Direkt zum Navigationsmenü.


KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

475. Freitagsbrief (vom 23. Dezember 2008, aus dem Russischen von Gisela Niedermeyer).

Iskander Garifowitsch Nurejew
Russland
Baschkortostan.

Das Leben zu leben ist nicht dasselbe wie ein Feld zu durchschreiten. Russische Redewendung
[Frei übersetzt: Das Leben ist kein Zuckerschlecken]

[…]

Doch all unsere Vorsichtsmaßnahmen erwiesen sich als vergebens. Als wir gegen Morgen durch Lärm und laute Gespräche aufwachten, standen vor uns bewaffnete deutsche Soldaten und Ortsbewohner (später erfuhr ich, dass es ehemalige Aizsargi waren, litauische Nazis). Sie hatten, wie sich herausstellte, das Feld in einer dichten Kette durchkämmt. So gerieten wir in Gefangenschaft. Dieses für uns schreckliche Ereignis trug sich Mitte Juli 1941 zu.

Nachdem sie uns durchsucht hatten, führten uns mehrere Soldaten in ein Dorf. Im Keller eines Hauses, in welches sie uns brachten, befanden sich bereits ungefähr fünfzig inhaftierte Rotarmisten. Wir mussten einen ganzen Tag in dem Keller verbringen, dann wurden wir hungrig und kaum bewegungsfähig auf Lastkraftwagen verladen und zusammen mit Bewachern zur ostpreussischen Grenze gefahren.

In einem Grenzgebäude unterzogen sie uns einer erneuten Durchsuchung. Sie nahmen uns alle mitgeführten Gegenstände ab – Taschenmesser, kleine Spiegel usw. Dann führten sie uns, eingekreist von einer Wachhundestaffel, zu Fuß in ein Lager in der Nähe von Tilsit (heute Sowjetsk). Hier befanden sich mehrere große Kriegsgefangenenlager. Diese Lager waren mit zweireihigem Stacheldraht umzäunt. Wir erfuhren, dass in jedem Lager 8000–10000 Häftlinge interniert waren. An den Ecken des Lagergeländes standen Türme mit Wachposten, die mit Maschinengewehren ausgerüstet waren. Außerdem patrouillierten entlang der vier Lagerseiten deutsche Wächter mit Hunden. Das Leben im Lager war schrecklich und unmenschlich. Die Häftlinge mussten den ganzen Tag in der Sonne brüten. Nirgends Schatten. Es gab zudem kein Wasser. Der Durst quälte, die Hitze quälte, der Hunger quälte. Dann begannen sie, Essen auszugeben, zweimal pro Tag – morgens einen halben Liter so genannte Suppe, die aus kaum erhitztem Wasser und zwei-drei Stückchen Kohlblättern bestand, abends je 200 Gramm Brot, das zu 90 % aus Zuckerrübenblättern bestand. Das war kein Brot, sondern eine zähe Masse, die an Lehm zum Verschmieren von Hauswänden erinnerte. So sah die tägliche Verpflegungsration der Kriegsgefangenen aus. Stark geschwächt stellten wir schon bald das Gehen fast vollständig ein. Wir saßen oder lagen tagelang erstarrt und halb bewusstlos auf der nackten Erde. Wir hatten kaum Kraft aufzustehen. In unserem Kopf drehte sich alles.

Die Essenausgabe war schlecht organisiert, wenn man das, was wir erhielten, überhaupt Essen nennen kann. Es kam zu Unruhen. Viele Häftlinge bekamen noch nicht einmal diese kärgliche Portion ab. Um Essen zu erhalten, stellten sich alle in einer Kolonne Schulter an Schulter in Fünferreihen auf. Auf dem Weg zur Essenverteilungsstelle erhielt der in der Reihe ganz außen Stehende einen Laib Brot für insgesamt fünf Mann. Während die Reihe zur Seite trat, wurde dieser Laib dann in fünf gleich große Stücke geteilt. Es gab allerdings auch gewissenlose Häftlinge, die, wenn sie, ganz außen stehend, einen Laib Brot entgegengenommen hatten, schnell zur Seite traten und sich in der vielköpfigen Menge versteckten. Die übrigen vier gingen dann leer aus. Ich hatte Glück. Ich kam zu einer Gruppe älterer Männer – Arbeiter eines Baubataillons, die befestigte Stellungen in der Nähe der Grenze bauten. Sie stammten alle aus ein und demselben Dorf. Deshalb herrschte in unserer Fünfergruppe ein sehr freundschaftliches Verhältnis. Alles verlief bei uns normal.

