Direkt zum Navigationsmenü.


KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

490. Freitagsbrief (aus dem Russischen von Jennie Seitz).

Iwan Jakowlewitsch Charlamow
Gebiet Tula
Russland.

Guten Tag, liebe Freunde.

Ich wünsche Euch ein frohes neues Jahr, alles Gute und Gesundheit für viele Jahre.

Als wir Gefangenen verhört wurden, viele waren wir, wurde ich gefragt, welcher Einheit ich angehört und wo ich gefangengenommen worden wäre und wie, [ich sagte,] ich sei von einem Splitter getroffen worden und hätte schlecht sehen können, die Wunde war zwischen den Augen und begann anzuschwellen. Damit war das Verhör beendet, sie sagten, Geh, man zeigte mir, wohin ich gehen sollte. Als ich ankam, waren da viele verschiedene Nationalitäten. Dann gab man uns Gewehre und wir lernten, wie man schießt. Ein richtiger Krieg brach aus. Nicht alle konnten schießen, aber ich hatte es gelernt, und so zeigte ich den anderen, wie es ging. Danach wurde mehr geschossen. Sie setzten mich als Übermittler im Bataillonsstab ein. Erst war es schwer – schwer, das richtige Haus zu finden, sie sahen alle gleich aus, Häuser, Blumen. Ich gewöhnte mich dran. Dann gaben sie mir ein Pferd, das war gut. Aber nicht langeerfreute sich der Kater an den Oliven, die Fastenzeit kam. Die Ordonnanz, der Kommandeur des Regiments, weidete gerade zwei Pferde, als eine Mine hochging und beide tötete. Da nahmen sie als Ersatz meins. Ich war jung und stark, und es war alles gut. Wir wurden in einen Zug geladen und bis an die belarussische Grenze gefahren. Dann ließ man uns aussteigen und befahl uns, zu Fuß nach Belarus zu gehen. Der Stabschef sagte, Tulskij, ruf die Kommandeure (ich stamme aus der Oblast Tulskaja), ich ging los, da kannte ich alle schon, das war leicht. „Unser Ziel ist es, bis zum Kälteeinbruch in die alte belarussische Militärsiedlung zu kommen. Hier ist eine Marschkarte, passt gut darauf auf und teilt euch den Weg so ein, dass ihr am Wasser Rast macht, eure Wäsche könnt ich dann auch waschen.“ Und dann begann unser 40-Kilometer-Marsch. Jeden Tag liefen wir 40, manchmal kamen wir an Orten vorbei, wo man exerzieren musste, wo man von einem General empfangen wurde, dem stellte man Fragen, ob wir keine Technik erbeutet hatten, damit man mehr fahren könne. Unsere Aufgabe war zu zeigen, dass wir noch viele waren, einen Krieg sollten wir nicht anfangen.

Wir kamen im Städtchen an, der Frost begann. Also, Tulskij, jetzt sind wir im Städtchen angekommen. Ich sage, Ja, jetzt können wir uns erholen, ins Kino und in den Zirkus gehen, und dann müssen wir wieder unser Soldatenleben führen. Exerzieren, Schießen, Waffenlehre, das musst du lernen, dann wirst du Vaterlandsverteidiger, und du, Tulskij, musst in die Lehre. Warum auch nicht, das wird gut. In Minsk richten sie Kurse für Schneider und Schuster ein. Genosse Hauptmann, ich bin kein Schneider und kein Schuster. Dummkopf, sagt er, das bringt man dir bei, du lernst es, dann wirst du es. Du hast noch fünf Jahre Armee vor dir, bis deine Brüder groß sind. […]

Wir verabschiedeten uns, er sagte, Ich fahre nach Leningrad, sehe nach, ob meine Mutter noch lebt oder ob sie verhungert ist im belagerten Leningrad. Möge Gott ihm beistehen und seinem Mütterchen. Ich ging in die Schneider- und Schusterlehre. Dort wurden wir empfangen von Oberstleutnant Chmelewskij. Er sagte, Ich zähle auf euch, bald muss Ersatz her, meine Zeit ist um. Dann näht ihr mir eine Uniform, sonst gibt es niemanden, der das tun kann. 14 Monate lernte ich, legte in Bobrujsk mein Examen ab, man bescheinigte mir, dass ich nun Schneidermeister für Soldatenmäntel war, gut und selbständig arbeitete, und man gab mir ein Dokument, dass ich Schneider war. Ich bekam ein Schnittmuster und sollte einen Mantel nähen für den Oberstleutnant. Wir hatten einen Meister, einen echten Meister. Ich nähte den Mantel, wir hängten ihn an einen Nagel, und alle schauten ihn an, erst den Mantel, dann mich. Der Oberstleutnant kam und fragte, wer der Schneider sei. Ich war gerade zum Rauchen rausgegangen, und als ich wiederkam, sagte er, Schneider, du hast meinen Dank und sieben Tage Urlaub. Ich freute mich natürlich sehr, fuhr nach Hause, besuchte meine Familie. Dann war [der Urlaub] zu Ende, Arbeit stand an, man teilte mich der Wachkompanie des Stabs im Militärkreis Belarus zu, ich stand Wache, und wenn es Arbeit gab, dann nähte ich für meine Offiziere. In den fünf Jahren habe ich Hosen und Mäntel für alle genäht.

Dann kam der Tag, an dem ich nach Hause sollte. Die, die nach Moskau mussten, wurden zum Bahnhof gebracht. Ich kehrte zurück nach Tula, fand meinen Bruder, er machte eine Lehre zum Elektroschlosser. Wir fuhren zur Station Arsenyevo, von dort aus waren es noch 28 km zu Fuß bis nach Hause. Unsere Mutter machte gerade das Frühstück, und da kamen wir. Am 1. April 1950 war ich zu Hause. Am Morgen kamen die Verwandten und sagten, es gibt einen Arbeitsplatz als Traktorist […]

Beim KGB war ich nie, habe nicht geklaut, niemanden getötet, und dafür muss man 100 km weit fahren, alleine schaffe ich das nicht. [Es geht um die Beschaffung der Unterlagen für den Antrag auf humanitäre Zahlungen aus Deutschland.]

Entschuldigt, meine Hand zittert, dabei habe ich keine gestohlenen Hühner gegessen, das Alter fordert seinen Tribut, am 2. Mai werde ich 90 Jahre alt, aber so lange muss ich erst einmal leben.

Alles Gute Euch und ein langes Leben.

Und verteilt das Geld, so lange noch welche am Leben sind.

Zum Seitenanfang


Zurück zum Seitenanfang.