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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

495. Freitagsbrief (vom Juni 2006).

Russland
Gebiet Wolgograd
Wladimir Wasiljewitsch Ponomarew.

1. Brief.

[…]

Mein Bekannter ist gekommen. Er hat mich gebeten, Ihre Adresse lateinisch zu schreiben. Das hat mich ermutigt, meinen Lebensbericht an Ihre Adresse abzuschicken.

Ich verteidigte die Festung Brest. Am sechsten Kriegstag bekam ich eine Brustverletzung und wurde gefangen genommen. Stalag 307 in Biala-Podliaska. Hunger und Wassermangel. In der Nacht zum 1. August 1941, am Antikriegstag [*], flüchtete ich. Ich traf einen Panzerfahrer. Er war bewaffnet. Unser Leben im Untergrund wurde etwas besser. Der Panzerführer konnte Brot finden. Das war aber selten. Hauptsächlich aßen wir rohe Kartoffeln. Wir bewegten uns überwiegend nachts. Einmal betraten wir eine große Wiese. Dort gab es zwei Heuballen, die nebeneinander standen. Das Heu war sehr frisch. Problemlos bohrten wir ein paar Löcher, für den Kopf und für die Beine. Wir schliefen sofort ein. Uns weckte ein Gespräch. „Jemand will das Heu abholen!“ – dachten wir. „Raus!“ – rief man auf Russisch. Jemand „half“ mir und riss mich heraus. Zu dieser Zeit bellten auf der anderen Seite zwei Schüsse. „Schieß man auch auf den Zweiten!“ – befahl eine Stimme. „Nicht schießen!“ – rief ein Deutscher, der sich näherte, – „Vielleicht sind sie Fallschirmjäger! Wir kriegen Urlaub!“ Ich wurde weitergeführt. Dort lag der getötete Panzerfahrer. Daneben standen vier zivil gekleidete Männer mit Militärmützen und Funktionsabzeichen [Kollaborateure? d. Ü.], vier deutsche Soldaten und zwei Fuhrwerke. Es gab keine Schaufel, um den Toten zu bestatten. Während des Verhörs verheimlichte ich, dass ich deutsch sprechen kann. Nach etwa zwei Stunden kamen wir, das heißt das deutsche Fuhrwerk, die Deutschen und ich, ins Dorf. „Ostkommandantur“ – sah ich auf dem Schild. Ein Deutscher berichtete mit froher Stimme, dass die Gruppe einen Fallschirmjäger gefangengenommen hätte. Der zweite Fallschirmjäger hätte zurückgeschossen und wurde getötet. Er erinnerte an den Urlaub. „Klar! Sie sind frei!!“ – sagte der Kommandant. Andere Soldaten gingen auch weg. „Wo bist du her?“ – „Stalingrad“. „Kannst du Deutsch?“ – „Ein wenig!“. „Ich bin doch kein Fallschirmjäger. Ich bin aus dem Stalag 307 geflüchtet!“ „Beruf?“ „Lehrer!“ „Fach?“ „Mathematik!“ „Unmöglich … Ich bin auch Mathematiker! Aus Wien.“ „Hungrig?“ „Jawohl!“ „Otto, bring mein Frühstück her!“ Während des Essens, als Otto wegging, fragte der Kommandant, was passieren würde, wenn er in russische Kriegsgefangenschaft geriete. Ich erzählte von finnischen Kriegsgefangenen. [siehe 2. Brief d. Ü.] Man rief den Wächter. Auf der Straße musste ich die Hände hinten halten. Eine Strecke fuhren wir mit dem Auto, den Rest gingen wir zu Fuß.

Der Lagerkommandant in Biala-Podliaska bestrafte mich mit 20-tägigem Aufenthalt in einer Einzelzelle. Mit der Zeit lernte ich meine Wächter kennen. Ich sagte, dass ich Uhren reparieren könne. Kurz danach brachte man mir einen kleinen Schraubenzieher und billige Uhren zur Reparatur. Als „Belohnung“ galten Brot und manchmal Käse. Nach Ablauf der 20-tägigen Frist wollte mich ein Offizier sprechen. „Du siehst gut aus. Wie kann das nach 20 Tagen sein?“ „Ich bin Sportler!“ – war mein Antwort.

Viele Deutsche aus dem Bewachungspersonal interessierten sich für das Leben in der UdSSR. Einige halfen mit Brotgaben. Das Brot wurde heimlich in einer Tasche gebracht.

