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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

483. Freitagsbrief (vom Februar 2008, aus dem Russischen von Valerie Engler).

Belarus
Gebiet Gomel
Mark Dmitrijewitsch Tomko.

Sehr geehrte Dr. Hilde Schramm und sehr geehrter Eberhard Radczuweit!

Ich habe Ihren Brief vom 18.1.2008 erhalten. Danke, dass Sie uns nicht vergessen haben.

Ein wenig zu mir. Meine Eltern Dmitrij und Agrippina hatten dreizehn Kinder: zwei Töchter und elf Söhne. Alle meine Brüder waren an der Front, fünf von ihnen sind im Krieg gefallen. Von allen Geschwistern bin jetzt nur noch ich am Leben. Meine Frau ist bereits verstorben, auch zwei meiner Söhne sind gestorben, übrig sind noch eine Tochter und ein Sohn, beide haben ihre eigene Familie und leben in der Stadt. Ich habe keine Hofwirtschaft mehr, ich pflanze nur jedes Jahr ein paar Ar Kartoffeln.

Nun möchte ich Ihnen etwas von meiner Jugendzeit erzählen. Ich wurde gleich nach Beginn des Krieges 1941 in die Armee einberufen. Unsere Armee befand sich im Rückzug, wir mussten Mosyr, Gomel, Brjansk, Orjol und Woronesh dem Feind überlassen. Bei Wonoresh geriet ich in eine Bombenexplosion und verlor das Bewusstsein, so geriet ich in Gefangenschaft. Zuerst brachten sie mich zusammen mit anderen ins Gefängnis für Kriegsgefangene in Orscha [Dulag 127], von dort aus wurden wir dann per Auto nach Roslawl [Dulag 130] gebracht. Dann mussten wir in Kolonnen nach Smolensk [Dulag 126] marschieren. Während des zweitägigen Marsches starben viele Soldaten und Offizieren an ihren Verletzungen oder an Hunger und Kälte. Viele wurden ohne jeden Grund erschossen, den finnischen Wachsoldaten machte es Spaß, uns zu schikanieren und zu demütigen. In Smolensk wurden wir wie Vieh in Viehwaggons geladen und nach Deutschland gebracht. In Minsk warfen sie uns Brot aus Buchweizenschalen in den Waggon, und wer dieses Brot aß, der starb noch in derselben Nacht. Ich hatte Glück – ich hatte kein Stück Brot abbekommen. Dann wurden wir aus den Waggons geholt und mussten uns auf dem Bahnsteig aufstellen. Die Juden wurden abgesondert und an Ort und Stelle vor den Augen aller erschossen. Jeder von uns bekam zwei kleine Laib Roggenbrot, dann wurden wir wieder in die Waggons getrieben und weiter nach Deutschland gebracht. Auf der ganzen Fahrt bekamen wir weder Essen noch Wasser. Von den fünfzig Personen in unserem Waggon waren bei der Ankunft im 17. Durchgangslager auf deutschem Gebiet nur noch fünfzehn am Leben [Stalag IVH/304 Zeithain?]. Wir wurden aus dem Waggon geholt. Dann mussten wir alle hundert Meter rennen. Wer das nicht schaffte, der war für die Deutschen krank. […] Uns brachten sie in ein Arbeitslager etwa sechs Kilometer von der Bahnstation entfernt. Dort waren auch Kriegsgefangene aus Frankreich und England. Wir blieben drei Monate da, dann kam ich zur Arbeit nach Gablonsk [Gablonz?], wo wir für irgendeine Fabrik oder einen Betrieb ein Fundament und Wände bauen mussten. Ich schwebte zwischen Leben und Tod. Die Versorgung war sehr schlecht: gekochte Futterrüben und Brennnesseln, die tägliche Brotration betrug 200 g. So aßen wir Gras, Frösche, rohe Kartoffeln. Ich war stark abgemagert und wog nur noch 39 kg, deshalb schickten sie mich in die Todesbaracke. Auf der Vortreppe vor der Baracke wurde ich von jemandem gestoßen, so dass ich herunterfiel und dann unter die Treppe kroch. Einige Zeit später kamen die Kameraden und Bekannten zu den Todeskandidaten in die Baracke, um von ihnen Abschied zu nehmen. Ich bat sie, mich zurück in die Arbeitsbaracke zu bringen. Am nächsten Tag mussten wir uns zum Appell aufstellen und sollten zum Arbeitseinsatz geschickt werden. Ein Vorarbeiter namens Gebel trat zu mir und fragte mich: „Bist du krank?“ Ich antwortete, ich sei krank, und er teilte mich als Gehilfe den zivilen Arbeitern (Deutschen und Tschechen) zu, die mir ein wenig zusätzliches Essen gaben. Ich danke Gebel dafür sehr! Bald darauf wurde ich auf Gebels Betreiben hin in ein Lager für Kriegsgefangene in Stendal überführt. Dort ging es mir ein wenig besser.

Während meiner anschließenden Zeit in der Gefangenschaft war ich in Brandenburg (dort betonierten wir einen Flugplatz), in Stettin und Brüx. In Brüx wurden wir von der sowjetischen Armee befreit. Dann wurde ich in Dresden siebenmal von der Sonderabteilung überprüft. Anschließend kam ich wieder zur Sowjetischen Armee und diente bis Herbst 1947 in Österreich, Ungarn, der Tschechoslowakei und Deutschland. Als ich nach Hause zurückkehrte, fand ich mein Heimatdorf nicht mehr vor. Es war von den Deutschen zu Pfingsten vollständig niedergebrannt worden. Die Dorfbewohner lebten in Erdhütten. Als ich aus der Armee entlassen wurde, heiratete ich gleich, aber erst 1950 konnte ich für uns ein Haus bauen und habe bis zur Rente, also bis 1982, in der Sowchose als Viehhüter gearbeitet.

Jetzt (und ich bin, Gott sei Dank, schon 86 Jahre alt) steht es mit meiner Gesundheit nicht zum Besten: meine Augen schmerzen und ein Leistenbruch bereitet mir Probleme. Aus den alten Wirtschaftsanbauten mache ich Brennholz, ab und zu gehe ich ins Geschäft, um Lebensmittel zu kaufen. Manchmal besuchen mich meine Tochter und mein Sohn. Meine Nachbarn sind schon verstorben. So muss ich meinen Lebensabend alleine verbringen, aber das Wichtigste ist, dass ich zu Hause bin, in meinem Heimatdorf.

Ich danke Ihnen, dass Sie mich nicht vergessen haben und mich unterstützen.

Mit den besten Grüßen,

Mark Dmitrijewitsch Tomko.

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