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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

489. Freitagsbrief (vom Mai 2011, aus dem Russischen übersetzt von Jennie Seitz).

Aleksandr Fedorowitsch Shadan
Ukraine
Kriwoj Rog.

Gefangenschaft … (Wie es war).

Ich war Teilnehmer an der Verteidigung Kiews ab 22. Juni 1941, wo ich vor Kriegsbeginn bereits seit 1940 meinen Dienst abgeleistet hatte. Im 254. Flugabwehr-Artillerieregiment verteidigten wir die wichtigste Eisenbahnbrücke linksseitig des Dnepr vor deutschen Luftangriffen. Am 19. September, als die Deutschen schon in der Stadt waren und die Brücke durch unsere Pioniere gesprengt wurde, traten wir in fürchterlichem Chaos den Rückzug an, unbewaffnet (unsere Batterie war von „Heinkel“ und „Junkers“ zerbombt worden), über Darniza in Richtung Borispole, unter Beschuss durch die deutsche Artillerie, ihre „Messerschmitts“.

Beim Versuch, die [Einkesselung] zu durchbrechen, gerieten wir ins feindliche Kreuzfeuer. Vor und hinter Borispole fielen viele Hunderte unserer Soldaten und Kommandeure. Über 650 000 wurden gefangengenommen. In dem engen Kessel, in den wir geraten waren, fiel bekanntermaßen auch der Kommandeur der Südwestfront General Kirponos …

Die ausgemergelten, verwundeten, kaum noch gehfähigen Gefangenen wurden zunächst hinter Stacheldraht auf den gerade im Bau befindlichen Flugplatz von Borispol gepfercht. Wir lebten nur von dem, was uns Menschen über den Zaun zuwarfen. Dann das schreckliche Konzentrationslager in Darniza [Stalag 339]. Wer keinen Platz in den Baracken fand, musste draußen bei Regen und Kälte auf Stroh schlafen, sich mit Stroh bedecken. Ich bekam eine Erkältung, und ein Kamerad, ein Belarusse, pflegte mich, indem er aus den Feldküchen Balanda [*] aus Sägespänen und Pferdefleisch organisierte.

Viele Gefangene wurden hier zu Tode gequält, zerfleischt von Schäferhunden. Wer als Jude identifiziert wurde, den prügelten sie hinter eine gesonderte Absperrung und ließen dort die Schäferhunde hinein. Wegen meiner Krankheit habe ich dieses grausame Schauspiel nicht mit angesehen. Mein Retter Boris erzählte mir davon.

Ich weiß nicht mehr, wie lange ich in diesem Lager war, aber nach meinem Aufenthalt dort kam ich in eine Transportkolonne nach Shitomir. Dieser schreckliche Marsch über die vom Regen aufgeweichten Bankette erscheint mir heute noch als böser Traum … Wer im Schlamm steckenblieb und hinter die Kolonne zurückfiel, auf den wurden die Hunde gehetzt, andere Erschöpfte wurden auf Bauernkarren geladen, in den Wald gebracht und dort erschossen …

In den Dörfern, in denen wir Halt machten, jagten uns die Begleitmänner an Haufen von Roter Bete, Kohl, Kartoffeln vorbei – alles, was die Bewohner per Befehl hergeben mussten. Aber nicht alle konnten etwas von dem Gemüse ergattern …

Manchmal mussten wir auf freiem Feld übernachten, und viele, denen noch auf dem Flugplatz von Borispole die Fouriere, warum auch immer, die Soldatenmäntel abgenommen hatten, wachten morgens nicht mehr auf. Sie waren erfroren. In Shitomir [Stalag 358] wurden die Überlebenden in Kasernen untergebracht und morgens zu Erdarbeiten getrieben, wo sie bis zum späten Abend schufteten.

Ich weiß nicht mehr, wie lange wir zu diesen Zwangsarbeiten missbraucht wurden, aber eines Tages, bei Nieselregen und Nebel, konnte ich an einer Bahnstation zusammen mit dem Politstellvertreter unseres Verbandes, den ich zufällig dort traf, fliehen. Wir schlugen uns nachts über Feldwege und Wälder durch, manchmal übernachteten wir in Dörfern ohne Deutsche, wo uns gute Menschen zu essen gaben.Mit irgendeinem Güterzug, zugedeckt mit [?], kamen wir bis nach Alexandria, Oblast Kirowograd. Dort verabschiedete ich mich von meinem Weggefährten, schlug mich nach Kriwoj Rog durch.

Nachdem ich mich von meiner Erkältung und den Abszessen erholt hatte, war ich bis zur Befreiung der Stadt am 22. Februar 1944 im besetzten Karl-Liebknecht-Bergwerk. Bis 1943 versteckte ich mich vor Razzien oft bei Verwandten hinter der Staniza [Kosakensiedlung] Dolginzewo. Im Herbst 1943 nahm ich an der patriotischen Bewegung gegen die Besatzer teil (es gibt dazu einige Materialien in der Ruhmeshalle für Arbeit und Militär des Bergwerks „Rodina“ [„Heimat“]).

In den Nachkriegsjahren arbeitete ich während der Wiederaufbauphase im Bergwerk, als Künstler bei der Sichtagitation. Nach Beendigung des pädagogischen Instituts war ich Lehrer an verschiedenen hiesigen Schulen. Seit 1981 bin ich Rentner.

PS: Im Sommer 1968 habe ich mit einer Schülerexkursion Kiew besucht, war an der Stelle, wo sich früher das Kriegsgefangenenlager Darniza befand. Ich habe mich vor den Überresten der dort von den Nazis Ermordeten und zu Tode Gequälten verbeugt. Ich habe den Schülern davon erzählt (ich lege ein Foto bei).

Shadan A. F., Kriegsveteran, Invalide der 2. Gruppe.

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[*] „Balanda“: wässrige Gefängnissuppe.

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