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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

497. Freitagsbrief (vom Oktober 2005).

Belarus
Gomel
Petr Petrowitsch Fedorow.

Sehr geehrte Herrschaften, Dr. Hilde Schramm und Eberhard Radczuweit.

Ich vertraue Ihnen mit Vergnügen meine Lebensgeschichte von jungen Jahren bis heute an.

Ich wurde im Jahre 1921 im Gebiet Smolensk, Bezirk Gshatsk (Gagarin), in der Familie eines Mittelbauern geboren. 1937 waren wir 7 Kinder, 2 Schwestern und 5 Brüder. Die Kindheit verbrachte ich im Dorf. Von Kindesbeinen an begann ich zu arbeiten. Zunächst auf eigenem Boden, später auf Kolchosboden. Der Vater lebte in Leningrad. Er war im Jahre 1934 dorthin gefahren, um der Familie finanziell zu helfen. 1937 gelang es mir, einen Pass zu bekommen und nach Beendigung der 7. Klasse fuhr ich nach Leningrad, um dort zu studieren. Fast ein Jahr arbeitete ich als Telefon-Monteur-Lehrling in einer Lederfabrik und lernte gleichzeitig an der Abendschule der Fabrik. 1938 trat ich in das Leningrader Topografische Technikum ein. Mein Vater kehrte am 1. Mai 1941 ins Dorf zurück. 1941, nach Beendigung des 3. Studienjahrs, wurde ich zur Erstellung topografischer Aufnahmen in das Gebiet Jaroslawl geschickt.

Als der Krieg begann, wurden die Topografen vom Wehrdienst freigestellt. Ich wandte mich jedoch im November an das Wehrkreiskommissariat mit der Bitte, mich in die Armee einzuberufen. Nach mehrmaliger Bitte wurde ich dann doch in die Armee einberufen und in das 276. Artillerie-Regiment in die Abteilung Topografische Aufklärung aufgenommen.

Im Dezember 1941 erreichten wir den sich in Richtung Kalinin und Rshew zurückziehenden deutschen Truppen auf dem Fuß folgend die Stadt Rshew, später auch die Stadt Belyj. Dort wurde ich im März 1942 bei der Bombardierung unserer Positionen an der Hand verwundet. Den ganzen Winter über lebten wir in Schützengräben und Hütten aus Tannenzweigen. Die Versorgung mit Nahrungsmitteln und Munition war sehr schlecht. Im April haben wir die Geschosse für die Artillerie auf Händen über 8 km durch das weglose Gelände geschleppt. Der Winter 1941–1942 war sehr kalt. Um sich am Feuer zu erwärmen, musste man zunächst den Fuß aus dem Filzstiefel ziehen, dann den am Filzstiefel festgefrorenen Fußlappen abreißen. Was erstaunlich war, man hatte keine Erkältung und erkrankte auch nicht.

Meine Aufgabe als Topograf war die Ermittlung der Standorte der Feuerstellungen, der Schützengräben des Gegners und ihr Eintrag in die Karte. Dazu war es manchmal erforderlich sich noch vor der Infanterie an die feindlichen Stellungen heran zu schleichen. Einmal wurde ich Anfang Juni bei einer Gefechtserkundung bei der Explosion eines Geschosses durch einen Splitter an der rechten Schulter verwundet.

Ich blieb 5–7 Tage im Lazarett und kehrte in meinen Truppenteil zurück. Ich wurde zunächst zum Kommandeur des topografischen Aufklärungszugs befördertt, und nach Ankunft des Leutnants (der Vorgänger war gefallen) wurde ich Gehilfe des Zugkommandeurs.