Im Jahre 1943 flüchtete ich bei Ladearbeiten im Kornspeicher in der Stadt Tschenstochow [Polen]. Ein Hund biss sich in meiner Hand fest. Einige Sekunden bewegte ich mich nicht. Meine Hand blieb im Hundegebiss. Ich sah direkt in die Augen des Tieres.Mir scheint, dass der Hund eine stumme Bitte in meinen Augen sah. Ich wurde jedoch festgenommen. Wieder die Einzelzelle. Ich wechselte von Lagern in Polen in deutsche Lager. Einmal wurde ich verdächtigt, Jude zu sein. Ein Fachmann in Rassenfragen tastete meinen Kopf aufmerksam ab und dementierte diese Vermutung.

Am 25. Januar 1945 flüchteten bei einem Fußmarsch in der Nacht etwa 100 Kriegsgefangene. Darunter war ich. Mein letztes Jahr im Wehrdienst ging bis Oktober 1945 als Dolmetscher in der polnischen Volksarmee. Danach studierte ich in Odessa Deutsch und zusätzlich Französisch als zweite Fremdsprache. Mein ganzes Berufsleben (63 Jahre) arbeitete ich als Geschichts- und Fremdsprachenlehrer. Am 22. Juli 2006 dieses Jahres werde ich 88 Jahre alt. Ich habe eine Operation überlebt. Eine weitere kommt demnächst.

Ich würde sagen, ich habe die Kriegsgefangenschaft dank der Unterstützung einiger Deutscher überlebt.

W. Ponomarew.

(Unterschrift).

2. Brief (vom April 2007).

Meine Herren,

1. Ich verteidigte die Festung von Brest. Ich wurde gefangen genommen und gelang ins Stalag 307 unweit von Biala Podliaska. Die Gefangenen wurden schlecht ernährt. Es gab wenig Wasser. Alles Gras und Kraut in der Nähe wurde aufgegessen, auch Wurzeln. Man sagte uns, wir würden demnächst weggebracht, weil das Lager überfüllt sei. Ich geriet mit einigen Kameraden in ein kleines Lager für 300 Personen beim Dorf Malaschewitschi bei Brest. In diesem Lager passierte vieles.

Wir luden Waggons um, weil die russische Spur breiter ist. Hinter der Bahn, etwa 2–3 km entfernt, starteten deutsche Jagdflugzeuge. Am Abend kamen deutsche Piloten zu uns. Eine große Gruppe sprach mit mir, weil ich am besten Deutsch konnte. Die meisten Fragen stellte ein junger Mann mit Auszeichnungen. Er fragte lange. Niemand unterbrach ihn. Wir unterhielten uns bis zum Anbruch der Dunkelheit. Viele gingen langsam weg. Der junge Mann redete gern. Er freute sich besonders, als er die Fotos von meinen drei Jahre alten Nichten sah. Sie waren Zwillinge. Als der Mann von dem schlechten Essen erfuhr, sagte er, dass ich das Essen von seiner Soldatenküche abholen dürfe. Er sprach kurz mit seinen Kameraden und kam zurück. Er teilte mir mit, dass ich jeden Tag in Begleitung eines Wachmannes die Speisereste von der Küche abholen dürfe. Ich verstand, dass er als Anführer in der Gruppe galt.

Am nächsten Tag verteilte ich das gewöhnliche Essen und ging. Ich sah Zelte, den Flugplatz und Jagdflugzeuge. Ich füllte die Eimer mit Speiseresten. In einer Metallkiste fand ich Kartoffelschalen und Knochen und versteckte sie in einer Gasmaskentasche. Der Koch gab manchmal zusätzlich noch etwas Kartoffeln, die ich ebenfalls in der Tasche trug. Dadurch wurde unser Essen besser. […]. Der „Vorgesetzte“ kam fast jeden Abend. Einmal brachte er einen „Stellvertreter“ mit. Nach einigen Fragen über die Familie verließ der uns und ging zur Gruppe der Wächter. Er bezeichnete den „Vorgesetzten“ als Ass. Der „Vorgesetzter“ warnte mich leise: „Er ist Nazi!“ [Deutsch geschrieben]

Eines Tages fragte der „Vorgesetzte“: „Was würde mit mir passieren, wenn ich in russische Kriegsgefangenschaft gelänge?“ Ich erzählte ihm von finnischen Kriegsgefangenen, die im 2. Stock einer Wolgograder Hochschule gelebt hatten. Für sie hatte man das Essen in Wärmebehältern gebracht, obwohl es im Keller des Hauses eine Studentenmensa gab. Am Eingang zu ihren Räumen hatte ein Mann in Zivil gestanden. Unten lungerten manchmal neugierige Knaben herum, die Kriegsgefangenen hatten für sie aus dem Fenster Bonbons und Zigaretten geworfen.

(Unterschrift).

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[*] 1. August Antikriegstag: Am 1.08.1914 erklärte das Deutsche Reich Russland den Krieg.

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