Einmal schafften die Deutschen mehrere Fässer mit Trinkwasser ins Lager. Die vor Durst sterbenden Häftlinge stürzten sich darauf. Da diese Fässer nahe an der Sperrzone neben den Drahtzäunen standen, betraten zahlreiche Häftlinge ungewollt die Sperrzone, woraufhin die Wachposten auf dem Turm sofort mit Maschinengewehren auf sie schossen, so dass viele wegen eines einzigen Schlucks Wasser starben.

Es vergingen ungefähr zwei Wochen. Wir wurden wieder in Waggons verladen und nach Deutschland ins Landesinnere gebracht. Die Waggons waren mit Häftlingen derart vollgestopft, dass man nur mit untergeschlagenen Beinen sitzen konnte. Es war sehr stickig darin. Es gab weder Brot noch Wasser.

Unterwegs stürmten an Haltestellen häufig deutsche Soldaten in die Waggons und verprügelten uns, wobei ihnen Nichtigkeiten als Anlass dienten. Dies geschah auch in unserem Waggon. Im Boden des Waggons befand sich ein kleines Loch. Die Deutschen behaupteten, dass dies unser Werk sei, und verlangten von uns, alle Messer abzugeben (sie glaubten, dass wir das Loch mit einem Messer geschnitten hätten). Wir alle schwiegen. Sein Messer abzugeben, hätte bedeutet, sich schuldig zu bekennen. Als die Deutschen sahen, dass wir ihre Befehle nicht ausführen, schlugen sie mit dem Lauf ihrer Gewehre auf uns ein. Ich saß in einer Ecke des Waggons und wartete nicht solange, bis sie zu mir kommen würden. Es gelang mir, mein Taschenmesser im Kragen meines Uniformmantels zu verstecken. Die Wachsoldaten verließen, weil sie nichts fanden, schimpfend den Waggon. Später hat mir mein Taschenmesser sehr geholfen. Es ließ sich zusammenklappen und hatte vielerlei nützliche Dinge (kleines Messer, Ahle, Schraubenzieher, Büchsenöffner u.ä.). Ich tauschte es später im Lager bei einem französischen Kriegsgefangenen gegen zwei Päckchen Zigaretten ein und gab die Zigaretten wiederum unserem Lagerkoch. Dafür brachte er mir manchmal ein Stück Brot oder eine Suppe im Henkeltopf.

Dann überstellten sie uns in das Großlager Bergen-Belsen [Stalag XIC (311)] und brachten uns in ehemaligen Pferdeställen mit strohbedecktem Boden ohne Pritschen unter. In diesem Lager mussten wir uns alle ausziehen. Sie nahmen uns unsere gesamte Kleidung und die Lederstiefel ab und gaben uns stattdessen alte, zerrissene Jacken und Hosen mit der Aufschrift „SU“ in Großbuchstaben [Sowjet Union]. Diese Aufschrift befand sich bei den Jacken hinten auf dem Rücken und vorne auf der Brust, bei den Hosen in Kniehöhe sowie auf der Mütze. Für die Füße gaben sie uns Holzpantinen, die sehr unbequem waren. Gleich am ersten Tag liefen wir unsere Füße darin wund. Gehen konnte man darin nur langsam.

Während unseres Aufenthalts in diesem Lager führte man uns mehrmals mit einer Eskorte zum Bahnhof, um lange Holzbohlen zu holen, die, wie es hieß, für den Bau von Häftlingsbaracken bestimmt waren. Um eine einzige Bohle zu transportieren, mussten 8–10 Mann anfassen – so schwach waren wir. Im Gehen hinter der Kolonne zurückzubleiben war nicht erlaubt, es wurde sofort geschossen. Deshalb mussten wir nicht selten mit der Bohle einen entkräfteten Kameraden mitziehen, der kaum einen Fuß vor den anderen brachte. Auf diese Weise retteten wir ihn vor dem sicheren Tod.

