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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

480. Freitagsbrief (vom Juli 2015, aus dem Russischen von Jennie Seitz).

Herr Lobatschew schickte uns einen Zeitungsartikel mit der Überschrift „Nein zum Krieg, Ja zum Frieden!“

Artikel über Fjodor Lawrentjewitsch Lobatschew, Belarus.

Kürzlich besuchten Mitarbeiter des Zentrums für Sozialbetreuung den Veteranen des Großen Vaterländischen Krieges und Teilnehmer an der „Operation Bagration“ [*] Fjodor Lawrentjewitsch Lobatschew.

Fjodor Lawrentjewitsch bat die Besucher in ein Zimmer, das er witzelnd als MMM bezeichnet – „Mein Miniaturmuseum“. Hier hängen an den Wänden Fotos von den Kindern und Enkelkindern, eingerahmte Basteleien von Schülern der Mittelschule Nr. 4 und Kindern aus der Schule in Paritschi, Gratulationsbriefe zum Tag des Sieges vom Bautrust Nr. 20. Er verlor nie den Kontakt zu seinem Arbeitskollektiv, in dem er seit 1963 als Vorarbeiter der Mosaiklegerbrigade zusammengearbeitet hatte. Und beim Unternehmen vergisst man ihn auch nicht. Ruft von Zeit zu Zeit an, erkundigt sich nach der Gesundheit. Gerade richtig zum Tag des Sieges wurde das Schlafzimmer renoviert, und für den kommenden Frühling ist die Renovierung des Wohnzimmers geplant.

Fjodor Lawrentjewitsch erhält, wie alle Veteranen im Swetlogorskij Rajon, die notwendige medizinische Versorgung, kostenlose Medikamente, Kurbehandlungen im Sanatorium – ein Komplettpaket der Sozialhilfe, das der Staat den Veteranen des Großen Vaterländischen Krieges zur Verfügung stellt. [**]

Fjodor Lawrentjewitsch ist 1923 geboren. 1944 wurde er bei Kämpfen nahe dem Dorf Polesje schwer verwundet. Nach einem Gegenangriff der Faschisten musste seine Unterabteilung zurückweichen. Und Lobatschew galt als gefallen. Seine Mutter bekam eine Sterbenotiz mit der Benachrichtigung über den Tod ihres Sohnes: „Ihr Sohn, Unterleutnant, Kommandeur des Schützenzuges Lobatschew Fjodor Lawrentjewitsch, geboren in der Stadt Surash in der Oblast Orlowskaja, wurde am 2. Februar 1944 im Kampf für das sozialistische Vaterland, dem Soldateneid treu dienend, getötet […]. Sein Name steht bis heute auf der Granittafel des Soldatengrabes in der Nähe des Dorfes Polesje.

Fjodor Lawrentjewitsch erinnert sich, dass er zu sich kam, als er einen heftigen Ruck verspürte. Nach der Verwundung im Kampf hatte er das Bewusstsein verloren. Er erwachte, als ein deutscher Soldat versuchte, ihm das Gewehr abzunehmen und dabei seinen Körper umdrehte. Durch diesen Ruck wieder erwacht, bat Lobatschew um Wasser. Als er jemanden auf Deutsch reden hörte, schlug er die Augen auf und blickte geradewegs in den Lauf einer Signalpistole. Der Februarnachthimmel war von Sternen erleuchtet. Lobatschew wurde in einen deutschen Unterstand geschleppt. Der junge deutsche Soldat rief per Telefon den Offizier.

„Ich lag im Durchgang und konnte ihn mit ausgestrecktem Arm berühren“, erinnert sich Fjodor Lawrentjewitsch. „Er war genau so ein Jungspund wie ich. Ich deute auf meine Lippen, will zeigen, dass ich Durst habe. Er öffnet seien Rucksack und gibt mir ein Stück Brot – seine eigene Ration. Ich deute wieder auf meine Lippen. Der Deutsche holt eine Zigarette raus. Sie bekamen sechs Zigaretten pro Tag, und eine davon gab er mir. Erst beim dritten Mal verstand er, was ich brauche. Er goss etwas Wasser in eine Tasse, ich leerte sie. Ich bat um mehr, er goss nochmal ein. Eine dritte bekam ich aber nicht mehr.“

Im Stabsquartier, in das man Lobatschew daraufhin brachte, wurde er von einem russischen Offizier verhört, der die Seiten gewechselt hatte. Hier wurde ein ganz anderer Ton angeschlagen. Man prügelte mit Fäusten Informationen zu Stellungen der Kriegstechnik und der Mannschaftsstärke aus Lobatschew. Nach dem Verhör kam er in irgendeiner Scheune zu sich. Lobatschew kam ins Kriegsgefangenenlager in Bobrujsk [Stalag 373], von dort aus wurde er ins Konzentrationslager Hohenstein in Ostpreußen [Stalag IB] überführt. Dort musste er fast ein Jahr Quälereien und Hunger erdulden.

