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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

481. Freitagsbrief (vom Dezember 2010, aus dem Russischen von Dr. Martin Creutzburg).

Russland
Republik Tatarstan
Stadt Sainsk
Sagidulla Nabuillowitsch Nabiullin.

Guten Tag sehr geehrte Herren, es schreibt Ihnen Jakulowa Ajgul. Mein Großvater Sagidulla Nabuillowitsch Nabiullin geriet während des Krieges in Gefangenschaft. Er ist jetzt 100 Jahre alt. Er ist gesund und munter.

Ich möchte Ihnen meine große Dankbarkeit übermitteln, was Sie, Einwohner eines anderen Landes, für unsere Kriegsgefangenen machen. Mein Großvater erhielt Ihre Unterstützung 2008.

Wenn man die Briefe liest, die Sie von ehemaligen Kriegsgefangenen erhielten, füllen sich die Augen mit Tränen, soviel mussten sie erleiden. Möglicherweise hätten sie die Gefangenschaft leichter überstanden, wenn die Heimat sie nach ihrer Rückkehr nicht vergessen hätte!!! Wie viele Erniedrigungen mussten sie in der Heimat ertragen, wie viele erneute Repressionen. Mein Großvater fürchtet bis jetzt, dass jemand kommt, der ihn verhaftet.

Zum Veteranen des Großen Vaterländischen Krieges wurde er erst 2005. Auf dem ersten Kanal kam kürzlich eine Reportage, dass ein Kriegsgefangener diese Urkunde erst 2008 erhielt. Solche gibt es Millionen.In diesem Jahr (unsere ganze Familie und die, die uns helfen) haben wir versucht, die Ehre des Großvaters vor Gericht wieder herzustellen, was daraus wird ist unklar. Vielleicht hilft das ein wenig allen Kriegsgefangenen.

Wenn es für Sie von Interesse ist, lesen Sie den Artikel, der im Internet in der Zeitung „Rossijskaja Gaseta“, Region Wolga-Kama, von Swetlana Brailowskaja erschienen ist: „Ein Hundertjähriger will seinen guten Namen zurück und seine Rente. In Gefangenschaft der Bürokratie“.

So hilft uns auch der Kanal 5 Swesda in Kasan. Ich möchte Ihnen nochmals danken, dass Sie in meinem Großvater einen Menschen sehen, Ihnen Erfolge wünschen.

Hochachtungsvoll Jakulowa Ajgul, Kasan.

Auf der Rückseite des Schreibens befindet sich der oben erwähnte Artikel.

In Gefangenschaft der Bürokratie.

Von Swetlana Brailowskaja, Kasan.

Ein präzedenzloses Verfahren wird im Kasaner Gericht verhandelt: Der 100-jährige Teilnehmer an zwei Kriegen Sagidulla Nabiullin, der in faschistischer Gefangenschaft war, verlangt eine Kompensation dafür, dass man ihn 10 Jahre zu spät als Teilnehmer des Großen Vaterländischen Krieges anerkannte, als dies vorgeschrieben war und bittet, seine Rente neu zu berechnen. Eine konkrete Summe der nicht ausgezahlten Rente ist in der Klage nicht genannt. Den moralischen Wert schätzt der alte Herr auf eine halbe Million Rubel. In erster Linie braucht der alte Herr jedoch ein positives Urteil dafür, dass den Einwohnern seines Heimatdorfes Ballany, Muslumowsker Rayon, Tatarstan bewiesen wird, dass er in feindlicher Gefangenschaft niemand verraten hat und Ehre verdient.

Die Feuerprobe.

Sagidulla war immer überzeugt, dass er ein Sonntagskind ist. Mit acht Jahren wurden er und sein sechsjähriger Bruder und zwei Schwestern, von denen die eine kaum 12 Jahre alt war, Waise. Irgendwie gelang es der älteren Schwester, die Kinder bei sich zu behalten. Sie ersetzte die Mutter. Bald ereignete sich im Dorf ein Brand, das Waisenhaus war mitten drin. Alles ringsum verbrannte, ihr Haus jedoch blieb unbeschädigt.