In Bergen-Belsen wurden wir erstmals registriert. Jeder von uns bekam ein persönliches Kennzeichen – eine Metallplakette mit der jeweils zugewiesenen Nummer, die wir am Hals, über der Kleidung, tragen mussten. Meine Nummer war die 1426. Ab sofort waren wir für die Deutschen nur noch Häftlinge mit Nummer, ohne Vor- und Nachname. Unsere Namen tauchten lediglich in den Fragebögen auf. Ich hatte mich eingetragen als Aleksandr Grigor´jewitch, Kolchosbauer, Russe.

Vorgreifend möchte ich sagen, dass meine Kameraden mich während der Gefangenschaft Sascha nannten. Nach dem Krieg und nach der Befreiung aus der Gefangenschaft waren wir in einem Filtrationslager der NKWD interniert, wo ich beim Verhör meinen richtigen Namen angab: Iskander Nurejew, Tatar. Als meine ehemaligen Kriegskameraden, alles Russen, dies erfuhren, waren sie sehr erstaunt und meinten, ich spräche doch so gut Russisch und sähe gar nicht aus wie ein Tatar.

Ende 1941 wurden wir in einer 70köpfigen Gruppe in ein Lager in der Nähe der Ortschaften Egeln und Tarthun verlegt. Im Lager Tarthun zwangen sie uns, Gruben auszuheben und Schnee von den Straßen zu fegen. Wir lebten in Baracken, die aus Bohlen errichtet waren, und schliefen auf zweistöckigen Pritschen. Es war Winter, wir waren dürftig angezogen. Einige, die sich Zementsäcke aus Papier beschafft hatten, schnitten Löcher für Arme und Kopf in den Sackboden und schlüpften mitsamt Jacke hinein. Ich war tausendmal froh darüber, dass ich bei warmem Wetter nicht wie andere meinen abgetragenen, hässlichen Uniformmantel weggeworfen hatte. Ich fertigte mir daraus Fußlappen und Fausthandschuhe, die mich prima vor der Kälte schützten!

Irgendwann, es war bereits Winter, führten sie uns, natürlich mit einer Eskorte, an einen Ort, wo wir einen Straßengraben reinigen sollten. Nicht weit davon, jenseits des Grabens, befanden sich kleine Obstgärten mit einem Häuschen darin. Ein Maschendrahtzaun verlief am Graben entlang.

Eines Tages, als wir dort arbeiteten, kam eine Frau zum Zaun, wechselte mit unseren Bewachern einige Worte und ging in ihr Haus. Kurz darauf kam sie mit einem Korb in der Hand zurück. Sie ging zu einem der Wächter und gab ihm den Korb, in dem Äpfel lagen. Der Wächter ging um uns herum und reichte jedem von uns einen Apfel (es gibt doch auf der Welt gute Menschen, dachte ich bei mir). Wir arbeiteten an diesem Ort mehrere Tage und fanden jeden Morgen kleine Bündel. Wir vermuteten, dass unser Wohltäter diese gute Frau war. Sie selbst stand immer neben ihrem Haus und wies schweigend auf die Bündel. In den Bündeln befanden sich Brot-, Wurst- und Speckstücke sowie Äpfel. Mein Gott! Noch heute, nach über 60 Jahren, wenn ich aus meiner Erinnerung diese Zeilen aufschreibe, treten mir unwillkürlich Tränen in die Augen und es erfasst mich ein Gefühl tiefer Dankbarkeit gegenüber dieser guten deutschen Frau für ihr Mitleid. Dies wiederholte sich mehrere Tage. Dann wechselten wir zu einem anderen Ort.

