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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

479. Freitagsbrief (vom Februar 2009, aus dem Russischen von Valerie Engler).

Gawril Jakowlewitsch Sacharow
Gebiet Samara
Russland.

Guten Tag, sehr geehrte Herren Gottfried, Eberhard und Dmitri!

Ich, Gawril Jakowlewitsch Sacharow, möchte den Erhalt Ihres Briefes und der humanitären finanziellen Hilfe bestätigen. Ihnen und allen Mitgliedern Ihres Vereins gilt mein Dank […]! Auf Ihre Bitte hin möchte ich kurz meine Lebensgeschichte schildern, vor allem den Teil, der in die Zeit des Zweiten Weltkriegs fällt.

Ich wurde am 7. April 1924 in Bykowka, Bezirk Koschkij, Gebiet Kujbyschew (heute Samara) geboren. Im August 1942 wurde ich zum aktiven Armeedienst eingezogen. Vom 26. Panzer- Ausbildungsregiment in Uljanowsk kam ich nach Nischnij Tagil, wo ein Angriffsregiment formiert wurde, das der ersten Panzerarmee angegliedert wurde. Wir wurden in Nischnij Tagil zu Panzerbesatzungen formiert, bekamen Panzer T-34 und wurden von dort im März 1943 nach Belgorod im Gebiet Kursk verlegt (später nahm ich an der wichtigen Schlacht teil, die als „Schlacht am Kursker Bogen“ bekannt wurde).

Um die bevorstehende militärische Operation zu verheimlichen, wurden die Panzer gleich nach der Ankunft eingegraben, was General G. K. Shukow persönlich überprüfte. Drei Monate befanden wir uns in Verteidigungsstellung. Die ersten Gefechte, an denen ich teilnahm, waren in der Prochorow-Steppe. An den Schlachten waren starke Panzerkräfte beteiligt (etwa 1000 Panzer auf jeder Seite). Unser Regiment hieß 59. Sonder-Angriffspanzerregiment. Ich war Panzerfahrer. In der Nacht vom vierten auf den fünften Juli unterlief General Bargomjan, dem Kommandeur der ersten Panzerarmee, während eines Angriffs der Deutschen ein strategischer Fehler, infolgedessen unser Regiment eingekesselt wurde.

Am 9. August 1943 geriet ich in Gefangenschaft. Ich wurde über Kiew nach Deutschland gebracht, in die Hafenstadt Lübeck, wo ich zur Zwangsarbeit eingesetzt wurde, genauer gesagt war ich mal Lastträger im Hafen, mal war ich bei Reparaturarbeiten der Anfahrtswege zu den Militärflugplätzen eingesetzt etc. Aus Lübeck wurde ich im November 1944 in die Berge überführt, in die Nähe von Alberstadt [Halberstadt], zur Arbeit im Stollen. Nicht weit von uns befand sich ein Konzentrationslager, dessen Häftlinge auch im Bergwerk arbeiteten. Fast bei jeder Schicht starben zwei bis drei Menschen, die der schweren Arbeit und dem Hunger erlagen. Ich möchte Ihnen ein Gedicht der Gefangenen zitieren, aus dem hervorgeht, was es bedeutete, in der Gefangenschaft zu leben und zu arbeiten.

„Ich erzähle Euch, wie es uns in der Gefangenschaft und in den Lagern erging,
Wie die Deutschen Hunde auf uns gehetzt
Und die Polizisten uns schlugen.
Sie versprachen uns Essen und Trinken
und Arbeit bei den Bauern,
aber in welch Elendsquartier haben sie uns getrieben
dass wir kaum einen Fuß vor den anderen setzen konnten.
Wir wurden gefüttert wie das Vieh vor der Schlachtung
200 Gramm Brot mit Holzspänen
und ein halber Liter Balanda mit Grünzeug.“ [Original in Reimform].

Am 13. April wurde ich von den Alliierten, von den Amerikanern, befreit. Wir gingen die 200 km bis nach Berlin zu Fuß, dort durchlief ich die Überprüfung der Sondereinheit. Danach wurde ich wieder in die Armee eingezogen, ich kämpfte in Berlin, wo ich verwundet wurde. 1946 war ich sieben Monate lang zur Behandlung im Lazarett ZKG 19-15 in Potsdam. Nach der Genesung kam ich vor die Kommission und wurde mit einem Sanitätstransport in die UdSSR entlassen. Im Sommer 1947 kam ich nach Hause und traf meine Eltern wieder. Das friedliche, bürgerliche Leben begann. Ich heiratete, wir bekamen drei Kinder. Ich wohnte im der Kreishauptstadt, in Koschki im Gebiet Kujbyschew und arbeitete im KfZ-Wesen, dreizehn Jahre als Fahrer, dann als Leiter des Autofuhrparks.

1984 bin ich in Rente gegangen. Heute lebe ich bei der Familie meiner Tochter in Pribreshnyj am malerischen Ufer der Wolga.

Gawril Jakowlewitsch Sacharow.

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