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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

477. Freitagsbrief (vom August 2015, aus dem Russischen von Jennie Seitz).

Aleksey Jefimowitsch Scharaj
Tschernigow
Ukraine.

Von dem ehemaligen Kriegsgefangenen des Krieges 1941–1945 Scharaj A. Je., Über den Verbleib in Gefangenschaft in Deutschland 1942–1945.

Ich, Scharaj A. Je., wurde 1941 in die Armee einberufen und im April 1942 an die Krim-Front geschickt. Am 22. Mai 1942 wurde in gefangengenommen. Die erste Zeit der Gefangenschaft verbrachte ich in großen Kriegsgefangenenlagern in Kowel-Cholm [Stalag 319]. Dann wurde ich zusammen mit einer Gruppe von 40 Mann aus dem Lager in Cholm nach Deutschland gebracht, in ein Lager bei Berlin zum Arbeiten bei der Verlegung einer Stromleitung von Berlin in Richtung Hamburg. Wir wohnten in einem Kriegsgefangenenlager neben vielen Polen. Jeden Tag wurden wir unter Bewachung zur Arbeit gebracht. Unsere Aufgabe bestand darin, den Graben auszuheben, die Kabel hineinzulegen und sie wieder mit Erde zu bedecken. In dieser Zeit bekam ich vom Hunger schlimme Schwellungen, und das Arbeiten fiel mir sehr schwer. Eines Morgens sah mich der Unteroffizier des Konvois, als ich kurz stehenblieb, um auszuruhen. Er kam sofort zu mir, beschimpfte mich und stieß mir sein Gewehr in den Rücken, damit ich weiterarbeitete. In diesem Moment hielt direkt vor mir ein Auto an, das eine weitere Kabelrolle brachte. Der Fahrer des Autos hatte beobachtet, wie der Unteroffizier mich mit dem Gewehr gestoßen hatte. Als der Unteroffizier weg war, kam der Fahrer auf mich zu und fragte, warum er mich mit dem Gewehr gestoßen hätte. Ich zeigte dem Fahrer die Schwellungen an meinen Beinen, am Bauch und dem ganzen Körper, klagte, dass ich Mühe hätte zu arbeiten. Der Fahrer erwiderte, ich solle die Arbeit sein lassen und mich in die Fahrerkabine setzen. Ich lehnte erst ab, aber er überredete mich.

Als das Kabel abgeladen war, fuhr der Fahrer mit mir weg und brachte mich ins Hospital des Internationalen Roten Kreuzes in Berlin [Lazarett für Kriegsgefangene Res-Lazarett 119 in Neukölln?]. Dort wurden Briten, Franzosen, Belgier und ein paar wenige Russen behandelt.

Ich blieb etwa einen Monat lang. Meine Schwellungen gingen zurück, ich konnte mich ausruhen und kam wieder zu Kräften. Dann wurde ich wieder in dasselbe Lager zum Kabelverlegen geschickt. Nach kurzer Zeit brachte man mich mit einer Gruppe von 20 Mann nach Bergwitz, wo wir bei der Instandsetzung eines Kühlwasserbeckens arbeiten mussten, das zur Kühlung der Instrumente einer Radaranlage verwendet wurde, und bei anderen Bau- und Reparaturmaßnahmen. Nach einer Weile wurden wir erneut aufgeteilt, woraufhin ich mit einer Gruppe von 10 Mann als Bauhilfsarbeiter nach Dittmannsdorf geschickt wurde (Erdarbeiten bei Fundamentlegungen, Transport von Ziegelsteinen zum Ort der Verwendung, Anfertigen von Mörtel und andere Hilfsarbeiten).

Gewohnt haben wir in einem leer stehenden Raum bei einem der Dorfbewohner. Rundherum war Stacheldraht gespannt, und nachts wurde die Tür abgeschlossen.

Ernährt haben wir uns von dem, was einer der 10 Gefangenen für uns kochte. Wir wählten dafür den Ältesten von uns aus, so musste er nicht arbeiten gehen, sondern kochte für uns das Essen. Lebensmittel – Rüben, Kartoffeln, Weizengrütze für Suppen und irgendetwas Brotähnliches – brachte man uns aus der Firma, für die wir arbeiteten. Unser Meister hieß Rockhausen.

In Dittmannsdorf arbeiteten wir bis zum 30. April 1945. Am 1. Mai 1945 marschierte die sowjetische Armee in Dittmannsdorf ein, und wir wurden auf unsere Bitte hin in das 424. Garde-Panzerartillerieregiment der 1. Ukrainischen Front aufgenommen. In den Reihen dieses Regiments zogen wir in die Tschechoslowakei, um den aufständischen Tschechen zur Seite zu stehen. Am 8. Mai 1945 marschierten wir in Prag ein und erlebten dort das Ende des Krieges.

Mit herzlichen Grüßen und in Dankbarkeit

Scharaj A. Je. [Unterschrift].

[Anbei Kopie des Kriegsveteranenausweises].

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