Im Frühjahr 1942 starben im Lager viele Menschen. Dreißig Männer, die am Leben blieben, wurden in ein anderes Lager bei Magdeburg verlegt. Dies war ein ziemlich großes Lager, das auf dem Gelände der Fabrik Wolf-Buckau errichtet worden war. Es enthielt bestimmt 150 Insassen. Neben unserem Lager gab es, getrennt durch einen hohen Metallzaun, noch ein Lager mit französischen Kriegsgefangenen. Auch Belgier und Holländer waren dort interniert. Sie alle verhielten sich uns gegenüber sehr mitleidsvoll, da auch ihre Länder von den Deutschen besetzt waren. Bei jeder Gelegenheit gaben sie uns Zigaretten und Brotstücke oder legten sie unter den Zaun. Manchmal bekamen wir sogar Suppe in Tellern. Die Franzosen wurden bei weitem besser verpflegt als wir. Sie erhielten über das Rote Kreuz Lebensmittel- und Kleiderpakete aus der Heimat. Nur die sowjetischen Kriegsgefangenen erhielten nirgendwoher Hilfe. Erst später erfuhr ich, dass die Sowjetunion noch vor dem Krieg es abgelehnt hatte, die Internationale Kriegskonvention und Konvention zur Behandlung von Kriegsgefangenen zu unterzeichnen [*]. Somit waren wir gegen die Willkür deutscher Soldaten völlig schutzlos.

Einmal ereignete sich in diesem Lager ein dramatischer Vorfall. Wir lebten in einer großen, die gesamte Lagerfläche einnehmenden Baracke mit dreistöckigen Holzpritschen, die in vier Reihen angeordnet waren. Zwischen den Pritschenreihen standen lange Holztische. Eines Nachts wurden wir durch eine Schlägerei, die bereits im Gange war, aus dem Schlaf gerissen. Ich lag auf der obersten Pritsche und sah, wie ein Haufen Häftlinge unerbittlich auf ein paar Männer, die am Boden lagen, einschlug und die leblosen Körper dann unter die Pritschen stieß. Deutsche Soldaten erschienen und scheuchten alle zurück an ihre Plätze. Wie sich herausstellte, waren unter den Häftlingen zwei ehemalige „Polizisten“, Helfershelfer der Nazis, entdeckt worden. So wurde mit ihnen eingedenk der abscheulichen Taten, die sie an Unglücksgenossen verübt hatten, abgerechnet. Die Leichen wurden am nächsten Morgen aus der Baracke entfernt. Damit war die Sache erledigt.

Die Häftlinge mussten in diesem Lager Zwangsarbeit leisten, natürlich immer unter Bewachung. Die einen schafften Metallspäne aus den Werkshallen, andere besserten Straßen auf dem Fabrikgelände aus. Wieder andere wurden deutschen Arbeitern zur Seite gestellt, um Dinge wegzubringen oder zu holen.

Ich arbeitete in einem Straßenreparaturtrupp. Eines Tages fiel mir ein großer Stein aufs Knie und verwundete mich schwer. Mein Bein schwoll an, ich konnte nicht mehr gehen. Eine Weile blieb ich in der Baracke, lag viel und räumte die Baracke auf. Als die Schwellung etwas zurückging, scheuchten sie mich wieder zur Arbeit. Ich war geschwächt und kam mit dem kranken Bein kaum vorwärts. Sie stellten mich einem deutschen Arbeiter zur Seite, der an einer Fräsmaschine arbeitete. Ich sollte ihm helfen, Dinge wegschaffen, ihm Dinge anreichen und den Arbeitplatz fegen. Der Deutsche, alt, schmächtig, mit Brille, behandelte mich mitfühlend. Allerdings zeigte er sein Mitgefühl nur sehr vorsichtig, weil er sich vor den Meistern, alles Nazis, fürchtete. Ich erinnere mich, wie er einmal zur Arbeit kam, gleich hinter den Schrank trat, sich umzog und wieder hinausging. Kurze Zeit später gab er mir zu verstehen, dass er hinter dem Schrank Essen für mich hingelegt hätte. Als ich hinter den Schrank trat, erblickte ich auf einem Hocker ein geöffnetes Bündel mit einer Tomate, zwei Möhren und einem Stück Brot. Natürlich habe ich alles mit Appetit gegessen.

Danach steckte mir der alte Mann noch öfters heimlich etwas Essbares zu. Ich saß manchmal, wenn ich keine Arbeit hatte, hinter dem Schrank. Sobald der Meister mit einer Zigarette zwischen den Zähnen auftauchte, befahl mir der alte Mann, ihm irgendein Instrument zu bringen oder die Maschine von Spänen zu befreien. Kaum war der Meister verschwunden, schickte er mich wieder hinter den Schrank. Ich verstand allmählich schon ein bisschen Deutsch. Ich erinnerte mich an meine Vorkriegsschule und die Deutschstunden.