Ende Juni wurde unser Regiment an einem anderem Frontabschnitt eingesetzt, um den Durchbruch des Gegners zu verhindern. Schon bei der Annäherung wurde unsere Einheit massiv aus der Luft bombardiert, es kamen viele Kämpfer und Kommandeure ums Leben. Als die zersplitterten Gruppen amFrontabschnitt ankamen, der verteidigt werden sollte, wurde klar, dass wir von feindlichen Verbänden eingekesselt waren. Mit den Resten unseres Zuges machten wir uns auf die Suche nach dem Divisionsstab. Das Gelände war durchweg bewaldet, deshalb fanden wir den Stabschef unserer Division ganz alleinim Wald herumirrend vor. Im selben Waldstück lag eine Infanteriedivision mit einem verwundeten General an der Spitze. Das war schon keine Armee mehr, sondern ein Haufen Leute voller panischer Angst. Vom Stabschef erfuhr ich, dass man in verschiedene Richtungen Aufklärer geschickt hatte, um zu ermitteln, wie und wo man den Ausbruch aus dem Kessel durchführen könnte. Jedoch kehrte kein einziger Aufklärungstrupp zurück. Dann bewegte sich dieser Haufen von einigen tausend Menschen auf Befehl des Generals (der auf einer Trage lag), durch den Wald, um den Kessel zu durchbrechen, was mir strategisch völlig undurchdacht schien. Und so legten wir mit diesem Haufen vielleicht 500 m zurück und gerieten in einen Hinterhalt, den die deutschen Truppen gelegt hatten. Das Feuer auf unseren Haufen wurde mit Waffen, die Dumdum-Kugeln verschossen, geführt. Deshalb konnte man nicht feststellen, woher geschossen wurde. Es schien, das Feuer kam von der Seite und von der Mitte, insgesamt aber von allen Seiten. Alle warfen sich nieder, wussten aber nicht, wohin schießen, wobei jedoch die meisten keine Patronen mehr hatten. Es gab sehr viele Verwundete und Tote. Mit den Resten unseres Zuges gelangten wir kriechend irgendwie aus dieser Hölle. Gemeinsam mit uns gelang es einem Leutnant des medizinischen Dienstes und irgend einem Hauptfeldwebel, sich heraus zu retten. Es kamen 10–11 Leute zusammen. Niemand von uns wusste, wohin man gehen soll und wo man ohne Verluste aus der Einkreisung heraus kommt. So irrten wir etwa 10 Tage durch den Wald auf der Suche nach Schwachstellen der gegnerischen Verteidigung. Wir ernährten uns von Pferdefleisch ohne Salz. Die deutschen Truppen kämmten diese Wälder durch, um unsere restlichen Soldaten aufzuspüren. Es gab zwei oder drei Feuerwechsel mit deutschen Einheiten. Nach einer Schießerei ging man friedlich auseinander. Die Patronen gingen zu Ende, sie gingen kein besonderes Risiko ein, sicher, weil sie überzeugt waren, dass wir sowieso nirgendwohin verschwinden können. Und wir wussten nicht, dass sich die Front schon weit entfernt hatte, und das ganze Territorium vom Gegner besetzt war. Trotzdem meinten wir, es kam uns zumindest so vor, am Abend des 12. Juli eine Schwachstelle des Gegners, gefunden zu haben. Wir beschlossen beim Morgengrauen aus der Umkreisung auszubrechen. Den Morgen erwartend, lagen wir im Wald zweihundertMeter von der Durchbruchstelle entfernt, und schliefen ein. Wir erwachten vom Geschrei „Aufstehen“ und „Hände Hoch“. Man raubte mir die Stiefel und gab mir dafür ausgetretene Schuhe. So gerieten wir hinter Stacheldraht auf blanker Erde. Wir waren erschöpft und hungrig. Es gab zwei oder drei Tage lang kein Wasser, von Verpflegung ganz zu schweigen. Dann jagte man uns in Kolonne, die sich über einen Kilometer hinzog, in die Stadt Olenino Gebiet Kalinin. Auf dem Marsch verlor ich das Bewusstsein und stürzte. Meine Freunde halfen mir aufzustehen und mich stützend gingen wir weiter. Die durch Verwundung oder Erschöpfung zurückbleibenden Kriegsgefangenen wurden erschossen. In Olenino wurden 200 Mann ausgesondert und weiter gejagt. Wir wurden in ein kleines Lager hinter Stacheldraht gejagt und bekamen ein wenig zu essen.

Wir arbeiteten die ganze Zeit beim Straßenbau durch das versumpfte Waldmassiv. Die Arbeit war sehr schwer. Vom Mangel an Ernährung und der übermäßigen Arbeit schwoll ich an. Der ganze Körper füllte sich, wie mir schien, mit Wasser. Das Gesicht war geschwollen mit Blutergüssen unter den Augen. Einmal fanden wir ein im Sumpf ertrunkenes Pferd, das sicherlich schon seit Herbst 1941 da lag. Das Fleisch war schon blau mit „ordentlichem“ Geruch. Mit diesem Fleisch füllten wir die Kessel, kochten es dann über dem Feuer und aßen es. Im Wald fingen wir Frösche, das war auch eine Nahrungsergänzung. Fast alle 200 Mann sind an Erschöpfung gestorben, ich jedoch „verblieb noch im Glied“. Im Austausch für die Verstorbenen jagte man nochmals 200 Mann herbei, von denen im Oktober niemand mehr übrig war. Ich verblieb wie vordem „im Glied“. Es kam eine neue Kolonne von 150 Mann. Zum Jahresende blieb eine geringe Anzahl von zehn – fünfzehn Mann übrig. Die Geschwulst ging langsam zurück, was mich einer Mumie ähneln ließ. Als die Verbliebenen in den Wagen stiegen, konnte ich nur Kopf und Brust über die Bordwand bringen, den übrigen Teil des Körpers in den Wagen zu bringen half mir ein Sanitäter. So kam ich in das große Lager in Olenino. Die Verpflegung war dort etwas besser, reichte trotzdem überhaupt nicht aus.

