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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

502. Freitagsbrief (aus dem Russischen von Jennie Seitz).

Ruben Samsonowitsch Portschchidse
Georgien
Bagdati
06.04.2009.

Antrag.

Ich, Ruben Samsonowitsch Portschchidse, wurde am 3. Oktober 1921 in der Kleinstadt Majakowskij, heute Bagdati, Georgien, geboren.

Zum aktiven Kriegsdienst wurde ich durch das Kreismilitärkommissariat Majakowskij im Oktober 1940 einberufen. Ich wurde dem 89. Schützenregiment der 23. Schützendivision zugeteilt. Nach Beginn des Großen Vaterländischen Krieges nahm ich in den Reihen derselben an den Kämpfen gegen die faschistischen Besatzer teil. Ich habe nicht sehr lange gekämpft, denn im August 1941 wurde ich während einer Schlacht am Ufer der Desna unweit der Stadt Dwinsk von den Faschisten gefangengenommen. Eine Zeitlang wurde ich an selbiger Stelle in einem improvisierten Kriegsgefangenenlager in den Räumen der örtlichen Schule festgehalten, von dort aus verlegte man mich in das Lager der Stadt Schawlew [Schaulen/Šiauliai Litauen Stalag 336 Z], wo ich ebenfalls nicht lange blieb. Bald lud man die Gefangenen in derart vollgestopfte Güterwaggons, dass man darin wegen des wenigen Platzes nur stehen oder sich hinhocken konnte, und brachte sie nach Westen. Unterwegs starben täglich Gefangene an Hunger, Entkräftung, oder sie erstickten einfach aus Mangel an Luft. Die unterwegs Gestorbenen stapelte man an den Stationen einfach auf den Bahnsteigen. Nach ein paar qualvollen Tagen erreichten wir Polen. Man steckte uns in das Kriegsgefangenenlager Stalag 366 der Stadt Biała Podlaska, wo wir über ein Jahr lang blieben. Von dort aus wurde ich in das Lager in Kruszyno verlegt. Die Bedingungen waren unmenschlich: Die Kleidung bestand aus Fetzen, warme Schuhe sahen wir nie – wickelten uns Stofflappen um die Füße, jeder das, was er auftreiben konnte. Die Verpflegung: 150 g Brot, trübe Suppe, abends manchmal Kaffeegebräu. Die Sadisten schikanierten uns, wo es nur ging – zwangen uns, auf die Knie zu gehen, um die Essensschüssel zu bekommen, und auch essen mussten wir diese Plörre auf Knien. Aus dem Lager führten sie uns jeden Morgen zum Arbeiten in die umliegenden Höfe hinaus. Ich half in der Küche, beim Holzhacken, weidete das Vieh. Die hiesige Bevölkerung hatte Mitleid mit den Gefangenen und kam oft zum Lager mit Dingen, die wir reparieren konnten, um ein paar Groschen zu verdienen. Manchmal brachten sie auch etwas zu essen.

Anfang 1943 kam den faschistischen Sadisten eine neue Möglichkeit in den Sinn, die Gefangenen moralisch zu malträtieren. Sie verkündeten, es würde eine sogenannte georgische Legion zusammengestellt, und begannen, von den Georgiern diejenigen auszuwählen, die für die Aufnahme passend erschienen. Ich kam nach reiflicher Überlegung zu dem Schluss, dass dies die einzige Möglichkeit für mich wäre, der Gefangenschaft zu entkommen und legte mir einen Plan zurecht, dass ich aus deren Legion fliehen und bei der ersten sich bietenden Gelegenheit auf unsere Seite überlaufen würde. Im März 1943 wurde ich in die Reihen dieser beschämenden Legion rekrutiert. Zum Glück mussten wir nicht an den Kampfhandlungen gegen die Partisanen teilnehmen, auf die man uns vorbereitet hatte. Aus dem Lager wurden wir von sowjetischen Truppen befreit und sofort zu Vaterlandsverrätern erklärt. Nach dem Ende des Krieges wurden wir ständig überprüft, vorgeladen, verhört – das war alles schon in der Heimat. Im Januar 1949 wurde ich als einer der ersten zu einer brutal langen Haftstrafe verurteilt – 25 Jahre, nach dem strengsten Artikel: „Vaterlandsverrat“. Aufgrund einer Amnestie wurde ich vorzeitig aus der Haft entlassen und kehrte nach Hause zurück.

Insofern habe ich dreifach unter den Faschisten leiden müssen – ich überlebte das Grauen der Gefangenschaft, wurde der Schmach der Aufnahme in einem Bataillon gegen die eigenen Leute ausgesetzt und nach der Rückkehr in die Heimat als Verräter gebrandmarkt, womit ich sehr lange leben musste. Mein ganzes Leben war zerrüttet.

Und nun erfahre ich, dass man sich im neuen Deutschland an solche wie mich erinnert hat und uns wenigstens symbolisch für das entschädigen will, was wir durchgemacht haben. Das ist ein sehr ehrenwertes Vorhaben. Dabei geht es nicht so sehr um das Geld, obwohl das für uns Rentner auch eine Unterstützung ist, denn die Rente ist bei uns miserabel, reicht gerade für die Medikamente, und auch da nicht für alle. Hier geht es um das Andenken und den Wunsch, die Schuld der Großväter und Väter zu tilgen. Ich danke Ihnen dafür.

Ich bitte Sie um die Gewährung von humanitärer Hilfe.

Hochachtungsvoll

Ruben Portschchidse [Unterschrift].

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