Eines Tages jedoch erschien dieser gute Mann nicht zur Arbeit. Stattdessen kam der Meister, beleibt und klein von Wuchs, in Begleitung eines Arbeiters, der etwas Russisch konnte. Der Meister erklärte mir, dass der alte Mann erkrankt sei und ich nun das Fräsen erlernen müsse, die Arbeit sei leicht und einfach. Ich weigerte mich mit dem Hinweis, dass ich, ein Kolchosbauer, mich mit der Maschine gar nicht auskennen und sie womöglich beschädigen würde. Aber der Meister fegte meine Argumente mit einer Handbewegung weg und zeigte mir sogleich, was ich zu tun hatte. Die Arbeit bestand, kurz gesagt, darin, mit einem Fräser (einem bohrerähnlichen Schneidinstrument) Ausschnitte in einem Metallrahmen anzufertigen (die Schnittstelle war markiert). Nachdem er einen Rahmen vor mir ausgefräst hatte, forderte er mich auf weiterzumachen, wies den ihn begleitenden Arbeiter an, öfters vorbeizuschauen und mir bei Bedarf zu helfen, und ging fort.

Ich hatte mich kaum an die Arbeit gemacht, als der Fräser zu Bruch ging. Ich stand da und wusste nicht, was ich tun sollte. Da kam auch schon der Arbeiter, der zuvor mit dem Meister da war, schaute sich den Fräser an und murmelte: „Kaputt!“ Er holte den Meister, der einen neuen Fräser brachte, ihn in das Spannfutter einsetzte und festklemmte. Beim Weggehen meinte er, mit dem Finger drohend, ich solle bei der Arbeit besser aufpassen. Beim nächsten Rahmen geriet der Ausschnitt viel zu lang. Als der Meister zurückkehrte und dies sah, schimpfte er mich heftig aus, versetzte mir einen Stoß gegen die Schulter und fing an zu brüllen. Dann zog er einen Notizblock aus der Tasche und notierte sich meine Nummer. Nach ein paar Tagen wurde ich zusammen mit kranken Häftlingen (7–10 an der Zahl) in ein Sammellager, wahrscheinlich Altengrabow bei Jüterbog verlegt [Altengrabow, Stalag XI A(341) liegt allerdings nicht sehr nahe bei Jüterbog].

In diesem Lager waren sehr viele Häftlinge, alle abgemagert und halb tot. Zu essen gab es – wie üblich in Sammellagern – zweimal pro Tag: morgens Tee (eine dunkle, heiße Flüssigkeit, die aus, ich weiß nicht was, zubereitet wurde) und ein Stückchen Brot, abends Suppe, die aus heißem Wasser mit klein gehackten Zuckerrübenblättern bestand. Mein Knie blieb geschwollen und schmerzte. Ich saß oder lag meistens.

Und dann kamen eines Tages deutsche Militärs in zwei großen Bussen ins Lager gefahren und mit ihnen zwei Männer in weißen Kitteln. Sie kündigten an, die Gesundheit der Häftlinge überprüfen zu wollen. Wir stellten uns in Reihen auf und stiegen einer nach dem anderen in einen der Busse. Nach einiger Zeit kamen die Häftlinge wieder heraus. Dann war ich an der Reihe. Im Bus wurde ich von den Männern in den Kitteln (augenscheinlich Ärzte) untersucht und aufgefordert, auf und ab zu gehen, Kniebeugen zu machen und die Arme zu bewegen. Das Gehen und die Kniebeugen fielen mir schwer; die Schwellung im Knie war hinderlich. Sie sahen sich mein krankes Knie genauer an und schüttelten den Kopf. Damit war die Untersuchung beendet. Wie sich herausstellte, hatte die Kommission die Kennnummer von einigen Häftlingen aufgeschrieben (wir alle trugen unsere Kennnummer am Hals). Nach der Untersuchung ließ man diejenigen Häftlinge, deren Nummer man sich notiert hatte, in einer gesonderten Kolonne antreten, in Busse steigen und brachte sie fort. Sie würden, wie es hieß, für die Wehrmacht rekrutiert, die Kommission aber würde das Lager noch einmal aufsuchen und eine erneute Selektion unter den gesunden Häftlingen vornehmen. Tatsächlich tauchten nach einiger Zeit die beiden Busse mit der Kommission wieder auf. Alles lief wie beim ersten Mal ab. Zu meinem Glück war mein Knie noch immer geschwollen. Ich blieb im Lager. Wie war ich froh und glücklich über mein weiterhin krankes Knie. Das war wahrscheinlich das erste Mal, dass sich ein Mensch über seine Krankheit freute.

