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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

491. Freitagsbrief (Datum unbekannt, möglicherweise von 2013, aus dem Russischen von Jennie Seitz).

Prokoptschuk Mikola (Nikolaj) Wassiljewitsch
Ukraine
Tschernowitz.

Zutiefst verehrter Dmitri, guten Tag!

Nachdem ich Ihr Material über die Vorkriegszeit und den Krieg zum wiederholten Mal gelesen habe, möchte ich meine Sicht jener Jahre schildern. Nochmal kurz zu meiner Person:

Geboren bin ich am 11.11.1926, als Sohn eines Försters, im Shitomirsker Land. 1936 kam mein Vater auf tragische Weise im Wald ums Leben, und ich blieb mit neuneinhalb Jahren allein mit meiner Mutter zurück, die damals 56 Jahre alt war. 1940 nahm mein Bruder, Jahrgang 1910, uns beide in seine Obhut auf, er arbeitete als Oberförster im Dorf Staraja Guta.

1941 war mein Bruder schon Direktor des mechanisierten Forstbetriebs von Olewsk. Ich war damals Schüler der 6. Klasse. Am 29.06.41, um 11 Uhr morgens, verkündete Molotow den Beginn des Krieges. Am nächsten Tag schon wurden wir auf Fuhrwerken ins Hinterland evakuiert, und nach vielen Tagen der Reise erreichten wir Staraja Guta, wo wir vor dem Krieg gelebt und mein Bruder als Förster gearbeitet hatte. Das Dorf war noch in der Ukraine, aber das Gehölz gehörte schon zum russischen Territorium, Oblast Orlow, Brjansker Wald.

Ab Januar 1942 war ich Kämpfer der Selbstverteidigung in Staraja Guta, ab Mai 1942 Kämpfer bei der Partisaneneinheit Kotowskij, ab September 1942 in der Artilleriegruppe Saburow – bis Mai1943, als mich in den Pinsker Sümpfen der Typhus niederstreckte.

Im Dezember 1943, nach der Befreiung des Territoriums (Shitomirsker Land) wurde ich durch das Feldmilitärkommissariat in die Armee eingezogen, und im März 1944 war ich schon in deutscher Gefangenschaft [Zwangsarbeit im Buna-Werk Schkopau d. Ü.]. Befreit wurde ich durch die Amerikaner.

Die Amerikaner brachten uns, die Repatriierten, im Mai 1945 mit dem Personenzug nach Dessau, wo wir über eine Pontonbrücke die Elbe zur sowjetischen Zone überquerten.

Im Mai 1945, in Berlin, wohin wir von der Elbe aus auf eigenen Beinen gekommen waren, wurden wir registriert und unsere Gruppe Jugendlicher (sonst alles „Ostarbeiter“, die von den Deutschen zum Arbeiten nach Deutschland gebracht worden waren) einer Unterabteilung zugewiesen, und wir gingen unter militärischer Führung zu Fuß von Berlin aus durch ganz Deutschland, durch Polen, bis wir in Belarus ankamen, in Borissow (am Fluss Beresina), wo wir in einem Sommerlager ausgebildet wurden. Später erfuhren wir, dass man uns auf den Krieg gegen Japan vorbereitete. Es kam ein General und verkündete, man müsse nun den letzten Kriegsherd liquidieren – Japan. Wir riefen „Hurra!“, und dann ging es in Güterwaggons in den Osten. Während wir unterwegs waren, endete der Krieg. Da brachte man uns nach Kasachstan, zog uns orientalische Winterkleidung an und machte uns mit den Gruben vertraut. Dann wurden wir, offenbar durch das Militärkommissariat, fest registriert und fingen, schon als Repatriierte, im Bergwerk an. Ich arbeitete als Stempelsetzer im Basaltabbau in der II. Sohle. Und ich erinnere mich an ein Detail. Ab und zu wurden in die Basaltsohle Stützen für den Grubenausbau geliefert, und zwar von deutschen Kriegsgefangenen. Mir fiel auf, dass sie alle ihre deutschen Uniformen trugen, ihre Soldatenmäntel, die sie auch an der Front getragen hatten, und wir, die ehemaligen sowjetischen Kriegsgefangenen, hatten [auch] deutsche Kleidung an, kurze Anzüge mit Taschen.

1948 machte sich unsere ganze Familie – vier Leute – in das Gebiet Lwow auf. Mein Bruder arbeitete in Lwow als Leiter des Trust „Lwowlesstroj“, und meine Schwester, Jahrgang 1921, war Kauffrau beim Holzparkettkombinat in Kamjanka-Buska. Meine Mutter, die ich im Brjansker Wald zurückgelassen hatte, als ich mich im Mai 1942 der Partisaneneinheit Kotowskij anschloss, hatte den Krieg ebenfalls überlebt. Im Sommer 1943, es war Juni oder Juli, wurden alle Partisanen im Brjansker Wald vernichtet. Darüber habe ich schon geschrieben. Auch die männliche Zivilbevölkerung wurde vernichtet, in der Siedlung Michajlowsk, wo man sie in die Pferdeställe der Kolchose trieb, Heu darum legte und es in Brand setzte. Und meine Mutter war mit anderen Frauen hinter Stacheldraht gelandet, aber sie hatte irgendwie überlebt.

Ich fing als Meister in der Parkettwerkhalle beim Holzparkettkombinat Kamjanka an, erarbeitete mir Respekt.