Im Januar 1943 brachte man uns auf LkW in die Stadt Sytschewka, die 40 km von meiner Heimat – der Stadt Wjasma entfernt ist. Dort erkrankte ich an Flecktyphus. Ich überlebte. Wieder Erschöpfung. Zum Appell zur Aufteilung der Arbeitskommandos konnte ich mich nicht von der Pritsche erheben. Deshalb versteckte ich mich an der Wand der Scheune in Kleiderlumpen, damit man mich nicht findet. Ein Kriegsgefangener, der nicht zum Appell antrat und von den russischen Polizisten erwischt wurde – wurde an Ort und Stelle erschossen. Als das Bestattungskommando die Toten von den Pritschen einsammelte fand man auch mich, fast ohne jedes Lebenszeichen. Man legte mich bis zum Eintreffen des Wagens an die Barackentür. Zu diesem Zeitpunkt kehrten meine Freunde von der Arbeit zurück, ohne deren Hilfe ich einfach nicht überlebt hätte. Da sie Lebenszeichen bemerkten schleppten sie mich auf die dritte Pritschenetage zurück. Um mich wieder zu beleben, gingen zwei in die Küche, in der Hoffnung für mich etwas Wassersuppe zu erhalten. Der Koch war zu meiner großen Freude mein Landsmann, aus einem Dorf, das fünf Kilometer von meinem entfernt war. Er goss einen ganzen Eimer voll Wassersuppe (Suppe aus Kartoffelschalen mit etwas Mehl angereichert). Vor schrecklichem Hunger trank ich fast den halben Eimer aus, der Rest verblieb den Freunden. Infolge dessen kam ich wieder zu Kräften und stand auf. Ende Februar 1943 sollten einige Kriegsgefangene in ein anderes Lager gebracht werden. Beim Einsteigen in die Güterwagen „tauchte“ ich unter den Waggon und befand mich am Rande der Station. Unweit der Station war Wald zu sehen, in dem ich hoffte auf Partisanen zu treffen. Es war ein frostiger Winterabend. Es dämmerte. Ich beschloss in der Dämmerung einen Sprung in Richtung Wald zu machen. Durch die Müdigkeit wurde mein Sprung sehr langsam und mit kurzen Zwischenetappen. In etwa 100 m links von mir erschienen aus dem Vorwerk Soldaten in deutscher Uniform, einer von ihnen schrie: „he, Russki, stoi..“ Es war sinnlos weg zu laufen, da ich keine Kraft hatte. Ich wartete auf mein Strafgericht. Es zeigte sich, dass die Soldaten Polen waren. Es entspann sich ein Dialog, an dessen Ende ich einen starken Schlag ins Gesicht bekam. Nachdem ich mich von dem Schlag etwas erholt hatte erhob ich mich und folgte den Polen in einen Lager-Wagon. Dort waren etwa dreißig Gefangene. Sie hatten Wagons für den Abtransport der verwundeten deutschen Soldaten nach Deutschland vorzubereiten. Ich wurde in dieses Kommando eingeteilt. Danach wurde ich wieder in das große Lager geschickt.

