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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

478. Freitagsbrief (vom Februar 2012, aus dem Russischen von Jennie Seitz).

Petr Jegorowitsch Borissow (Vater)
Uljanowskaja oblast
Gebiet Uljanow
Russland.

an
Wladimir Petrowitsch Borissow (Sohn)
Belarus, Minsk.

Die Aufzeichnungen des Vaters wurden uns nach einer längeren Korrespondenzvom Sohn geschickt. Der Vater starb 2010.(Die Redaktion).

[Brief an den Sohn].

Gruß aus Pospelowka.

Hallo Wowa, Walja, Petja, Natascha und Sascha. Ich sende Euch einen riesigen Gruß und wünsche Euch alles Gute und vor allen Dingen Gesundheit. Wowa, ich habe mich doch dazu entschlossen, aufzuschreiben, wozu Du mich gedrängt hast. Also gut, ich schreibe Dir, was ich kann. Ich weiß nicht, ob das einen Sinn hat, aber gut. Wo soll ich anfangen. Das ist schon lange her und ich habe schon vieles vergessen. Gefangengenommen wurde ich am 1. August 1942 bei Salsk, Bahnstation Turbizkaja. Von Salsk wurden wir nach Batajsk bei Rostow getrieben, von Batajsk aus brachten sie uns nach Tagan Rog, von Tagan Rog aus nach Schepitowka in der Ukraine. Dann kamen wir nach Nowograd-Wolynskij, dann nach Gorodniza in der Nähe von Nowograd. Dort verbrachten wir den ganzen Winter '42-'43. Drei Kilometer weit jagten sie uns zum Bäumeschlagen. Im Mai '43 brachte man uns nach Deutschland, in die Stadt Meppen [Stalag VIB], und von da aus wurden wir in verschiedene Orte in Deutschland geschickt. Ich meine, dort hat man uns neu registriert, wir bekamen Nummern an die Brust, meine war 50346. Eine Unterschrift und ein Fingerabdruck kam darauf – das war, damit wir uns von den deutschen Frauen fernhielten und nicht klauten. Wer sich nicht an diese Regeln hielt, wurde gehängt. So war das. Von Meppen aus brachten sie uns nach Duisburg. Wir wurden sofort in irgendeine Schule gepfercht und von da aus durch die ganze Stadt zum Aufräumen der Ruinen, die die amerikanischen Bombenangriffe hinterlassen hatten, getrieben. Wir wurden auf verschiedene Gruppen aufgeteilt. Dort arbeiteten wir gemeinsam mit älteren Deutschen und Soldaten aus der Arbeitsarmee [KZ-Häftlinge?]. Einer von ihnen nahm mich mit, und wir arbeiteten zusammen in einer Glaserei. Er hieß Fritz Dimanz. Dann wurden wir nach Düsseldorf getrieben, mussten verschiedene Arbeiten machen, sie scheuchten uns jedenfalls nach den Bombardierungen durch die ganze Stadt. Dann brachten sie uns nach Remscheid. Dort hielten sie uns in einem Keller und verteilten uns auf verschiedene Arbeiten. Ich hatte mich als Tischler gemeldet, und so musste ich in meinem Beruf arbeiten. Bei einem Chef, der Richard Bertrams hieß, in der Blumenstraße. Und dann bauten wir das Haus eines Medizinprofessors wieder auf, das durch Bomben zerstört worden war, in der Stephanstraße. Von Remscheid aus brachte man uns nach Essen-Werden. Zum Arbeiten wurden wir nach Essen gebracht, wir bauten einen Luftschutzbunker, er hieß Fersen Kela und befand sich neben der Bierbrauerei Bawaria. Dann trieben sie uns nach Münster, auch zu verschiedenen Hilfsarbeiten. Gewohnt haben wir dort in Baracken, nebenan war eine deutsche Arbeitsarmee, das Unternehmen „Esto“ [?]. Die Soldaten nannten diesen Ort „Belkin-Kaserne“. Zum Arbeiten trieben sie uns zu den Schlieffenkasernen, zu Gleisreparaturen am Bahnhof, und zu verschiedenen anderen Arbeiten. Ende März '45 trieben sie uns von Münster aus nach Neuenhaus. Und da befreiten uns am 4. April 1945 die Amerikaner. Aus Neuenhaus wurden wir in einem Panzerlager [zu] 20000 [Mann] versammelt. Von den Amerikanern wurden wir in die sowjetische Besatzungszone gebracht, nach Goldberg, wo ich überprüft und zurück zum Dienst gebracht wurde. Ich diente in Rathenow, in der Nähe von Brandenburg. Am 31. Mai 1946 kehrte ich zurück nach Pospelowka.

Wowa, jetzt habe ich alles aufgeschrieben, aber was du mit diesem Brief anfangen willst, weiß ich nicht. Wowa, ich schicke dir ein Dokument, das ich aus dem Archiv in Moskau bekommen habe. Du kannst damit machen, was du willst, ich kann nichts mehr tun. Das wäre es, auf Wiedersehen.

21. Januar.

Papa.

Sagt allen einen herzlichen Gruß.

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