauxit verarbeitet wurde, ab 1943 war ich dann in einem Chemiewerk bei der Verarbeitung von Salz zu Chlor und Natrium.

Ich war drei Jahre in der Gefangenschaft und ich muss sagen, dass ich keinen Verrätern begegnet bin. Im KZ [Stalag] haben sowohl die Wlassow-Leute als auch die Deutschen versucht, uns anzuwerben, aber keiner der Gefangenen aus unserem KZ ist zu ihnen gegangen, obwohl die Lebens- und Arbeitsbedingungen so schlecht waren. Sie sind gestorben oder haben sich selbst mit Chlor vergiftet, aber sind der Heimat treu geblieben. Was den achtzehnjährigen Jungen betrifft, so war er augenscheinlich seelisch und körperlich geschwächt. Was soll man ihm jetzt da große Vorwürfe machen. [Dmitri Stratievski hatte einige ehemalige Kriegsgefangene für seine Dissertation um ihre Meinung zu Kollaborateuren gebeten.].

Zu den Kriegsgefangenen: Ich weiß nicht, ob Sie Informationen über die Konzentrationslager von 1941 haben. Ende März 1942 wurden wir vor der Deportation nach Deutschland im KZ in Borissow [Dulag 240] versammelt. Alle, die 1941 in Gefangenschaft geraten waren, wurden dort mit Stacheldraht umzäunt, sie bekamen weder Wasser noch Essen, bis alle starben, und wer versuchte zu fliehen, der wurde erschossen. So war es in Borissow. Nach dem Krieg hat man mir erzählt, dass es überall so war, wo Kriegsgefangene gehalten wurden.

In den acht Monaten an der Front bin ich natürlich verwundet worden, die Folgen spüre ich bis heute.

Das Wetter ist bis jetzt hier nicht sehr winterlich. Bis zum achten Dezember hatten wir Plusgrade. So etwas gab es nach Aussage der Metereologen schon 111 Jahre nicht mehr. Vom 8. auf den 9.12. hat es aber geschneit und es sind −3 bis −5 Grad. Und das im Dezember! Normalerweise ist der Dezember bei uns sehr kalt.

Ich würde mich sehr über weitere Briefe von Ihnen freuen.

Tscherwjakow.

10.12.2009.

Aus dem Russischen von Valerie Engler.

Vor seinem Tod 2015 unterzeichnete Herr Tscherwjakow zusammen mit 60 anderen ehemaligen sowjetischen Kriegsgefangenen aus Russland und der Ukraine einen Friedensappell als „Aufruf zur Versöhnung zwischen Russen und Ukrainern“.

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