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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

498. Freitagsbrief (vom März 2009, aus dem Russischen von Valerie Engler).

Iwan Wasiljewitsch Drunin
Russland
Livny
Gebiet Orjol.

Guten Tag, sehr geehrte Mitglieder des Vereins „Kontakt“,

hiermit möchte ich Ihnen für Ihren Brief und die finanzielle Unterstützung danken und vor allem dafür, dass Sie uns nicht vergessen haben.

Ich geriet im Alter von 21 Jahren in Gefangenschaft und war dort drei Jahre, also bis ich 24 Jahre alt war. Ich war zuerst in Deutschland, in Moosburg [Stalag VII A], danach in München – an den Namen des Lagers kann ich mich leider nicht mehr genau erinnern, aber in der Nähe befand sich irgendein Park. Es gab Russen und Franzosen dort im Lager.

Nach einem Bombenangriff blieb vom Lager außer dem Verwaltungsgebäude, in dem die Wachmannschaften waren, nichts mehr übrig. Die Gefangenen wurden auf verschiedene andere Stellen verteilt. Ich kam in die Nähe des Hofes „Best“, wo ich dann gearbeitet habe, bis am 30. April die Amerikaner kamen und die Stadt zerbombten, sie verschonten niemanden, auch nicht die Zivilbevölkerung, was natürlich falsch war, denn sie konnten ja nichts dafür. Wir blieben einen Monat bei den Amerikanern. Dann wurden wir an der Weichsel [?] den russischen Truppen übergeben.

Es fällt mir schwer, an die Zeit in Gefangenschaft zurückzudenken – Hunger und Kälte, ich erkrankte an Typhus, niemand dachte, dass ich überleben würde, aber ich hatte Glück. Gegen die Deutschen hege ich keinen Groll. Ich kann sagen, dass sie uns Gefangene nicht schlecht behandelten. Viel schlimmer waren die „Wlassow-Leute“ und die „Polizaj“, sie haben uns schikaniert und gedemütigt.

Meinen besonderen Dank möchte ich den deutschen Frauen sagen, die keine Angst hatten und uns Gefangenen halfen. Wir fertigten aus Holz Spielzeug: Flugzeuge, Blumen, Vögel. Schlangen. Für diese Spielsachen gaben uns die deutschen Frauen „Brot-marki“ [*] und dafür holten wir uns Brot. In den Geschäften verkauften sie uns das Brot bereitwillig, aber sie warnten uns, dass man sie nicht dabei sehen durfte.

Nach der Befreiung wurde in Deutschland eine Überprüfung vom KGB durchgeführt. Sie suchten 400 Personen heraus, die einen Betrieb in Chisburg [?] demontieren sollten. Danach habe ich ein Jahr in einer Fabrik gearbeitet und dann konnte ich nach Hause fahren. Ich habe mein ganzes Leben in der Kolchose gearbeitet, erst als Viehhirte und Tierarzt, später war ich in der Kolchosverwaltung tätig.

Wie es sich gehört, habe ich geheiratet. Ich habe drei Söhne und eine Tochter, neun Enkel und bisher sechs Urenkel. 2000 ist meine Frau gestorben und danach mein ältester Sohn, bis heute kann ich es nicht fassen, es ist sehr schwer. Ich lebe bei meiner Enkelin, ihrem Mann und ihren zwei Kindern, meinen Urenkeln. Ich bin jetzt 87 Jahre alt – umso schöner ist es, dass man mich nicht vergessen hat. Ich danke Ihnen.

Auch in meiner Heimat hat man mich nicht vergessen, ich bekomme immer Glückwünsche zu den Feiertagen und habe eine ordentliche Rente, obwohl natürlich viel davon für die Medikamente drauf geht, aber so ist das eben im Alter. Die Hauptsache ist, dass es keinen Krieg gibt.

In Dankbarkeit,

Iwan Wasiljewitsch Drunin.

P.S. Diesen Brief hat Jelena, Iwan Wasiljewitsch Drunins Enkelin, geschrieben, nach seinen Worten, da er schlecht sieht und nicht mehr selbst schreiben kann.

****.

[*] Kursiv im Original Deutsch [Anm. d. Übs.].

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