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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

507. Freitagsbrief (vom April 2005).

Ukraine
Gebiet Dnepropetrovsk
Michail Iosifowitsch Gorbenko.

Sehr geehrte Hilde Schramm und Eberhard Radczuweit,

im Namen des Vaters, Gorbenko Michail Iosifovitsch, schreibt Ihnen seine Tochter Raissa.

Ich möchte mich herzlich bei Ihnen, bei den Mitgliedern Ihres Vereins und bei den Menschen Ihres Landes für die Gratulation zum Neuen Jahr und die aufrichtigen Grüße, aber auch für die finanzielle Hilfe bedanken.

Unsere Familie ist sehr groß. Sowohl unser Vater als auch die verstorbene Mutter waren während des Krieges in Deutschland. Kennengelernt haben sie sich nach dem Krieg und heirateten 1947.

Die Mutter (Mädchenname Tilnaja Tatjana Fedotovna) wurde 1942 als „Ostarbeiterin“ nach Deutschland verschleppt. Gearbeitet hat sie in der Gebrüder Heinzmann Fabrik im Städtchen Böhmenkirch[en]. Auch sie erhielt materielle Hilfe, aber die Überweisung kam leider erst nach ihrem Tod. Die Eltern haben viel über ihr Leben in Deutschland erzählt, wo sie sich beide seit Anfang des Krieges aufgehalten haben. Sie redeten über die Schwierigkeiten, aber aus irgendeinem Grunde blieb größten Teils das Gute in ihrer Erinnerung. Die Fabrikbesitzer hatten meine Mutter sehr gerne. Von allen Mädchen, die in der Fabrik arbeiteten, sprach sie am besten Deutsch, das in der Schule unterrichtet wurde, war tüchtig bei ihrer Arbeit und lernte sogar Autofahren. Die Eigentümer baten sie, nach der Befreiung bei ihnen zu bleiben. Zwei ihrer Freundinnen taten das dann auch, doch die Mutter ging zurück – sehnte sich nach den Eltern, als ob sie fühlen konnte, dass ihre Hilfe sehr von Nöten war. Ihr Vater kehrte nach dem Krieg ohne ein Bein zurück, zwei ältere Brüder waren umgekommen. Der Jüngste war 1940 geboren, also noch sehr klein. Die tragische Geschichte einer Familie während des Krieges.

Der Vater hat oft erzählt, wie schwer es war, insbesondere am Anfang, als sie in Deutschland angekommen sind. Gearbeitet hat er im Flugzeugwerk „Arado“, später in einer Kiesgrube. Seinen letzten Arbeitsort in der Aluminiumfabrik der Stadt Wittenberg behielt er in seiner Erinnerung jedoch nur von der guten Seite. Häufig erinnerte er sich an zwei Fälle, die sich gegenseitig ergänzen und viel aussagen, nämlich dass deutsche Menschen keine Faschisten sind [sic]. Die Fabrikarbeiter wurden zu den Gemüselagern geschickt, wobei alle diese Arbeit verrichten wollten, da man ein wenig Kartoffeln mitnehmen konnte. Eines Tages wurden dorthin weniger Personen als üblich geschickt, und mein Vater war unter jenen, die nicht mitkamen, weshalb er seine Unzufriedenheit äußerte. Für den Arbeitseinsatz waren die Militärs verantwortlich, und so gab der deutsche Offizier den Befehl, Vater unverzüglich ins Konzentrationslager zu verlegen. Er wurde in den Bunker eingeschlossen, doch abends kam der Fabrikleiter und holte ihn ab. Später erzählte man meinem Vater, wie der Leiter den Offizier davon überzeugte, dass, wenn solche gute Arbeiter wie er in die Konzentrationslager gebracht würden, es bald niemanden gibt, der ordentliche Arbeit leistet.

Und als die Kriegsgefangenen befreit wurden, musste mein Vater seinen Retter verteidigen. Einer der Kriegsgefangenen prügelte auf den Fabrikleiter ein, um an ihm seinen Frust abzureagieren, doch Vater hielt den Landsmann auf und wies ihn zurecht mit dem Hinweis, dass er nur deshalb die langersehnte Befreiung erleben darf, weil sie eine menschliche Behandlung hatten.

Es wäre erfreulich, wenn diese Erinnerungen an die Verwandten der Fabrikeigentümerin weitergegeben werden würden. Sie sollten über ihre Angehörigen wissen, dass man in unserem Land an sie denkt und ihrem verständnisvollem Verhalten den Kriegsgefangenen gegenüber dankt. Er weiß noch, dass sie einen Sohn hatten, der damals die 10. Klasse besuchte. Ihre Namen kannte er nicht, doch nach seinen Worten wurde der Vater „Mitschka“ genannt. Vielleicht haben die Eltern ebenfalls ihrem Sohn über den Russen erzählt, der einst den Vater beschützte.

Da wäre noch eine Erinnerung, die hier erwähnt werden sollte, und die etwas darüber aussagt, dass die deutschen Menschen das Leiden unseres Volkes miterlebten. Trotz des Krieges bekamen die Eltern meines Vaters 1942 die Nachricht aus Deutschland, dass er sich zwar in der Gefangenschaft befindet, doch am Leben und gesund ist.

Heute ist Vater 84 Jahre alt. Hat fünf Kinder (vier Töchter und einen Sohn), die eigene Familien haben; 10 Enkel (leider starb einer vor vier Jahren mit zwanzig); zwei Urenkelinnen, und dieses Jahr kam ein Urenkel zur Welt.

Wir lieben unseren Vater und geben uns Mühe, das in seiner Jugend Erlebte durch Liebe und Aufmerksamkeit auszugleichen. Jetzt ist er doppelt und zweifach darauf angewiesen, da die Mutter, derer wir immer gedenken, nicht mehr da ist.

Trotz allem, was unsere Eltern durchmachen mussten, blieben sie gutmütige Menschen, haben gute Kinder erzogen, die alle eine Fachausbildung oder einen Hochschulabschluss haben und eigene Kinder auf dieselbe Weise heranziehen. Wir, die Kinder, sind den Menschen, bei denen unsere Eltern während des Krieges gearbeitet haben, sehr dankbar.

[…]

Alles Gute wünscht Ihnen Gorbenko Michail Iosifovitsch und seine Familie.

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