Im April oder Mai kam ich mit dem Zug in die Stadt Jarzewo. Dort wurden wir ebenfalls zur Arbeit gejagt. Einmal wurde ein Kommando zusammengestellt (zunächst wusste niemand wohin), der Unteroffizier zeigte auf mich und befahl mir mich bei den Ausgewählten, Gesünderen, einzureihen. Später war ich ihm sehr dankbar, dass er mich, einen kleinen, dürren Burschen, zu den Gesünderen zur Arbeit im Lager und zum Be- und Entladen von Wagons mit Lebensmitteln, ausgesucht hatte. Hier kam ich ein wenig zu Kräften und konnte Lasten bis 50 kg tragen. Danach wurde ich im Herbst 1943 in ein Lager zum Be- und Entladen von Artilleriegeschossen geschickt. Die Verpflegung und der Umgangston waren nicht sehr gesund, aber bedeutend besser als im Jahre 1942. Je mehr Niederlagen die deutschen Truppen an der Front erlitten, desto humaner verhielten sich die deutschen Soldaten zu ihren Kriegsgefangenen. Im Mai 1944 schaffte man uns in Güterwagen aus der Stadt Lida nach Deutschland. Wir kamen in der Stadt Luckenwalde [Stalag IIIA] an. Man jagte uns durch die Straßen der Stadt und bei den Einwohnern, welche die Straßen säumten, entstand die Frage: „Wann wurden sie gefangen genommen?“. Sie waren enttäuscht als sie die Antwort hörten: „1942–43“. In der Nähe der Stadt war ein Quarantäne-Zeltlager errichtet worden. Wir wurden sehr schlecht verpflegt. Wir arbeiteten nicht. Mir halfen jedoch die „Nahrungsreserven“, die ich mir in Jarzewo zugelegt hatte. Später wurden wir im allgemeinen Lager in Luckenwalde untergebracht.

Man teilte uns zur Arbeit zum Gießen von Stahlbetonkonstruktionen ein. Danach in die Stadt Wittstock zur Landarbeit. Im Februar 1945 bin ich geflohen. Man fing mich und brachte mich in das Gefängnis der Stadt Potsdam. Danach wurde ich in das Gefängnis eines allgemeinen Lagers verlegt. Danach in das Straflager der Stadt Rehagen-Klausdorf [Zossen in Brandenburg].

Anfang April 1945 wurden alle Gefangenen in einer großen Kolonne nach Westen gejagt. Von einem Begleitsoldaten erfuhr ich, dass man uns in Richtung der angreifenden amerikanischen Truppen jagt. Bei einer Rast vereinbarte ich mit dem Begleitsoldaten, dass er sich abwendet und meine Flucht „nicht bemerkt“. Darauf hat er überhaupt nicht reagiert. Am Wegesrand waren dichte Sträucher, wodurch uns die anderen Begleitsoldaten nicht sehen konnten. Die Flucht war für 5 Personen vorbereitet worden, es beschlossen aber 30 zu fliehen. Bis zum Morgen saßen wir in einem Sumpf. Morgens zeigte sich, dass wir uns im Bereich der 61. Panzerbrigade befanden. Wir wurden als Strafgefangenen-Landungstruppe verbucht. Man gab uns Waffen und versorgte uns mit Proviant. Am 13. April wurde ich beim Sturm im Vorgelände von Berlin am Schenkel verwundet und in das Armeelazarett Nr. 51 gebracht. In Berlin verbrachten wir 2–3 Tage und kamen am 9. Mai nach Prag. Danach in die Stadt Wien und in die Stadt Oberpulendorf in Österreich. In die Militärkommandantur. Wir wurden von den „Freunden“ vom SmerSch [*] verhört. Sie hatten Dokumente über dieKriegsgefangenen des Lagers Luckenwalde in Händen. In der Kommandantur hatte ich die Funktion des ständigen Gehilfen des Diensthabenden des Militärkommandanten. Weil ich mich fließend mit der Bevölkerung auf deutsch verständigen konnte, kannten mich fast alle Einwohner dieser Stadt, besonders die Jugend. Als die Zeit der Abfahrt nach Russland heran gekommen war, wollten die jungen Leute sich nicht von mir trennen.

