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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

49. Freitagsbrief (14.06.2007).

Russland
Gebiet Kemerowo
Wasilij Petrowitsch Sawtschenko.

Sehr geehrte Frau Dr. Hilde Schramm und Herr Eberhard Radczuweit,

Ich teile Ihnen mit, dass ich von Ihnen einen Brief erhielt, und ich danke Ihnen sehr für Ihre Feinfühligkeit und die Effizienz Ihrer Arbeit. Ich wünsche Ihnen allen alles Gute in Ihrem Leben, bei der Arbeit und eine gute Gesundheit.

Und jetzt schreibe ich ein wenig über mich. Gefangengenommen wurde ich im Mai 1942 bei der Verteidigung von Kertsch. Man sammelte alle Kochgeschirre, Flaschen, Löffel, Messer, Notizbücher, Bleistifte ein – kurz gesagt, es blieb uns nur noch die Uniform ohne Gürtel. Unter starker Bewachung wurden wir im Marschschritt in die Stadt Feodosija geführt, wo wir zwei Tage ohne Essen und Wasser waren. Dort bereitete man Mittagsessen zu mit einem halben Liter dünner Suppe aus Kleie, 200 Gramm Brot mit Sägespänen und abends gab man 0,5 Liter heißes Wasser.

So verbrachten wir einige Tage in Feodosija mit dieser Ration an Nahrung, dann ging es ohne Nahrung und Wasser unter starker Bewachung zur Stadt Dschankoi, wo man uns in Güterwaggons lud, wobei diese so vollgestopft wurden, dass wir nur stehen konnten. Während der Etappe trugen wir die schwer Verwundeten und stützten einander gegenseitig. Die schwachen und leicht Verwundeten blieben in der allgemeinen Kolonne, fielen sie um, wurden sie einfach erschossen.

In den Waggons transportierte man uns in die Stadt Shitomir, wo wir aufgeteilt wurden für den Transport nach Polen oder Deutschland, die Kranken blieben in Russland. Ich erkrankte an Bauchtyphus und wurde nach Peremysl gebracht. Man legte alle Verwundete und Typhuskranke in Pferdeställe. Wir lagen ohne jede Unterlage auf dem Boden, keinerlei Behandlung, unsere gefangenen Ärzte machten Verbände, wobei sie keine Binden sondern Unterwäsche verwendeten. Als Mittagessen gab es dünne Suppe aus Steckrüben 0,5 Liter, abends 200 gr. Brotersatz und 25 gr. Margarine, morgens Kaffee-Ersatz aus heißem Wasser hergestellt ohne Zucker und das war alles. Und so ging es während der drei Jahre Kriegsgefangenschaft! und zusätzlich Prügel.

Sehr viele von uns starben, aber die Toten wurden erst am 2. Tag weggebracht, um die Tagesration der Toten noch zu bekommen und sie jenen Kranken zu übergeben, die unter den Lebenden bleiben konnten. So machten es unsere Ärzte, sie deckten alles vor der deutschen SS, denn die fürchtete sich in die Pferdeställe zu gehen und schickten Polizisten (Aufsichtspersonal aus Gefangenen rekrutiert, d. Übers). Wenn ich dieses mein Schicksal sehe, überlebte ich dank der Ärzte, die mich unterstützten und zur Genesung nach Polen in die Stadt Legenowo schickten, wo man uns unter strenger Aufsicht zur Arbeit führte, das war die zerstörten Waggons von den Schienen zu nehmen und die Eisenbahnschwellen, die aus der UdSSR geholt wurden, auf Stapel zu tragen. Als die Front näher kam, lud man uns schnell in brechend volle Waggons und schickte uns gen Westen, so dass ich bald in der Stadt Klausdorf nicht weit von Berlin (tatsächlich bei Kiel, d. Übers.) ankam. Hier führten wir dieselbe Arbeit wie in Legenowo mit derselben Bewachung durch.

Im April 1945 wurden wir nachts aus Klausdorf unter Bewachung mit Hunden aus den Baracken getrieben und dann irgendwohin gejagt, wir kamen aus der Stadt heraus und zusammen mit zurückkehrenden geschlagenen Truppenteilen wurden wir wie Schafe getrieben, die Bewachung zu Pferde und wir zu Fuß. Die Zurückbleibenden wurden einfach niedergeschossen.

