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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

487. Freitagsbrief (vom März 2015, aus dem Russischen von Jennie Seitz).

Herr Tschumatschenko schickte uns ein handschriftlich kommentiertes Zeitungsinterview.

Grigorij Kusmitsch Tschumatschenko
Russland
Gebiet Belgorod.

[Zeitungsartikel].

Das habe ich überlebt …

Der Krieg als extremste Form des menschlichen Daseins brachte den Menschen manchmal befremdende Vorfälle, die sie später kaum für möglich hielten. Trotzdem waren sie real. Von einigen solchen Erlebnissen berichtet der Veteran Grigorij Kusmitsch Tschumatschenko aus Osadtscheje.

„Im Juni 1941 war ich 19 Jahre alt. Seit vier Jahren hatte ich bereits in der Kolchose gearbeitet. Am 22. Juni fuhren wir aufs Feld hinaus. Plötzlich kam ein Bote herangeeilt: „Hört auf zu arbeiten, es ist Krieg!“ Zu Hause erwartete mich schon der Einberufungsbescheid vom Militärkommissariat.

Nach der Einberufung diente ich ein Jahr lang in Powolshje, wo wir für eine Luftlandung ausgebildet wurden. Wir bereiteten uns auf die Landung im Rücken des Feindes vor, aber da begann die Schlacht bei Stalingrad, und man schickte uns zur Verteidigung der Stadt.

Unsere Einheit war unweit von Stalingrad aufgestellt. Bei einem der Luftangriffe wurde ich verwundet. Mein Waffenbruder und Landsmann Iwan Charkowskij aus Lesikowka hielt mich für tot und zerrte mich in einen Bombenkrater.

Mehr als zwölf Stunden lag ich dort. Und als ich zu mir kam, war ich schon im Rücken des Feindes. Ich realisierte nicht sofort, wo ich mich befand und was geschehen war. Mir fiel nur auf, dass mein linker Stiefel fehlte. Es stellte sich heraus, dass Charkowskij ihn mir abgenommen hatte, als er dachte, ich wäre tot. Nach dem Krieg ist er übrigens in Osadtscheje gewesen und hat Passanten nach meinen Eltern befragt. „Ich habe ihren Sohn beerdigt!“, sagte er. Der Traktorfahrer Iwan Alexejewitsch Taranenko überzeugte ihn dann, dass ich lebe. Und meine Eltern hatten tatsächlich eine Mitteilung über meinen Tod erhalten.

Danach begann mein Leidensweg in den besetzten Gebieten. Als ich im Bombenkrater erwacht war, kam ein anderer verwundeter sowjetischer Soldat zu mir. Und da sahen wir, wie die Nazis eine Menschenmenge aus gefangenen sowjetischen Kämpfern vor sich her trieben. Natürlich wurden wir beide in diese Kolonne eingereiht. Mein Kamerad konnte nicht laufen, obwohl wir uns untergehakt hatten. Er wurde von einem Nazi erschossen.

Dann wurden wir in ein Lager in Zimljansk gebracht. Dort blieb ich nur kurz – sie luden uns alle in unbeheizte Güterwaggons zu je 50 Mann und brachten uns erst nach Charkow und dann nach Alexejewka. Dort hörten wir, dass wir unterwegs ins Lager Ostrogoshsk waren.

Vor der Abfahrt aus Alexejewka hatte ich in die Hülse eines Leuchtgeschosses einen Zettel gelegt, auf dem unser Reiseziel vermerkt war. Die konnte meinem Vater überbracht werden. Er besorgte sich einen Passierschein und kam zu mir ins Lager. Es befand sich auf dem Gelände einer Ziegelei. Zu diesem Zeitpunkt waren von den 50 Menschen, die mit mir im Waggon waren, nur noch 16 übrig. Die einen sind von allein gestorben, an Dysenterie oder Hunger, die anderen wurden von den Faschisten getötet. Und dann ging unter den Gefangenen das Gerücht um, die Deutschen hätten 35 Menschen in die Banja geschickt und eine Giftampulle hineingeworfen – alle Gefangenen wären gestorben …

Nach einer Weile kam auch meine Schwester Tatjana ins Lager, sie brachte mir warme Kleidung. Ich war damals an Ruhr erkrankt. Der Arzt sagte zu mir: „Deine Schwester sollte dir helfen, einen italienischen Soldatenmantel aufzutreiben, damit Deine Flucht nicht auffällt, dann schicken wir dich zu einem Alten in die Wohnung, zum Auskurieren.“

Einen Soldatenmantel konnten wir bei dem sowjetischen Gefangenen Degtjarjow aus Rossoscha gegen einen Wintermantel tauschen.

Der Alte lebte nicht weit von dem Lager entfernt. Er nahm mich wie einen Sohn auf, tat alles, damit ich nicht so sehr nach einem Gefangenen aussah. Und am Morgen machten meine Schwester und ich uns auf den Weg – nach Hause. Der Herr meiner vorübergehenden Zuflucht sagte, er würde ohne Unterlass dafür beten, dass wir heil in unserem Heimatdorf ankämen.

Ich war so schwach, dass ich nicht laufen konnte. Tatjana zog mich auf einem Schlitten.

Auf der Brücke über den Fluss, der in der Nähe des Lagers floss, sahen wir zwei Wachposten. Da dachten wir, das wäre unser Ende. Aber plötzlich tauchten sowjetische Flugzeuge auf, die Nazis versteckten sich, und wir gingen ungehindert über die Brücke.

Wir waren mehrere Tage unterwegs. Übernachteten bei unseren Leuten in verschiedenen Dörfern, bis wir endlich in Osadtscheje ankamen.

Nach der Ankunft unserer Truppen war ich in Rossoscha sowohl bei der Gesundheitskommission wie in der Spezialabteilung. Es wurden keine Vorwürfe erhoben, aber man schickte mich weder an die Front noch nach Hause. Dann kam ein Fliegeroffizier. Die Verletzten wurden zum Flugplatz geschickt – als Wachschutz und zur Wartung der Landebahn.

Später führten mich meine Wege an der Front durch die Ukraine, durch Polen, Deutschland, die Tschechoslowakei. Das Ende des Krieges erlebte ich in Österreich. Es ist mir noch gelungen, mich an dem Feind für meine Zeit in Gefangenschaft zu Beginn des Krieges zu rächen. Ich besitze Kampfauszeichnungen: einen Orden des Vaterländischen Krieges 2. Grades, Tapferkeitsmedaillen, Medaillen für Verdienste im Kampf, für die Befreiung Prags, für die Eroberung Berlin und für den Sieg über Deutschland.

In meiner Freizeit habe ich eine Skulptur von meiner Schwester Tatjana angefertigt. Als Zeichen der Dankbarkeit für das, was sie für mich getan hat.“

G. Tschumatschenko

Osadtscheje.

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[Gerne beantworten wir Nachfragen zu den Zeitzeugen. Die Redaktion].

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