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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

493. Freitagsbrief (Datum unbekannt, Adressat war die frühere russische Partnerorganisation der Stiftung EVZ, aus dem Russischen von Jennie Seitz).

Iwan Wassiljewitsch Schtscherbakow
Russland
Moskau.

Ich, Schtscherbakow Iwan Wassiljewitsch, geboren 1922, wurde vor dem Krieg, am 6. Juni 1941, in Moskau in die sowjetische Armee einberufen. Am 12. Juni brachte man uns nach Telšiai [Telschi] in Litauen, und ich wurde dem 54. Nachrichtenbataillon des 10. Schützenkorps der 8. Armee zugeteilt. Bataillonskommandant war Major Anissimow. Ich kam in die Nachrichtenkompanie, als Übermittler. Am 16. Juni wurden wir in aller Eile zur Verstärkung an die Grenze versetzt: Wir gruben Bunker und Schützengräben. Untergebracht waren wir in einem Zeltstädtchen, 300 m von der Grenze entfernt. Im Morgengrauen des 22. Juni wurde auf unsere Stellung ein massiertes Artilleriefeuer aus Minenwerfern und Kanonen eröffnet. Alle, die heil geblieben waren, versammelten sich etwas später in einem Wald in der Nähe der Stellung und traten bei Anbruch der Dunkelheit den (organisierten) Rückzug der Bataillonsabteilungen ins litauische Hinterland an. So begann unser Rückzug in den Reihen des Korps entlang der litauischen Küste, zuerst nach Riga und dann, im Juli – August 1941, nach Estland. Ende August 1941 waren wir in Tallinn. Am 29. August, bei der Verteidigung der Stadt, erlitt ich Verletzungen durch Minensplitter, insgesamt neun. Eine dieser neun war besonders gefährlich – am Bauch, im Darmbereich. Die restlichen waren kleine Verletzungen. Mit einem Auto wurde ich zu einem Verbandsplatz gebracht, der in einer Apotheke eingerichtet worden war. Nach zwei Tagen dort wurde ich in ein Hospital gebracht, das in einem Gymnasium Platz gefunden hatte, wo es genau war, weiß ich bis heute nicht. In der Aula im ersten Stockwerk waren sehr viele Verletzte, aber die Versorgung war sehr gut. Alle lagen auf Pritschen, die Wäsche war sauber, das Essen gut, außer, dass ich wegen der Bauchverletzung fünf Tage lang keinen Bissen in den Mund nehmen konnte. Aber zwei oder drei Tage später wurde Tallinn von den Deutschen eingenommen, und so fanden wir uns verletzt auf Pritschen liegend in Gefangenschaft wieder. Wegen einer Beinverletzung (der Splitter steckt noch heute in meinem Bein) konnte ich nicht laufen. Mir waren Krücken verschrieben worden, und ich lernte damit zu laufen, übte auf dem Flur.

Als die Stadt fiel, rannte das medizinische Personal in alle Richtungen davon, und wir wurden zwei Tage lang uns selbst überlassen. Dann wurden die Flüchtigen wieder zurück ins Hospital gebracht. Wohin hätte man auch fliehen sollen – die Deutschen waren zu diesem Zeitpunkt schon bei Leningrad. Und wir waren im tiefsten Hinterland, dazu noch in Estland.

Am 17. September wurde das Hospital evakuiert. Die, die noch halbwegs laufen konnten, wurden zur Schmalspurbahnstation gebracht, in Waggons gestopft, mit zwei Brotrationen für den Weg ausgestattet und losgeschickt.