Erst nach dem Krieg fiel mir ein Artikel in die Hände, in dem mitgeteilt wurde, dass Himmler einen Geheimbefehl über die Vernichtung aller Gefangenen der Konzentrationslager erteilt hatte, sie wurden in Lastkähne verladen und dann auf dem Meer versenkt. Aber auch hier hatte ich Glück. Mir gelang es, bei einer Etappe zur Stadt Lübeck bei einem Luftangriff der Amerikaner wegzulaufen. Nachts schloss ich mich der Zivilbevölkerung an, wobei ich mich auf die Seite der amerikanischen Truppen zu bewegte. Hier in der amerikanischen Zone blieb ich einige Tage an einem Sammelpunkt, man überführte uns in die sowjetische Zone, das war schon nach Kriegsende.

Und wir gingen aus eigener Kraft von Teterow (Mecklenburg, d. Übers.) mehr als 2000 km, bis wir in Weißrussland ankamen – in die Heimat in der UdSSR. Aber zuhause entließ uns niemand, wir wurden in Kommandos von 500 und mehr zum Bauen nach Sibirien geschickt. Ich gelangte in das Gebiet Kemerowo. Im Bergwerk wurden wir bis zum Tode Stalins wie Vaterlandsverräter behandelt. Stalins Sohn Jakob war auch Kriegsgefangener, aber Stalin verzichtete auf einen Austausch gegen einen deutschen Feldmarschall, und der Sohn starb in der Gefangenschaft.

Später, 1947, siedelte ich nach Nowokusneck (Stalinsk) über. Hier gab es ein Lager für deutsche Kriegsgefangene. Ich besuchte es, als es schon keine Kriegsgefangenen mehr gab, sie waren nach Hause geschickt worden.

Mich überraschte der Inhalt des Lagers wegen seiner Sauberkeit, die Wände der Baracken waren geweißt und mit Zeichnungen deutscher Landschaften, deutscher Häuser etc. versehen. Die Gärten vor den Baracken waren mit Blumen geschmückt und mit schmucken Zäunen umgeben, die kleinen Wege mit Sand bestreut, kleine Rasenflächen waren zu sehen, das alles wurde nach der Arbeit gemacht.

Niemand verbot ihnen, das Material vom Bau mitzunehmen, auf dem sie arbeiteten, und sie bauten 4-5stöckige Wohnhäuser ohne jegliche Bewachung. Überhaupt war es nicht so wie in unserer Gefangenschaft, wir durften nicht über das Gelände gehen, auf die Toilette nicht mehr als 2 Personen, irgendetwas machen oder sich in Gruppen treffen war uns verboten. Von 10 Uhr abends bis morgens wurden die Türen mit einem Schloss verschlossen. Für die kleinste Regelverletzung setzte es Knüppelhiebe von der Polizei (w.o.). Ich hätte gern Korrespondenz mit Ihren Kriegsgefangenen, möglich ist es von unserer Stadt aus, und ich würde mich sehr freuen, wenn sich jemand fände.

In unserem Hause lebte ein deutscher Kriegsgefangener, der in der UdSSR blieb und eine Russin heiratete. Er arbeitete auf dem Bau, wir haben uns häufig unterhalten, er sprach gut russisch, und ich lernte bei ihm deutsche Umgangssprache. Es ist wahr, dass ich seinen Namen vergessen habe.

Um 1990 fuhr er nach Deutschland zusammen mit seiner Familie zurück, er war ein guter Freund.

Ich arbeitete in der allgemeinen schwierigen Situation mehr als 40 Jahre auf Montage von Sanitärausrüstungen in Wohnhäusern und Fabriken, jetzt bin ich schon mehr als 20 Jahre auf Rente, ich bin im 82. Lebensjahr.

Alles in allem, geschätzte Damen, Herren und Freunde, habe ich Sie wahrscheinlich ermüdet mit meinem Schreiben, und wahrscheinlich interessiert es wenig, von irgendeinem unbekannten Russen zu lesen. (…)

Auf Wiedersehen und Ihnen alles Gute.

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