Im Juni 1946 reiste der Soldat Pjotr Petrowitsch nach Russland, kam in seiner Heimat in seinem Dorfe an. Der Vater war im Gefängnis für 10 Jahre, weil er während der Okkupation Dorfältester war. Mein Bruder Jahrgang 1923 kam 1943 bei Leningrad um. Der Sommer 1946 war sehr trocken. Die Ernte von Getreide, Kartoffeln war sehr schlecht. Es zeichnete sich ein Hungerjahr ab. Im Kolchos zu verbleiben und für „Arbeitstage“ zu arbeiten, bedeutete sich zu Hungertagen zu verurteilen. Ich fuhr nach Leningrad, wurde demobilisiert und wurde zur Arbeit nach Estland als Untertopograph geschickt. In Estland war es mit Lebensmitteln bedeutend besser, als in Russland. Bei Arbeitsbeginn verheimlichte ich, dass ich in Kriegsgefangenschaft war, deshalb fürchtete ich mich vor einer Entlarvung. 1948 habe ich geheiratet. Im gleichen Jahr wurde unser Sohn geboren. Meine Frau arbeitete auch als Topograph. 1948 siedelten wir nach Weißrussland um, um schneller das Wohnungsproblem zu lösen. Da ich während der Gefangenschaft weder bei der Polizei, noch Wlassow-Anhänger war, wurde ich „geduldet“. Erst 1953, nach dem Tode „des Vaters und Führers aller Völker“, bekam ich die Zulassung zu geheimen Unterlagen. Ich wurde aufgefordert eine wahrheitsgemäße Biographie meines Aufenthalts in der Gefangenschaft nieder zu schreiben. 1952 erbauten wir mit Mühe ein eigenes Haus in Gomel. Wir bekamen noch eine Tochter und einen Sohn. Ich habe sehr viel gearbeitet – das Eigenheim musste gebaut und die Kinder erzogen werden. Meine Frau arbeitete ebenfalls ununterbrochen bis zur Rente in der gleichen topographisch-geodätischen Expedition des Belorussischen Aero-geodätischen Unternehmens. 1959 beendete ich wiederum vom ersten Studienjahr beginnend das topographische Technikum. In die kommunistische Partei bin ich nicht eingetreten, obwohl man mich dauernd dazu nötigte. Durch meine Arbeit brachte ich es bis zum Leiter der Hauptingenieursgruppe der Expedition, die letzten 5 Jahre bis zur der Rente war ich als Leiter der Wirtschafts- und Planungsgruppe. Meine Frau habe ich am 1. Januar 1989 bestattet (3 Infarkte). Ich lebe allein. Habe drei Kinder, sechs Enkel, sieben Urenkel, allen möchte man helfen, habe aber keine Möglichkeiten. Seit 1981 bin ich auf Rente. Ich bin Kriegsinvalide der zweiten Gruppe. Meine Kinder, Enkel und Urenkel besuchen mich oft. Jährlich kuriere ich mich im Krankenhaus der Invaliden des II. Weltkriegs in Gomel.

Zum Schluss möchte ich meine Meinung über den Krieg und die Deutschen zum Ausdruck bringen. Der Krieg wurde nicht als Befreiungskrieg vom Bolschewismus geführt, sondern als Eroberungs- und Unterwerfungskrieg der Völker der Sowjetunion, unter der Devise „Deutschland, Deutschland über alles“ und der Hitlerdoktrin „Mein Kampf“. Viele deutsche Soldaten haben das verstanden, aber die von oben vorgegebenen Ziele und Aufgaben, zwangen sie das zu tun, was sie taten. Ich kannte viele Beispiele von Edelmut und Menschlichkeit von deutschen Soldaten. Ich bringe Ihnen zwei Beispiele. Als wir durch den Wald irrten, um einen Ausweg aus der Einkreisung zu finden, ereignete sich folgendes. Wir laufen im Gänsemarsch durch die Schneise, links einzelne hohe Kiefern, rechts junges, dichtes Unterholz. Ich lief voran. Plötzlich taucht vor mir aus dem Dickicht ein deutscher Soldat mit der Maschinenpistole im Anschlag auf. Ich sehe seine Augen, er sieht meine erschrockenen. Ich blieb für eine Sekunde stehen und schrie: „Jungs – die Deutschen“. Alle warfen sich in die Büsche. Der Soldat gab nicht einen Schuss ab, obwohl er uns alle hätte umlegen können.

Noch ein Fall. Wir entluden Wagons im Winter in der Stadt Sytschowka. Ich fand ein Fass mit eingefrorener Kohlsuppe. Vor Hunger stürzte ich mich auf die Suppe. Ich bekam unerträgliche Bauchschmerzen. Ich verlor das Bewusstsein und kam zu mir, wie ein deutscher Soldat mich zu seiner Unterkunft brachte. Dort gab er mir irgendwelche Tabletten, gab mir heißen Tee zu trinken, legte mich aufs Bett, und kam nach einer halben Stunde, um sich nach meinem Befinden zu erkundigen. Mir war besser, der Schmerz war vergangen.

Damit schließe ich meine kurze Lebensgeschichte. Vielen Dank für die geringe finanzielle Hilfe, die Sie mir erwiesen haben. Sie wurde für die Reparatur meines Häuschens verwendet.

Wenn bei Ihnen noch irgendwelche Fragen an mich entstehen sollten, werde ich Ihnen gerne antworten.

Mit Dankbarkeit und Hochachtung

Petr Petrowitsch Fedorow.

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[*] Smersch(Tod den Spionen) war eine Spionage-Abwehr-Organisation unter der Leitung von V. Abakumow, der J. Stalin direkt unterstellt war.

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