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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

50. Freitagsbrief (22.06.2007).

Heute jährt sich zum 66. Mal der Tag des deutschen Angriffs auf die Sowjetunion. Am 22. Juni 1941 begann der Vernichtungskrieg mit dem Ziel, ein deutsches Kolonialreich bis zum Ural zu schaffen. Die slawischen Bewohner des künftigen „germanischen Lebensraums im Osten“ galten den Nazis als minderwertiges Menschenmaterial, für das Sklaverei oder Vernichtung vorgesehen war. 27 Millionen Menschen fielen dem Vernichtungskrieg zum Opfer.

Russland
Irkutsk
Petr Michajlowitsch Tschishow.

Guten Tag, sehr geehrte Frau Dr. Hilde Schramm und Herr Eberhard Radczuweit,

Ich war sehr verwundert und zugleich froh, als ich Ihren Brief erhielt. Danke! Wie haben Sie von einem alten Soldaten des Zweiten Weltkrieges erfahren?

Ich berichte über meine Person. Im Herbst 1940 wurde ich in die Armee einberufen. Mein Studium am Technikum für Geologie in Schtschutschinsk (Kasachstan) brach damit im zweiten Studienjahr ab. Unser 284. Regiment der 86. Rote-Fahne-Division war in Westbelarus unweit von Bialostok an der deutsch-sowjetischen Grenze stationiert. Die an Stärke mehrfach überlegenen deutschen Truppen griffen uns ohne Kriegserklärung an. Im Defensivkampf unweit von Bialostok wurde mein linkes Ellbogengelenk verletzt. Man brachte mich ins Spital von Bialostok. Eine Evakuierung der Verletzten war in dieser schweren Situation unmöglich. Die Stadt war vollständig belagert. Alle warteten mit Furcht, was mit uns nach dem Eindringen der Hitlertruppen passieren würde. Es kam die Zeit. In die Stadt marschierten deutsche Truppen ein. Sofort begann etwas Schreckliches. Alle Verletzten aus dem Spital wurden in Keller gesperrt. Es fing die Jagd auf Juden an. Das Essen und die Behandlung waren fürchterlich. Die Wunden wurden lang nicht verbunden. Es entwickelten sich Maden. Die Menschen starben an Verwundungen und Krankheiten. Mein Arm wurde nicht gerettet. Er lässt sich nicht beugen und ist unempfindlich.

Etwa im Herbst 1941 wurden jene, die noch auf eigenen Beinen standen, ins große Lager Suwalki überführt. Danach folgte das kleine Lager Arus. Dort wurden behinderte Gefangene ausgesucht, Einarmige. Ein Teil von uns brachte man ins Lager Schrombinen bei Königsberg. Hier mussten wir Metallteile be- und entladen. Oftmals wurden diese Teile mithilfe eines langen Stocks transportiert. Das war eine echte Erniedrigung der Behinderten. Die Kriegsgefangenen starben an Entkräftung und Erschöpfung.

Unser Fluchtversuch zusammen mit D. W. Wecklitsch, einem Einarmigen, war misslungen. In zwei Wochen nahmen uns die Wächter fest, die irgendeine Lagerhalle bewachten. Wir wollten uns gerade im Wald nach dem Nachtmarsch erholen. Wir wurden abgeholt und ins Lager Schrombinen zurückgebracht. Dort wurden wir mit Gummistöcken kräftig geschlagen. Danach gab es Karzer, für die „Erholung“. Nach drei Tagen hieß es wieder arbeiten.

Beim Näherrücken unserer Truppen wurde das Lager in aller Eile entlang der Ostsee ins Kerndeutschland evakuiert. Ich flüchtete wieder. Festnahme. Diesmal wurde ich nicht geschlagen. Man brachte uns ins kleine Lager in der Nähe von Anklam. Dort flüchtete ich zum letztenmal. Mich begleiteten zwei gesunde Kriegsgefangene, T. Kalinitschenko und P. Gudkow. Bei der Stadt Arnswalde traf ich auf unsere vorgerückten Truppen. Der Kommandant überprüfte uns eine bestimmte Zeit lang. Danach stellte er mir eine Heimkehrbescheinigung aus und die Aufforderung, zwecks weiterer Überprüfung das Filterlager in Brest aufzusuchen. (Ich habe entsprechende Unterlagen.) Am 25. Mai 1945 war meine Überprüfung vorbei.

Im Juni 1945 kehrte ich heim. Dort hatte man nicht auf mich gewartet. Ich galt als Verstorbener in den ersten Kriegstagen. Das Treffen war fröhlich und schwer. Als meine Mutter mich wiedersah, lebendig, aber abgemagert, erlitt sie eine Herzattacke. Ich sah meine Eltern mehr als vier Jahre nicht. Nach der Erholung und Behandlung, also ein Jahr nach der Rückkehr aus der Nazi-Hölle, versuchte ich mein Studium am Technikum fortzuführen. Ich hatte Angst, dass ich wegen der Probleme mit dem Arm nicht aufgenommen würde. Meine damalige Adresse lautete: Kasachstan, Gebiet Akmolinks, Dort Rasdolnoje. 1946 setzte ich das Studium am Technikum für Geologie in Schtschutschinsk im zweiten Studienjahr fort und beendete es im gleichen Jahr. Ich wurde zur Arbeit nach Sibirien, zum Werk „Bargusin-Soloto“ überführt. Hier arbeitete ich mein ganzes Berufsleben lang. Ich war Geologe, Obergeologe und dann Hauptgeologe. Die letzten fünf Jahre arbeitete ich als Leiter der Suchgruppe von Cipkansk, die zur Sabajkalje-Gruppe gehörte.

Ich bin verheiratet. Marija Nikolajewna und ich feierten im vorigen Jahr unser 60. Hochzeitsjubiläum. Wir haben zwei Töchter, einen Sohn, sechs Enkel und sieben Urenkel. Meine Frau ist 81 Jahre alt. Am 1. Mai 2007 wurde ich 86. Jahre alt. Unsere Gesundheit ist nicht gut. Vor allem hat meine Ehefrau Probleme. Es steht eine kostenaufwendige Gelenkoperation am linken Bein bevor. Ich, als Mensch, der schreckliche Leiden der Nazi-Kriegsgefangenschaft überlebte, bleibe optimistisch und nehme je nach Kräften und Möglichkeiten an der Arbeit des Rates der Kriegs- und Arbeitsveteranen teil.

Meine Langlebigkeit erbte ich von meiner Mutter. Sie erlebte sehr viel. Sie starb in Wladiwostok im Alter von 100 Jahren.

Vielen Dank für Ihre finanzielle Hilfe!

Ich habe nur einige Abschnitte aus meinem langen Leben beschrieben. Das ist recht wenig. Wenn wir uns treffen könnten, hätte ich gerne wesentlich mehr erzählt. Das wäre eine sehr fröhliche Begegnung. Leider ist es unmöglich.

Mit aufrichtiger Hochachtung

Petr Michajlowitsch Tschishow.

15. April 2007.

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