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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

482. Freitagsbrief (vom Juli 2003, aus dem Armenischen von Dr. Ashot Hayruni).

Hrant Nazaretjan
Jerewan
Armenien.

[…]

Ich, Hrant Nazaretjan, bin Armenier und wurde 1923 geboren. Anfang August 1942 geriet ich als Gefreiter der Roten Armee in Kriegsgefangenschaft der deutschen Wehrmacht und wurde in das Lager Millerowo [Dulag 125] im Rostower Oblast für Kriegsgefangene und Zivilbevölkerung eingeliefert.

Das Lager befand sich in einer Schlucht, auf deren Grund ein kleiner Bach floss. Am Rande der Schlucht standen Wachen mit Hunden. Das Lager war durch Stacheldraht der Länge nach in drei Basiszonen eingeteilt. Die beiden am Rand waren für die Kriegsgefangenen aus Mannschaftsdienstgraden vorgesehen, die täglich aus einer äußeren Zone in die andere mussten. Ein Teil der mittleren Zone war für die Ausgabe des Essens zugewiesen, und im anderen wurden die kriegsgefangenen Offiziere eingesperrt. Höher am Abhang befand sich die Zone für die Zivilisten jüdischer Nationalität.

Jeden Morgen begannen die Kolonnen aus Zehntausenden Kriegsgefangenen in Viererreihen ihren Gang durch die mittlere Zone zur gegenüberliegenden Randzone. Dieser Vorgang dauerte bis kurz vor der Dunkelheit. Am nächsten Morgen ging die Kolonne in die umgekehrte Richtung. Beim Durchschreiten der mittleren Zone erhielten die Kriegsgefangenen ihre Tagesration: aus einem rostigen Fass eine Schöpfkelle dünner Suppe, in der nicht mehr als zwei Dutzend Getreidekörner schwammen und ein Zehntel Teil eines Brotlaibes. Das Laib Brot wurden jedem zehnten Kriegsgefangenen gegeben, und sehr häufig haben die Stärkeren sich geweigert mit den anderen zu teilen und umso mehr, wenn unter diesen Zehn auch Gefreite nicht russischer Nationalität waren.

Wir übernachteten unter freiem Himmel auf nackter Erde. Jede Nacht gab es Schlägereien unter den Kriegsgefangenen. Kriminelle Banden, die sich dort bildeten, überfielen diese, die einen Vorteil gezogen hatten. Die Kräfte waren ungleich verteilt und häufig erreichten die Banditen ihr Ziel. Indem sie die Opfer entkleideten, nahmen sie ihnen alles weg, was im Lager etwas Wert besaß. Man hörte Hilfeschreie, Flüche. Die Wächter, die auf der Höhe am Rande der Schlucht standen, mischten sich in das Geschehen unten nicht ein und schossen nur ab und zu Signalraketen in die Luft.

Morgens wurde in der Zone das geraubte Eigentum verkauft. Häufig kamen deutsche Soldaten dazu und kauften für Ostmarken [nicht lesbar, d. Ü.] und Brot wertvolle Dinge für sich.

Wegen des Fehlens von Trinkwasser im Lager tranken die Gefangenen Wasser aus dem Bach, der gleichzeitig für die Notdurft diente. Einige bohrten im Kot in der Hoffnung, dort unverdaute Körner zu finden und zu essen.

In diesem höllischen Lager befand ich mich ungefähr zwei Monate, danach kam ich in ein Arbeitslager für Kriegsgefangene im Hinterland der Wehrmacht, das im Zusammenhang mit der Vorwärtsbewegung der kämpfenden Einheiten sich an verschiedenen Orten befand. Hier beluden wir unter Aufsicht von Begleitsoldaten Autos und Waggons mit Nachschub und Heizmaterial, bauten Eisenbahnlinien und Straßen, Verteidigungslinien usw. In diesen Lagern bestand die Ration aus einem Viertel Laib Brot (200 Gr.) und aus einer Schöpfkelle magerer Suppe aus Hirse. Wir wohnten meist in Ställen und Scheunen, seltener in Schuppen und Baracken, und schliefen auf dem Boden.

Im Frühjahr 1943 erkrankte ich an Typhus und kam in eine Isolierbaracke, die sich in der Nähe von Mariupol (Ukraine) befand, wo von der Vielzahl der Kranken, die sich zu dieser Zeit dort befand, nur zwei überlebten. Nach der Gesundung brachte man mich in das Mariupolsker Lager für Kriegsgefangene [Dulag 152?]. In diesem Lager lebten die Kriegsgefangenen in Baracken und unter uns Dreher, Schweißer usw. Wie wir später erfuhren, waren die vom Bau abgezogenen Kriegsgefangene benötigte Spezialisten, die nach Deutschland geschickt wurden, um dort in den Fabriken zu arbeiten. Wir führten unsere schwere Arbeit fort.

Während der Jahre in Gefangenschaft gab es zwei Vorfälle, an deren Folgen ich bis heute physisch leide. Ende Dezember 1942 hielt mich ein besoffener deutscher Wehrmachtangehöriger für einen Juden und schlug mich grausam, was zu einer Beschädigung meines rechten Auges führte. Damit noch nicht zufrieden, schleppte er mich auf den Hof mit der Absicht mich zu erschießen. Nur ein Wunder rettete mich vor dem sicheren Tod. Die Verletzung des rechten Auges führte zu einem Verlust des Augenlichts und ich wurde zum Invaliden der zweiten Kategorie. […]

****

Herr Nazaretjan starb im Frühjahr 2015.

Auch in folgenden Freitagsbriefen wird das Lager Millerowo erwähnt: 178, 214, 309, 354, 381, 437, 458.

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