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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

484. Freitagsbrief (vom November 2015, aus dem Russischen von Jennie Seitz).

Iwan Iwanowitsch Walentschuk
Ukraine
Gebiet Tschernigow.

Erinnerungen des ehemaligen sowjetischen Kriegsgefangenen Walentschuk Iwan Iwanowitsch, geboren 1920

Einen Tag nachdem der Krieg begonnen hatte, sprach ich beim Militärkommissariat in Schachtinsk (Oblast Rostow am Don) vor mit der Bitte, mich als Soldat in die aktive Armee aufzunehmen. Zusammen mit einer 90 Mann starken Gruppe schickte man mich zur militärischen Ausbildung. Nach der Ausbildung wurden die Kämpfer gruppenweise an die Front geschickt. Weil ich damals bereits einen Hochschulabschluss hatte und recht gut Deutsch konnte, zögerte Leutnant Sosnowskij meine Abreise an die Front hinaus und vertraute mir die politische Vorbereitung der Soldaten an. Ich war Assistent des Politleiters und Komsomolorganisator des Reserveregiments.

Im März 1942 traf General Alexander Grigorjewitsch Batjunja im Reserveregiment ein, um 15 Leute für die Arbeit im Stab auszuwählen. Leutnant Sosnowskij empfahl unter anderen auch mich. Ab April 1942 wurde ich als Schüler der 8. Feldführungsabteilung in die 9. Armee aufgenommen. Ich wurde im Chiffrierwesen ausgebildet. Im Juli 1942 kam ich zum Stab der 9. Armee unter der Führung von Generalmajor A. G.  Batjunja.

Zu diesem Zeitpunkt kämpfte die 9. Armee am Don gegen den übermächtigen Feind. Wir wurden eingekesselt. Ich erinnere mich an folgenden Ablauf der Ereignisse kurz vor meiner Gefangennahme. Die Aufklärung teilte uns mit, dass der Feind einige Kilometer von uns entfernt sei. Buchstäblich innerhalb von wenigen Stunden setzte eine derartige Kanonade ein, dass es Äste von den Bäumen und Sträuchern regnete. Als der Kanonendonner einsetzte, stand ich zusammen mit Generalmajor Batjunja draußen vor dem Stab. Er schickte mich hinein, um die Karte des Kampfgeschehens zu holen, die in seinem Büro an der Wand hing. Um den Standort des Stabes herum waren Spuren von Nahkämpfen zu sehen, hier und dort lagen die Leichen sowjetischer und deutscher Soldaten. Ich nahm die Karte von der Wand und rannte zurück zum General, der unter einer großen Eiche stand. Das ist das Letzte, woran ich mich erinnere. Ich war noch etwa 40 Meter vom General entfernt, als direkt neben mir ein Geschoss detonierte. Eine gewaltige Druckwelle warf mich zu Boden, und ich verlor das Bewusstsein. Als ich zu mir kam, entdeckte ich Blut, das mir aus Ohren und Mund rann. In meinem Kopf rauschte es. Außerdem hatte ich Splitterverletzungen an Arm und Bein auf der linken Seite. Ich konnte mich kaum bewegen. General Batjunja habe ich nie wiedergesehen. Um mich in Sicherheit zu bringen, robbte ich ein Stück geradeaus und versteckte mich in einem der Einschlagkrater. Im diesem Krater traf ich auf einen Unterleutnant, aber er verschwand in der Nacht und ließ mich allein zurück. Am Morgen zog ich mich in die Nähe der Gemüsebeete, wo mich ein Mädchen aus dem Dorf fand. Sie brachte mir etwas Brot und Milch.

Zu diesem Zeitpunkt wurde in diesem Dorf eine Razzia durchgeführt, deutsche Soldaten suchten nach unbewaffneten sowjetischen Kämpfern und luden sie auf Fahrzeuge. Mein Aufenthaltsort war bereits von Dorfbewohnern gemeldet worden, die der Besatzungsmacht zuarbeiteten. Ich wurde ebenfalls auf das Fahrzeug geworfen und weggebracht. So wurde ich Kriegsgefangener.