Heute ist Fjodor Lawrentjewitsch im Veteranenverein aktiv, hält vor Schülern Vorträge über die Grausamkeiten des Krieges und die Tapferkeit der sowjetischen Soldaten. Seine Erzählungen sind erfüllt von einer erstaunlichen Lebendigkeit und sind dadurch überaus eindringlich und bewegend.

„1942 lagen wir in irgendeinem Sumpf“, erzählt Fjodor Lawrentjewitsch. „Die Sonne wärmt, die Deutschen rufen uns von ihren Stellungen aus zu: ‚Rus, kom!‘, und bedeuten uns, aus unseren Löchern zu kommen. Wir kriechen langsam raus, lassen die nassen Flanken trocknen. Und auch die Deutschen kommen zum Wärmen raus. Unser Offizier war bei uns Soldaten, ihrer nicht. Wir liegen also in der Sonne, da rufen sie wieder: ‚Rus, ap, Ofizir!‘. Wir wussten schon, dass dann der deutsche Offizier kommt und sie anfangen zu schießen.“

Die Erinnerungen Fjodor Lawrentjewitschs gehen unter die Haut. Buchstäblich alle von ihnen sind durchdrungen von dem, was er für den Menschen für wichtig hält: „Das Wichtigste für einen Menschen ist, dass die Sonne ihn wärmt, dass er in einem trockenen und warmen Zuhause leben kann. Dass er sauberes Wasser und ein Stück Brot hat, und dass die Menschen sich nicht gegenseitig umbringen. Fragen Sie jeden Frontkämpfer danach, jeden Menschen, der die Schrecken des Krieges erlebt hat, und Sie werden es überall bestätigt finden. Heute denken auch die deutschen Veteranen so.“ Und er will der heutigenJugend den Friedensgedanken nahebringen, aus deneigenen begangenen Fehlern zu lernen, den Kontakt zu ehemaligen sowjetischen Soldaten des Zweiten Weltkrieges zu suchen. Schon seit geraumer Zeit führen Repräsentanten des deutschen gemeinnützigen Vereins „KONTAKTE-KOHTAKTbI“ einen Briefwechsel mit Lobatschew. In einem der Briefe sandten sie ein Foto des Massengrabes an der Stelle des ehemaligen Konzentrationslagers Hohenstein, wo (Achtung!) Fjodor Lawrentjewitsch Lobatschew beerdigt wurde! Lägen die Dinge anders, könnte man sagen, das Schicksal habe Lobatschew einen Streich gespielt. Aber heute lächelt der 91jährige Lobatschew seinem Schicksal zu, das ihn zweimal offiziell beerdigt hat – im Soldatengrab in Polesje und in einem Massengrab im ehemaligen Ostpreußen. Auf die Bitte, etwas über sich zu berichten, schrieb Lobatschew: „Von ganzem Herzen danke ich Ihnen für Ihren warmherzigen und ehrlichen Brief. Ihnen schreibt der ehemalige Kriegsgefangene Lobatschew Fjodor Lawrentjewitsch. Ich wünsche mir Frieden und Freundschaft zwischen den Völkern unseres Planeten. Und über Ihre Organisation ‚Kontakte‘ möchte ich mich an das deutsche Volk und die gesamte Welt richten, insbesondere an die Jugend: ‚Nein zum Krieg, Ja zum Frieden!‘ Ja, ich habe alles abbekommen, was das Aasluder Krieg zu bieten hat. Ich wurde fünf Mal verwundet, ich wäre fast ertrunken, erfroren, erschossen worden, verhungert in den faschistischen Todeslagern Bobrujsk (Belarus) und Hohenstein (Ostpreußen, Stalag IB). Und darum fürchte ich den Krieg, fürchte ihn nicht um meinetwillen. Ich bin schon 91 Jahre alt. Ich habe Angst um die Jugend, um unsere Kinder und Enkelkinder. Noch einmal: ‚Nein zum Krieg, Ja zum Frieden!‘

Hochachtungsvoll

Fjodor Lawrentjewitsch Lobatschew“.

Verfasst von Dmitrij Chomizewitsch.

[Mit Foto von F. L. Lobatschew].

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[*] „Operation Bagration“: Am 22.06.1944 begann der sowjetische Angriff auf die Heeresgruppe Mitte, der zur bis dahin schwersten Niederlage der Wehrmacht führte.

[**] Mit zunehmender Wirtschaftskrise wurden in Belarus die Sozialleistungen für Kriegsveteranen gekürzt.

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