Als er volljährig wurde, traf er seine erste und einzige Liebe. Amina war vierzehn, sie sammelte Faulbeeren im Garten und warf ihm einen Zweig zu. Die Eltern verboten dem Mädchen, auch nur daran zu denken, dass sie einen Waisenknaben heiraten könne, noch dazu einen besitzlosen Menschen, und verheirateten sie mit dem Vorsitzenden des Dorfsowjets. Den Burschen hielt nun nichts mehr im Dorf. Er lief zu Fuß nach Moskau, aus der Hauptstadt kam er nach Irkutsk, wo er in die Armee eingezogen wurde. Erst nahm er am Finnischen Krieg teil, als der Große Vaterländische begann, kam er an die Front.

In die Gefangenschaft geriet Sagidulla in den ersten Monaten des Krieges. Die Faschisten nahmen einen ganzen Zug voll Gefangener und schickten die sowjetischen Soldaten auf viele Jahre nach Deutschland. Aus der Gefangenschaft wurde er von den Engländern befreit, die übergaben die Soldaten den Amerikanern und diese ihrerseits den sowjetischen Truppen. Bevor sie in die Heimat geschickt wurden, haben die Amerikaner sie gefragt, ob sie wüssten, was sie in der UdSSR erwartet. Da antwortete unser Held, dass er zu allem bereit sei, nur um seine Amina wiederzusehen.

Und sie wartete auf ihn … Zu dieser Zeit war die Frau schon Witwe und erzog zwei Kinder und dazu den Bruder und die Schwester. Für Sagidulla gab es kein größeres Glück, als sie zur Frau zu nehmen. Wenn nicht Amina gewesen wäre, sagen ihre Kinder, hätte der Vater alle Erniedrigungen, die ihn und seine Familie trafen, nicht überlebt. Mit Worten ist das nicht wiederzugeben, wie viele Erniedrigungen er ertragen musste, – berichtet die Tochter des alten Herrn Saida Nabibullina unter Tränen der Korrespondentin der „RG“. „Man nannte uns nur Faschisten, bewarf uns mit Steinen und spuckte ins Gesicht.“ Es kam vor, dass man dem Vater, wenn er in den Laden kam sagte: „Was willst Du hier? Verräter, für Dich gibt es hier nichts!“ Mir scheint, die Erde hält ihn bis heute, damit er mit gutem Ruf sterben kann.

Die Schlacht um Berlin zählt nicht.

Es hätte keine Notwendigkeit gegeben, sich in so hohem Alter zum Gericht zu begeben, wenn man sich im heimatlichen Dorf zu Sagidulla Nabiullin menschlich verhalten hätte. 1991 hat das Präsidium des Obersten Sowjets der RSFSR den historischen Erlass beschlossen, nach dem alle Gefangenen, die nicht mit dem Feind zusammen gearbeitet haben, als Kriegsteilnehmer anerkannt werden. 1995 hat der russische Präsident alle gesetzlichen Rechte für die ehemaligen sowjetischen Kriegsgefangenen wiederhergestellt. Aber Sagidulla Nabiullin erhielt im Musljumowsker Wehrkreiskommando die ihm zustehenden Vergünstigungen und das Sozialpaket erst vom Präsidenten Tatarstans, der die Veteranen der Republik mit den Medaillen „Für den Sieg über Deutschland 1941–1945“ und „Für den Sieg über Japan“ ausgezeichnet hat. Das war nur ein geringer Zuschlag zur Altersrente. Aber die russische Urkunde als Teilnehmer des Großen Vaterländischen [Krieges] bekam der alte Herr nicht. Warum? Die Frage ist bis heute unbeantwortet. Wenn es kein Dokument gibt, gibt es keine Rente und keine Vergünstigungen. So lebte der alte Mann all die Jahre von seiner minimalen Altersrente von 2800 Rubel.

Der alte Herr wurde zu Verhören fast bis zum 80. Lebensjahr vorgeladen, in diesen langen Jahren fanden die Militärs keinerlei kompromittierende Tatsachen. Sodass er mit vollem Recht sich Teilnehmer am Großen Vaterländischen Krieg nennen könnte. Aber die ersehnte Urkunde erhielt Sagidulla erst zehn Jahre später und dies auch nur, weil sich der Rat der Veteranen einmischte, die Presse und der Leiter des Museums des Großen Vaterländischen Kriegs in Kasan, Michail Tscherepanow.