Ungefähr zwei Monate später, Ende 1942, kam ich zu einer Häftlingsgruppe, die zu einem Arbeitskommando ausrücken sollte. Wir wurden zu einem Lager, das in der Nähe von Calbe mitten auf einem Feld lag, gefahren und in Holzbaracken mit zweistöckigen Pritschen untergebracht. Auch hier wurden wir gezwungen, Erdarbeiten zu verrichten – Gruben ausheben, Flächen einebnen. Jeden Morgen gingen wir in Zweierreihen mit einer großen Blechkanne in die Kantine, um Kaffee und Brot für unser Frühstück zu holen. Die Kantine befand sich seitlich von unseren Baracken in einem zweigeschossigen Gebäude. Dort tischte die Köchin, eine gute Frau, Butterbrote auf und servierte uns gekochte Kartoffeln und rohe Möhren.

Einmal fuhren sie uns in ein Krankenhaus zur medizinischen Untersuchung. Wir trafen dort auf sowjetische Kriegsgefangene aus anderen Lagern, die in einer Zuckerfabrik arbeiteten. Was uns frappierte, war ihr Aussehen. Sie alle waren dick, gleichsam aufgedunsen, genauer gesagt, wie mit Luft aufgeblasen bis zum Platzen. Allein sie anzusehen, flößte uns Angst ein, so absonderlich war ihr Äußeres. Auch wenn wir selber keine Schönlinge waren, so sahen wir doch wie normale Menschen aus, abgemagert zwar bis auf Haut und Knochen. Der Grund hierfür war wohl ihre einseitige Ernährung, vor allem der viele Zucker, an dem es ihnen offensichtlich nicht mangelte.

Das Schicksal wollte es, dass ich erkrankte wie auch einige andere Männer. Fünf Tage lang lag ich krank in der Baracke. Natürlich gab es keine Ärzte und keinerlei Behandlung. Kurz darauf wurden alle Schwachen und Kranken in ein großes Sammellager verlegt. Mein junger Körper besiegte die Krankheit, und nach ein paar Tagen ging es mir wieder besser. Schon bald wählten sie die ersten Häftlinge für Arbeitskommandos aus. Drei wurden wahrscheinlich nach Bernburg in eine Rübenfabrik verbracht. Ich dagegen kam mit einem anderen Kameraden, Sergej Sazonow, nach Neundorf (3 km von Staßfurt entfernt). Auf der Fahrt über Landstraßen sah ich mit Erstaunen, wie beiderseits des Weges Apfel- und Birnbäume wuchsen. So sah es überall zwischen den Städten und Dörfern aus. Der Bodenmangel zwang dazu, jedes freie Stück Land zu nutzen.