[…]

Dokumente über die Partisanentätigkeit während des Krieges hatte ich keine. 1948 schrieb man im Kreiswehrersatzamt in meinen Kriegsausweis: „Keine Teilnahme am Großen Vaterländischen Krieg. War in deutscher Gefangenschaft.“ Als der KBG seine Funktionen an das Innenministerium abtrat, wurde ich einmal zu einem Mitarbeiter des Innenministeriums bestellt. Ich fand das Büro, klopfte und ging hinein. Ich grüßte – Schweigen. Hinter dem Tisch saß ein älterer Mann mit den Schulterklappen eines Hauptmanns. Mir fiel der lange Hals auf. Ich war jung, 22, schwarze lockige Haare, Komsomolze. „Sind Sie Prokoptschuk?“ – „Ich bin Prokoptschuk.“ – „Arbeiten Sie?“ – „Ja, ich arbeitete.“ Er notierte irgendetwas in seinen Papieren. „Dann machen Sie weiter!“

Die Berija-Behörde hielt also die „Unzuverlässigen“ lange in ihren Fängen. Und wissen Sie, Dmitri, das alles hat mir sehr zu schaffen gemacht. Erst später, als ich schon KPSS-Mitglied war, bekam ich meine verdienten Auszeichnungen, von denen ich nicht zu träumen gewagt hatte. Stellen Sie sich das vor! Mir wurde die Medaille „Partisan des Vaterländischen Krieges“ der I. Klasse verliehen, per Erlass Nr. 127 des Vorsitzenden des Generalstabs der Ukrainischen Partisanenbewegung vom 8.01.1947. Es war anscheinend der letzte Erlass von T. A. Strokatsch. Es war eine Auszeichnung, die ausschließlich [an Kämpfer] im Hinterland verliehen wurde, vor einer Partisanenformation. Die Zeremonie führte nur der Oberste Sowjet der UdSSR durch, es unterzeichnete der Sekretär des Präsidiums des Obersten Sowjets Georgadse. Ich aber erhielt sie am 4.10.1967 durch das Exekutivkomitee des Gebiets Tscherniwzy, die Urkundennummer war 100296 (wohlgemerkt – mehr als tausend!), und die zweite wichtige Auszeichnung erhielt ich ebenfalls 1967. Die Tapferkeitsmedaille überreichte man mir im Parteikomitee der Oblast Tscherniwzy. […]

Ich habe Ihnen einmal geschrieben, dass die Frau meines Bruders, wenn sie sich mit ihm stritt, ihm vorhielt, dass sein Bruder in Gefangenschaft gewesen war. Stellen Sie sich nur vor, was für ein Stigma auf Menschen lastete, die diesen furchtbaren Krieg überlebt hatten, anstatt zu sterben. Und das angesichts von Worten wie „die letzte Kugel für sich“, oder auch die Worte des Führers aller Völker: „Wir haben keine Kriegsgefangenen, wir haben Verräter“.

Und können Sie sich vorstellen, Dmitrij, wenn wir in Schulen eingeladen werden, ziehe ich über meinen Anzug, an dem meine Auszeichnungen befestigt sind – 3 Orden und an die 20 Medaillen –, einen leichten Mantel an, ich mag es nicht, wie ich auf der Straße angeschaut werde. Ja, die Bürger sind uns Ostukrainern nicht besonders wohlgesonnen, sie werfen uns vor, dass die Sowjets mit Repressionen gegen die lokale Bevölkerung vorgegangen sind. Das ist ein anderes Thema, ich will es hier nicht ausbreiten. Aber ein Beispiel habe ich dennoch. Einmal führte die Kommunistische Partei in der Stadt, nahe des Stadions und des Parks, eine Demonstration anlässlich des Jahrestages der Oktoberrevolution durch. Nach Beendigung der Zusammenkunft gingen wir langsam auseinander, und da sahen wir aus einem Tor eine Gruppe Jugendlicher in weißen Kitteln kommen (es waren Medizinstudenten, wie sich herausstellte), die Eimer und Besen trugen und den Platz ansteuerten, wo die Demonstration stattgefunden hatte. Wir gingen hin und fragten einen von ihnen, was das zu bedeutet hätte. Die Antwort war: „Wir gehen den Platz saubermachen, auf dem die Füße der bolschewistischen Pest gestanden haben.“ – „Warum so ein Hass?“ Er sagte: „Mein Großvater ist von den Sowjets geholt und nach Sibirien verbannt worden. Er ist dort gestorben.“

Dmitri! Was würden Sie darauf entgegnen? Wir wussten keine Antwort und gingen schweigend davon. Ich habe als Schmelzmeister gearbeitet, hatte eine spezielle technische Ausbildung. Meine Arbeiter waren ungebildet, selbst die Unterschrift beim Erhalt des Lohns machte ihnen Probleme. Aber sie waren Parteimitglieder. Einmal, am Ende einer offenen Parteiversammlung, verkündet der Vorsitzende: „Die Kommunisten bleiben hier! Die anderen können gehen.“ Ich ließ den Kopf hängen und ging davon – ein weiterer Schlag ins Gesicht.

Ich will diese Frage gar nicht erst vor Ihnen ausbreiten, Dmitri, aber eines möchte ich sagen, dass es nämlich unter den Gebildeten – Ärzte, Lehrer, Juristen, Ingenieure u.s.w. – sehr wenige Parteimitglieder gab. Die Partei brauchte nur Arbeiter, und zwar solche, wie ich sie oben erwähnt habe – die überhaupt keinen Schimmer hatten von irgendeiner marxistisch-leninistischen Lehre. Mit solchen ließ sich der Kommunismus leichter aufbauen. […] Und ich frage mich jedes Mal, warum ich das alles schreibe? Ich bin ehrlich: Es wird mir leichter ums Herz, wenn ich mich jemandem mitteile, den ich als Autorität betrachte.

Ich umarme Sie

Nikolaj Prokoptschuk.

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