Die Auszahlung der Rente an den Veteranen wurde vom Musljumower Wehrkreiskommando verweigert, weil Sagidulla Nabiullowitsch keine Originaldokumente über seinen Armeedienst und die Zeit der Gefangenschaft vorweisen konnte, – teilte Tscherepanow dem Korrespondenten der „RZ“ mit. – Eine Anfrage an das Archiv zu schicken bequemte sich das Wehrkreiskommando erst nach eindringlicher Bitte der Verwandten und dem Engagement der Redaktion des Buches der Erinnerung 10 Jahre später, im April 2005. Michail Tscherepanow, der half, die Namen von Dutzenden von Soldaten zu finden, die vermisst waren und vielen Veteranen half, die ihnen zustehenden Auszeichnungen und Vergünstigungen zu bekommen, ist über die Herzlosigkeit der Mitarbeiter des Wehrkreises empört, die sie gegenüber Sagidulla Nabiullowitsch zeigten.

– Im Musljumowsker Wehrkreis wurden die Dokumente, die in der Personalakte Nabiullins im Nationalarchiv Tatarstans liegen, ignoriert, die bestätigen, dass er an den Kampfhandlungen in Finnland teilgenommen hatte. Kaum, dass er nach Hause zurückgekehrt war, wurde er 1941 wieder eingezogen. Im September geriet er an der Kalininer Front in einen Kessel und geriet in Gefangenschaft und befand sich in Lagern für Kriegsgefangene im Baltikum und in Deutschland. Es gibt Zeugen, dass er unseren Soldaten half, aus der Gefangenschaft zu fliehen. Nach seiner Befreiung hat Sagidulla noch am Sturm auf Berlin teilgenommen. Danach viele Jahrzehnte die Verhöre im Heimatland. Hat er denn nicht genug erlebt? Mehr noch, man hätte ihm 1970, als er auf Rente ging, auf der Grundlage der Eintragungen in seinem Wehrpass die Rente eines Kriegsveteranen zahlen müssen. Nabiullin war kein Opfer politischer Repressionen, er kehrte sofort nach der Armeezeit nach Hause zurück und arbeitete im Heimatdorf. Der Wehrkreis des Musljumower Rayons hat die Rechte des Veteranen schon 1970 verletzt!

Das heißt, dass er das Recht auf Kompensation hat – moralischer und materieller Art – er hat das Recht dafür vom Tag des Beginns seiner Rente an. Ich weiß das, weil mein eigener Großvater, Michail Iwanowitsch, auch in Gefangenschaft war und die Rente als Kriegsveteran vom Tage des Beginns seiner Altersrente erhielt.

Als erste entschuldigten sich die Deutschen.

Der Korrespondent der „RZ“ hat Kontakt zum Wehrkreis der Sarmanower und Musljumower Gebiete Daschgan Hassan aufgenommen. Es zeigte sich, dass er erst seit einem Jahr diese Position einnimmt, aber über den Fall Nabiullins informiert ist. Ich war schockiert darüber, was passiert ist. Ich schäme mich für meine Vorgänger, die so etwas zugelassen haben. Ich möchte mich bei dem Veteran entschuldigen, dass er so etwas überstehen musste.

Im Oktober diesen Jahres hat das Gebietsgericht Kasans die Klage des alten Herrn abgelehnt. Entsprechend den heutigen Beschlüssen hätte der Rentner sich selbst um den Erhalt der Urkunde und der Rente bemühen müssen, indem er Anträge schreibt und nicht auf Kulanz des Wehrkreises wartet. Das Oberste Gericht Tatarstans, an das sich die Töchter des Kriegsveteranen mit Widerspruch zum Urteil wandten, hat allerdings das Urteil kassiert und sich auf die Seite Sagidulla Nabiullins gestellt und die Sache zur erneuten Behandlung angewiesen.

2008 erhielt Nabiullin einen Brief aus Deutschland, in dem ein Verein sich für das gesamte deutsche Volk für die Schmerzen, die ihm beigebracht wurden, entschuldigte. Die Worte der Entschuldigung bekräftigten die Deutschen mit 300 Euro und baten sie nicht für eine solche Kleinigkeit zu tadeln, denn das Geld für die ehemaligen Kriegsgefangenen wurde von ihnen als Spende eingesammelt.

Erschienen auf der Internetsaite der „Russischen Zeitung“ 10. Dezember 2010.

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Sagidulla Nabuillowitsch Nabiullin starb im Jahre 2012 [Freitagsbrief-Redaktion].

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