Einen Teil des Weges bis Neundorf legten wir (ein Wachsoldat, ich und mein Kamerad) mit dem Zug zurück, danach gingen wir zu Fuß. Wir betraten einen großen, von einer Steinmauer eingefassten Hof mit einem Eisentor. Oben auf der Mauer war Stacheldraht gespannt. Das Gehöft umfasste mehrere Gebäude. In der Mitte des Hofes stand ein zweigeschossiges, steinernes Haus, seitlich davon ein kleineres, eingeschossiges Haus. Auf der linken Seite erhob sich (über fünf Etagen) ein hohes Speichergebäude. Es war schon spät am Abend. Das eigentliche Gefangenenlager befand sich im vordersten Teil des Speichers im ersten Stock. Auf dem Hof empfingen uns der Lagerkommandant im Offiziersrang [bemerkenswert: Kommandanten von Arbeitslagern waren häufig Obergefreite oder Unteroffiziere] und zwei deutsche Soldaten. Einer der beiden Wachsoldaten brachte uns ins Lager. Er öffnete die Tür mit einem Schlüssel, und wir stiegen über eine Treppe hinauf in den ersten Stock. Vor uns lag ein großer Raum mit Doppelbetten. Bei unserem Erscheinen sprangen alle von ihren Betten hoch. Der Deutsche meldete dem Lagerältesten den Neuzugang und ging fort, nicht ohne die Tür zu verschließen. Unsere neuen Kameraden stellten uns sogleich neugierige Fragen: „Woher seid ihr? Was gibt’s Neues?“ Danach brachten sie vom Abendessen übrig gebliebene Suppe in Schüsseln, die uns satt machte. Wir richteten uns auf zwei noch nicht belegten Betten häuslich ein. Ich belegte wieder den oberen Schlafplatz. In der Häftlingsgruppe, die aus ungefähr 60 Mann bestand, ging es sehr freundschaftlich zu. Alle sahen weitaus besser aus als wir. Hier wurden die Häftlinge für landwirtschaftliche Arbeiten eingesetzt: Unkraut jäten, Kartoffeln und Rüben pflanzen und ernten, Brotgetreide und Hafer dreschen. Wir waren natürlich sehr froh, dass es uns hierher verschlagen hatte.

In Neundorf befand sich eines von vielen landwirtschaftlichen Gütern der Brüder Dippe [Saatzuchtbetrieg, gegründet 1852], die als Gutsherren zu den deutschen Großgrundbesitzern gehörten. Im Lager herrschte eine strenge Tagesordnung: 7:00 Uhr aufstehen, Frühstück – Kaffee mit einem Stück Brot sowie ein Teelöffel Marmelade. Das Mittagessen wurde für gewöhnlich auf einem Pferdewagen aufs Feld gebracht, direkt zu unserem Einsatzort (ein Teller Suppe und ein Stück Brot). Nach der einstündigen Pause wurde bis 17:00–18:00 Uhr durchgearbeitet. Zum Abendessen gab es einen Teller Suppe oder Brei. 23:00 Uhr Bettruhe. Wir mussten genauso wie die deutschen Landarbeiter den ganzen Tag arbeiten. In diesem Lager kamen wir wieder etwas zu Kräften.

Speicherverwalter auf dem Gutshof der Brüder Dippe war ein hoch gewachsener Deutscher namens Hapke. Er wohnte mit seiner schwergewichtigen Ehefrau und seinem ungefähr fünfjährigen Sohn in einem zweigeschossigen Haus auf demselben Hof wie wir. Der Verwalter war ein recht guter Mensch, der Mitleid mit uns hatte. Er beschaffte regelmäßig Lebensmittel aus dem Speicher für unsere Küche, in der eine betagte deutsche Frau als Köchin arbeitete. Die Lebensmittel, zum Beispiel Kartoffeln, pflegte er in einer bestimmten Menge auszugeben. Der gute Mann bemerkte indes nicht, dass wir manchmal mehr Kartoffeln für unsere Küche in einen Sack füllten als festgelegt.

Verwalter des Gutshofes, auf dem wir lebten, war ein Deutscher, hoch an Jahren, sehr stattlich, groß und etwas beleibt, der stets einen breitrandigen Hut mit Feder und eine kurze Lederhose trug. Er fuhr jeden Tag alle Felder ab und unterhielt sich mit den Vorarbeitern. Dabei benutzte er für seine Ausfahrten verschiedene Transportmittel: ein Auto, ein Motorrad oder einfach ein schönes Pferd, auf dem er dahergeritten kam.

Einmal in einer Pause während der Feldarbeit ließen wir uns, ungefähr fünfzehn Männer, unter Apfelbäumen entlang der Straße nieder. Über meinem Kopf hingen verlockend aussehende Äpfel. Ich wählte einen Augenblick, als der Wachsoldat und der Vorarbeiter nicht in meine Richtung schauten, richtete mich auf, pflückte unbemerkt zwei Äpfel, steckte sie schnell in meine Hosentaschen und setzte mich wieder hin. Nach einiger Zeit folgte der Kamerad, der neben mir saß, meinem Beispiel: Er pflückte Äpfel, steckte sie in seine Hosentaschen und setzte sich wieder hin. Der Wachsoldat hatte dies aber bemerkt und kam auf uns zu. Da er uns verwechselte, stürzte er sich auf mich. Nachdem er meine Taschen abtastet hatte, zwang er mich, die Äpfel vorzuzeigen. Er nahm sie mir ab und versetzte mir schimpfend einen Stoß. So ertrug ich die Strafe für meinen Kameraden, den Pechvogel. Allerdings gab er mir hinterher einen Apfel ab.