Ich landete in einem von Stacheldraht umgebenen Konzentrationslager [Dulag] am Stadtrand von Millerowo, wie sich später herausstellte. Das war Ende Juli 1942. Das Lager lag unter freiem Himmel, in einer natürlichen Schlucht, auf deren Grund ein Bach floss. Dieser verfluchte Ort hieß unter den Kriegsgefangenen die „Grube von Millerowo“. Und in der Tat wurde er für viele hunderte und tausende Gefangene zur Grube.

Ich war in einem katastrophalen Zustand, die Wunden hatten angefangen zu eitern. Ich überlebte nur, weil ich einen mir bekannten Soldaten traf, der durch Zufall ein paar Medikamente hatte. Er teilte sie mit mir, und mein Befinden besserte sich etwas.

Im Lager Millerowo waren unglaublich viele Kriegsgefangene eingesperrt, mir kam es vor, als wären es mindestens zehntausend. Wir mussten in Reihen zu jeweils hundert Mann Aufstellung nehmen und wurden durchgezählt. Das Lager war zweigeteilt, zur Vereinfachung der Zählung und Fütterung. Essen gab es nur einmal am Tag. Wir bekamen jeweils eine Kelle Balanda. Während der Essensausgabe war immer großes Gedränge. Es fehlte nicht nur an Essen, wir hatten auch ständig Durst. Der Bach war bald leergetrunken. Um nicht zu verdursten, suchte ich nach feuchten Stellen, grub etwa 20 cm tief in die Erde und seihte durch meine Zähne den feuchten Brei von meiner Handfläche. Gras, Wurzeln, alles, was man essen konnte, wurde gegessen.

Es gab Fälle von Flucht aus dem Lager. Die Gefangenen gruben eine Kuhle unterhalb des Stacheldrahts und flohen. Aber solche Fälle waren selten, denn die Wachhunde spürten die Ausbrecher auf und dann wurden sie erschossen.

Ein Erlebnis aus dem Lager: Bei der Gefangennahme war mir durch ein Wunder mein gutes ledernes Portemonnaie nicht abgenommen worden. Mit diesem Portemonnaie ging ich zum Absperrzaun und bat einen ganz jungen deutschen Wachsoldaten, es gegen Essen einzutauschen (noch aus Schulzeiten konnte ich recht gut Deutsch). Am nächsten Tag bekam ich einen Laib Brot als Tausch für mein Portemonnaie. Das Brot teilte ich mit meinen Mitgefangenen. Aber im Allgemeinen gingen sie mit den Gefangenen äußerst brutal um. Es kam vor, dass Männer, die dem Äußeren nach wie Juden aussahen, erschossen wurden. Manchmal wurden auch einfach so, ohne jeden Grund, Gewehrsalven in die Menge der Gefangenen abgefeuert.

In Gruppen wurden die Gefangenen zu Zwangsarbeiten gebracht, an die Eisenbahnstation, den Bahnhof, in die Stadt. Am Bahnhof mussten die Gefangenen Bahnschwellen, Gleise, irgendwelche Metallkonstruktionen verladen. Manchmal luden sie unter strenger Bewachung Kisten mit Geschossen und Fliegerbomben auf Fahrzeuge. Manche Kommandos der Kriegsgefangenen kehrten nach der Arbeit in Millerowo ins Lager zurück, andere nicht. Eines Tages im Herbst (irgendwann im Oktober/November) kehrte auch ich nicht in die „Grube von Millerowo“ zurück. Nach den Arbeiten in der Stadt wurden einige Kommandos in Waggons geladen und in Richtung Polen gebracht.

Zwischen November 1942 und Oktober 1943 war ich in verschiedenen kleineren Arbeitslagern. Wir mussten in erster Linie bei der Holzbeschaffung arbeiten, wurden von einem Lager ins nächste verfrachtet, je nachdem, wo man Arbeitskräfte brauchte. An die Namen dieser kleineren Arbeitslager kann ich mich leider nicht erinnern. Die Gefangenen hofften darauf, zum Arbeiten an den Bahnhof gebracht zu werden, denn dort konnte man Arbeiten für Zivilisten erledigen und dafür etwas Essen bekommen. Die Wachen in diesen Lagern waren nicht sehr streng.

