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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

499. Freitagsbrief (vom März 2011, aus dem Russischen von Valerie Engler).

Russland
Republik Dagestan
Gadshijaw Nurmagomedow.

Folgebrief

Guten Tag, lieber Dmitri!

Ich habe Ihren Brief bekommen und danke Ihnen sehr dafür. Ich freue mich sehr und bin tief berührt von Ihrem Interesse und Ihrer Anteilnahme am Schicksal von uns, den ehemaligen Nazi-Häftlingen.

Ich bin Gott sei Dank gesund und munter und hoffe, Sie sind es auch. Ich habe Ihre humanitäre Hilfe bekommen. Danke.

Das Geld, das Sie geschickt haben, haben wir schon für den Bau der Madrasa ausgegeben. Mit jedem Tag werden die Kriegsveteranen weniger, und erst recht die Nazi-Häftlinge.

Es gibt jetzt in unserem kleinen Bezirk nur noch drei Kriegsveteranen. Viele können nicht mehr laufen, nur noch wenige können sich alleine fortbewegen. Ich bemühe mich, sie oft zu besuchen. So gut ich kann unterstütze ich sie in finanzieller und moralischer Hinsicht.

Ich werde immer wieder zu Treffen mit jungen Menschen, mit den Dorfbewohnern oder mit Veteranen eingeladen. Zusammen denken wir an diese schreckliche Zeit zurück. Der Staat sorgt für uns, unsere Rente ist ziemlich gut im Vergleich zu anderen Leuten. Wenn Feiertage sind, denken sie an uns. Man kann sagen, dass bei uns jetzt alles in Ordnung ist.

Ich möchte Ihnen in einigen kurzen Zeilen von meinem schweren Kriegsschicksal berichten.

Am 23.3.1943 bin ich freiwillig in den Krieg gezogen. Wir wurden drei Monate lang in Gori (Georgien) ausgebildet. Die Ausbildung war ziemlich schlecht: Schlechte Verpflegung, keine richtigen Uniformen. Nach drei Monaten wurden wir von dort nach Pensa gebracht, wo wir auf die Front vorbereitet werden sollten. Ende August 1943 kamen wir dann an die Front bei Smolensk. Am 28.8. begann der Angriff unserer Streitkräfte. Unsere Truppen waren nicht ausreichend bewaffnet. Zwar hatte jeder Soldat eine MP, aber Patronen bekamen wir nur in begrenzter Anzahl. An diesem Tag fanden heftige Gefechte statt. Von unserem Bataillon überlebten nur 14 Mann. Unsere Truppen traten den Rückzug an und wir Überlebenden gerieten alle in Gefangenschaft. Die Deutschen sperrten uns in einen Pferdestall. Fünf Tage harrten wir dort ohne Wasser und ohne Essen aus.

Was dann kam, wissen Sie ja selbst – sie trieben uns hungrige, abgerissene Kriegsgefangene Richtung Westen. Zuerst nach Belarus, dann nach Polen. Wir waren auch in Frankreich und in Spanien [?], in Belgien, Holland und Westdeutschland.Wir mussten sehr schwer arbeiten – Gräben ausheben, Waggons entladen, Holz fällen.

Die Verpflegung war sehr schlecht, wir bekamen am Tag 300 g Schwarzbrot und einen Liter Suppe ohne Fleisch. Im Lager in Belarus flohen einmal einige Kriegsgefangene aus dem Lager. Sie wurden alle geschnappt und erschossen.

Als wir in Westdeutschland waren, war neben uns ein Lager für englische und amerikanische Kriegsgefangene. In ihr Lager kamen Mitarbeiter des Roten Kreuzes. Zu uns, zu den russischen Gefangenen, durften sie nicht. Das ganze Leid und die Qualen, die wir damals erleben mussten,lassen sich nicht in Worte fassen.

Jetzt ist es uns wichtig, dass sich die Willkürherrschaft der Nazis niemals wiederholt. Nach der Rückkehr aus der Nazi-Gefangenschaft war es für uns auch hier in der Heimat nicht einfach. In unserem vom Krieg gebeutelten Land lebte es sich noch viele Jahre schlecht, überall Zerstörung und Hunger, aber mit der Zeit ging das Leben wieder seinen normalen Gang. Heute leben wir Gott sei Dank gut. Aber ich denke trotzdem, dass Sie besser leben als wir.

Ich danke Ihnen sehr für Ihren Brief. Ich würde Sie gerne fragen – könnte ich an die Orte fahren, wo ich damals in Gefangenschaft war?

Mit freundlichen Grüßen

Gadshijaw.

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Der Brief ist an den KOHTAKTbI-Mitarbeiter Dmitri Stratievski gerichtet.

Früher erhielten mit einem Begrüßungsbrief die ehemaligen sowjetischen Kriegsgefangenen unabhängig von ihrer sozialen Situation als „Geste der Anerkennung erlittenen Unrechts“ einen symbolischen Einmalbetrag von 300 €. Heute erhalten sie auf Antrag bei erwiesener Notlage auch mehrfach begrenzte Spendenmittel. (Die Redaktion).

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