Uns allen war unser Krankenbericht ausgehändigt worden, aber wer dachte damals schon an so etwas. Einen Tag später kamen wir in Viljandi an, das Lager lag drei Kilometer von der Stadt entfernt auf freiem Feld, 5000 Menschen waren darin gefangen [Dulag 154 Fellin/Viljandi]. Kein Dach über dem Kopf, nichts, wo man hätte Unterschlupf finden können. Eine kahle Stelle mitten auf dem Feld, mit Stacheldraht umzäunt. Die Balanda wurde in Feldküchen gekocht. Wasser gab es 0,5 Liter pro Tag. Schlafen mussten wir auf der Erde, den Soldatenmantel untergelegt und damit zugedeckt. Als im November der Frost kam, wurde das Lager in die Stadt verlegt, in ehemalige Pferdeställe, aber wenigstens gab es dort ein Dach. Zu essen bekamen wir Buchweizengrütze, genau die, die unsere Truppen beim Rückzug mit Kerosin übergossen hatten, aber nicht mehr vernichten konnten. Man kann sich vorstellen, wie dieses Essen roch und schmeckte. Dort war ich bis Anfang 1942, dann wurde unsere Gruppe von 150 Mann nach Valga verlegt, in ein Lager [Stalag 351 Walk]. Von dort aus kam ich in die Staniza Ligotka in Lettland, zum Bau einer befestigten Straße; dort blieb ich vier Monate. Dann versetzte man uns alle nach Jaunjelgava, zum Bau der Straße Dwinsk-Riga. Zwischen Herbst 1942 und Juni 1944 arbeitete ich auf dieser Baustelle. Wie wir gelebt und gearbeitet haben, ist allen bekannt, unnötig, es noch einmal zu schildern. Im Juni 1944 wurden wir wegen eines Fluchtversuchs zu acht in das Lager Salapsils [Stalag 350Z] geschickt, aber dort wollte man uns nicht aufnehmen (aus welchem Grund?), sondern ins Stalag nach Riga [Stalag 350] geschickt. Eine Woche später wurde eine ganze Abteilung nach Ostpreußen gebracht, ins Lager Ajne [Heinen, Kreis Stuhm, Westpreußen?], aus diesem Lager kam ich im Juli 1944 nach Polen, nahe der tschechoslowakischen Grenze, an den Ort kann ich mich nicht erinnern. Im August 1944 wurde von diesem Lager aus eine Gruppe Kriegsgefangener, darunter auch ich, nach Karviná [dt. Karwin/Mähren] geschickt, zum Arbeiten im Bergwerk. Ich kam in die Grube Barbara, arbeitete unter Tage bei der Aufbereitung von Abbruchstellen. Bis zum 27. Januar 1945 war ich in dieser Grube. Dann wurden alle Kriegsgefangenen, die in den Bergwerken gearbeitet hatten (das waren drei: Barbara, Gornika, Gabriel) zu Fuß von der herannahenden Front weggebracht, über Ostrava nach Westen. So durchquerten wir innerhalb von etwa drei Monaten die gesamte Tschechoslowakei, bis wir am 22. April in Süddeutschland ankamen. Tagsüber liefen wir, in der Nacht machten wir Halt in Dörfern, übernachteten in Scheunen, so ging es Tag für Tag. Am 22. April 1945 befreiten uns in Allensdorf die Amerikaner. Eine Woche später versammelten wir uns in der Sammelstelle in Weiden, wo wir etwa einen Monat lang blieben. Dann verlegte man uns nach Gmünd, zur Überprüfung unserer Vertrauenswürdigkeit. Von denjenigen, mit denen ich die erste Zeit der Gefangenschaft verbracht hatte, war niemand mehr bei mir. Nach einer eingehenden Überprüfung wurde ich wieder in die Armee aufgenommen, in die 16. Gardepanzerbrigade der Heeresreserve, die in Österreich stationiert war, 130 km entfernt von Wien. Der Brigadekommandeur war Oberst Salzan [?] I. P., er lebt noch heute, in Omsk. Ich diente bis zu meiner Demobilisierung im Dezember 1946, wurde dann in einer Sammelstelle bei Wien erneut überprüft, diesmal in einem Gefängnis des SmerSCH. Nach vier Tagen Verhör und detaillierten Nachfragen wurde ich freigelassen und kam am 7. Januar in Moskau an, wo ich damals auch einberufen worden war. Dort hatte ich vor Krieg als Verkäufer gearbeitet, und hatte keine andere Ausbildung. Ich fand eine Stelle im Handel, wo ich bis 1982 arbeitete, d.h. bis zu meiner Rente. 1957 wurde ich in die KPSS aufgenommen und bin auch bis heute nicht ausgetreten. Danach wurde ich mit Medaillen für Tapferkeit und den Sieg über Deutschland ausgezeichnet. Damals beim Rückzug wurden wir natürlich nicht mit Medaillen beehrt, sondern mit anderen „Auszeichnungen“, aber mir ist dieses Schicksal erspart geblieben, und nun bin ich Rentner, Invalide der 2. Gruppe (Allgemeinerkrankung).

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