Im Herbst (etwa im November 1943) brachte man uns nach Landsberg an der Warthe. Wir wurden in Gebäuden in der Nähe des Bahnhofs untergebracht. Das Kontingent der Gefangenen war nicht sehr groß, etwa 500 Mann. Es wechselte ständig. Die einen wurden weggebracht, neue kamen hinzu. Die Gefangenen mussten verschiedene Arbeiten in der Stadt ausführen, aber vor allem arbeiteten wir am Bahnhof bei der Verladung. Meistens waren es Säcke mit Torf. Der Bahnhof wurde von einer Frau geleitet, vielleicht war sie aber auch die stellvertretende Vorsteherin.

Einmal erlebte ich Folgendes: Ich arbeitete in einer Gruppe Gefangener bei der Instandsetzung des Gleisbettes, befestigte die Schienen. Während meine Kameraden ein neues Schienenstück holten, konnte ich mich etwas ausruhen. In einer dieser Pausen bemerkte ich eine junge Frau, die an mir vorbeilief. Sie trug irgendwelche Bündel unter dem Arm. Ein Bündel fiel ihr aus Unachtsamkeit auf die Erde. Sie bemerkte es nicht. Ich bedeckte das Bündel mit Abfall, und als sie außer Sichtweite war, sah ich nach, was drin war. Es waren Lebensmittelkarten in Form eines Büchleins, viele Karten. Nach einer Weile kam die junge Frau zurückgerannt, sie hatte ihren Verlust offenbar bemerkt. Ihre Augen waren verweint, sie suchte irgendetwas. Ich sagte: „Verlust“ [orig. deutsch]. Sie drehte sich zu mir um, und ich überreichte ihr das heruntergefallene Bündel. Die junge Frau freute sich sehr, bedankte sich und ging davon. Einige Zeit später kam sie in Begleitung einer Frau zurück – der Bahnhofsvorsteherin, der sie energisch irgendetwas erklärte. Ich konnte heraushören, dass es um mich ging, und dass die Lebensmittelkarten, die sie verloren hatte, für die Stadtbewohner bestimmt waren. Die Bahnhofsvorsteherin lächelte zustimmend. Seitdem arbeitete ich nur noch am Bahnhof und wurde nicht mehr zu anderen Arbeiten gebracht.

Die Einheimischen begegneten uns friedfertig. Die Wachen waren nicht streng, sie behielten uns nur im Auge. Sie ließen zu, dass wir den Zivilisten aushalfen und so ein Stück Brot verdienten. So verging ein Jahr meines Lebens in dieser Stadt.

Im Herbst 1944 wurde die Lage in der Stadt zunehmend angespannter. Die Kontrolle über die Kriegsgefangenen, die am Bahnhof arbeiteten, kam ganz zum Erliegen. Viele flohen. Vor dem Eintreffen der Sowjetarmee konnte auch ich aus dem Lager fliehen. Als sowjetische Truppen durch die Stadt marschierten, ging ich zu Mitarbeitern des NKWD und erzählte meine Geschichte. Etwa drei Monate verbrachte ich zusammen mit anderen ehemaligen Kriegsgefangenen in einer Spezialunterbringung (einem Filtrationslager). Die ganze Zeit über musste ich Aussagen machen und Beweise erbringen. Das kostbarste Geschenk, das mir das Schicksal je gemacht hat, war das Passierdokument, mit dem man mich in die Heimat zurückkehren ließ.

In der Zeit danach arbeitete ich 42 Jahre meines Lebens in der Schule als Physiklehrer, wechselte meinen Wohnort. Oft ist mir angeboten worden, Schuldirektor zu werden, aber die Tatsache, dass ich während des Krieges in Gefangenschaft war, machte mir einen Strich durch die Rechnung. Mein ganzes Leben lang musste ich diesen Fakt meiner Biographie verheimlichen, denn nicht ohne Grund musste ich fürchten, wieder in einem Konzentrationslager zu landen, diesmal in einem sowjetischen, als illoyale Person. Und erst in der unabhängigen Ukraine konnte ich mich endlich als gleichberechtigter Kriegsteilnehmer fühlen und hörte auf, mich für meine Gefangenschaft zu schämen.[*] Ich danke Gott, dass ich diese Zeit noch erleben durfte. Jetzt bin ich 95 Jahre alt.

Hochachtungsvoll

Iwan Walentschuk.

22.11.2015.

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[*] 1995 folgte die ukrainische Regierung wie alle anderen ehemaligen Sowjetrepubliken dem Beispiel von B. Jelzin in Russland, der alle ehemaligen sowjetischen Kriegsgefangenen rehabilitierte.

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