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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

486. Freitagsbrief (vom Juli 2015, aus dem Russischen von Jennie Seitz).

Um dem vom Bundesfinanzministeriums mit der Auszahlung der „Anerkennungsleistung“ (10 Mill. € für rund 4000 ehemalige sowjetische Kriegsgefangene) beauftragtem Amt BADV zu helfen, schrieben wir 5000 ehemalige sowjetische Kriegsgefangene an, denen wir im Laufe von 12 Jahren symbolische Anerkennungsbeträge übermittelten. Wir wählten die relativ jüngeren Jahrgänge aus. Der folgende Brief zählt zu den häufigsten Antworten auf unsere Anschreiben. (Redaktion).

Leonard Iwanowitsch Borschtschewskij
Winniza
Ukraine.

Ich, Borschtschewskaja W. W., die Ehefrau des ehemaligen Kriegsgefangenen Borschtschewskij L. I., kann Ihren herzlichen Brief nicht unbeantwortet lassen.

L. I. erlebt Ihren Rundbrief nicht mehr, er ist am 30. Mai 2008 verstorben. Ein schweres Los ist ihm zugeteilt gewesen. Seit seiner Kindheit hatte er davon geträumt, Pilot zu werden. Er war gerade an der Flughochschule in Cherson angenommen worden, als der Krieg ausbrach. Sie wurden ins Landesinnere evakuiert. Hatten mehrere Umschulungen von einem Flugzeugtyp zum anderen. Er kam an die Baltische Front, sie waren bei Riga aufgestellt. Die Fliegerstaffel erhielt die Aufgabe, einen Panzerverband tief im Hinterland des Feindes zu vernichten. Der Gegner war gut ausgerüstet und schlief nicht. [L. I.] wurde abgeschossen, sprang aus dem brennenden Flugzeug. Verwundet lief er zur Frontlinie, aber er hatte Pech, fiel dem Militär in die Hände. Wurde ins Lager nach Hemer [Stalag VIA] geschickt. Dort befreiten ihn dann auch die amerikanischen Verbände. Er kehrte in die Heimat zurück, aber die empfing ihn mit Misstrauen. Im Flugwesen wollte man ihn nicht mehr anstellen, auch nicht als einfachen Arbeiter. Er machte eine Umschulung zum Elektromechaniker und arbeitete fast sein ganzes Leben lang in einer Ziegelfabrik. Dabei vergaßen die KGBler nicht, ihn jeden Monat zum Gespräch zu bitten.

Er hatte eine gute Stimme, konnte gut singen. Das Fabrikkollektiv respektierte ihn. Lange mussten wir als Familie uns eine Privatwohnung mieten. Das Leben war schwer, das Geld reichte nicht. Erst nach Stalins Tod kam das politische Tauwetter. Man lud ihn zu einer Nachschulung ein, aber er wurde nicht einmal als Ausbilder zugelassen. Seine persönliche Akte als Offizier wurde gefunden, und auch die Orden und Medaillen.

Der Krieg hat sich sehr auf seine Gesundheit niedergeschlagen – er litt an Nervosität, war ungeduldig, seine Hände zitterten, und später war er ganz bettlägerig. Unsere Töchter haben nicht nur sein gutes Aussehen geerbt, sondern auch seine Nervosität.

Was soll man sagen, der Krieg zieht nie spurlos vorbei.

Oft hat er gesungen:

„Zuweilen scheint mir, all die Soldaten,
die aus dem Krieg nicht heimkehrten,
in unsrer Erde nicht begraben,
sind weiße Kraniche geworden.“

Verzeih uns, lebe wohl, Leonard Iwanowitsch!

Ich habe einen Marmorgedenkstein für ihn errichtet. Seine Freunde, auch ehemalige Gefangene, sind ebenfalls längst nicht mehr.

So ist das Leben ….

Ich danke Ihnen für das Mitgefühl und Ihre Anteilnahme.

Borschtschewskaja Weronika Wassiljewna.

28. Juli 2015 [Unterschrift].

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