Ich erinnere mich auch noch an folgenden Vorfall: Wir waren am Dreschen. Die gebundenen Roggengarben waren in einer großen, hohen Scheune fast bis zur Decke gestapelt. Ganz oben stand die Dreschmaschine. Man platzierte uns zu fünft mit Heugabeln ausgestattet um die Maschine herum und erklärte uns, dass die Garben einzeln hintereinander in die Trommel geworfen werden müssten und nicht alle auf einmal, sonst könnte die Dreschmaschine kaputt gehen.

Beim ersten Mal ging alles gut. Dann blieb die Dreschmaschine plötzlich stehen. Wie sich herausstellte, waren mehrere Garben gleichzeitig in die Trommel geraten. Während die Maschine repariert wurde, ruhten wir uns vergnügt aus. Dann machten wir uns wieder an die Arbeit. Beim nächsten Mal blieb die Dreschmaschine wieder stehen – wegen eines abgesprungenen Antriebsriemens. Die Ursache war dieselbe: Mehrere Garben waren gleichzeitig in die Trommel geraten. Verständlicherweise schimpfte man uns dafür aus und stellte uns als begriffsstutzig hin. Uns wurde noch einmal erklärt, wie die Garben geworfen werden müssten.

Einmal stand die Dreschmaschine einen ganzen Tag still. Wieder war die Trommel verstopft. Der Vorarbeiter fand beim Reinigen der Trommel eine Heugabel darin. Keiner wusste, wie sie dahinein geraten war. Der Vorarbeiter beschwerte sich beim Lagerkommandanten. Am Abend kam der Kommandant ins Lager und ließ uns in einer Reihe antreten. Er erklärte in strengem Ton, dass dies eine Revolte, ja Fahnenflucht sei und wir dafür erschossen werden könnten. Seine Worte wurden vom Vorsteher des Arbeitskommandos, der etwas Deutsch konnte, für uns übersetzt. Er hieß, wenn ich mich recht erinnere, Michail Iwantschenko. Zu unserem Glück war die ganze Sache damit erledigt. Möglicherweise war der glückliche Ausgang dieser Geschichte der nachsichtigen Haltung des Lagerkommandanten uns gegenüber zu verdanken oder aber der Erkenntnis, dass, wenn dieser Vorfall bekannt würde, seine eigene Karriere darunter leiden könnte.

Ein anderes Mal ereignete sich folgender Vorfall: Beim Unkrautjäten auf einem Feld kam es öfters vor, dass jemand aus der Reihe tanzte, indem er schneller oder langsamer als die anderen arbeitete. Der Vorarbeiter und der Wachsoldat zwangen die zurückhängenden Häftlinge durch beständiges Antreiben, zu den anderen in der Reihe aufzuschließen. Bestrebt, die anderen einzuholen, beschleunigten diese ihre Schritte, ließen dabei aber Unkraut stehen. Dafür gab es wieder Schelte. So beschlossen wir, uns bei solchen Arbeiten alle nach dem hintersten Kameraden zu richten und nicht einzeln vorauszugehen.

Am nächsten Tag bemerkte der Vorarbeiter unsere geänderte Arbeitsweise mit Erstaunen. Wir bewegten uns gleichmäßig vorwärts, alle auf einer Linie, wenn auch viel langsamer. Der Vorarbeiter, der mit unserer langsamen Arbeit unzufrieden war, begann zu schimpfen und trieb uns zur Eile an. Wir aber gingen in einer schnurgeraden Reihe weiter. Nach ein paar Tagen, als er immer noch keine Steigerung des Arbeitstempos erreicht hatte, meldete der Vorarbeiter unser Verhalten dem Lagerkommandanten.

Am gleichen Abend führte der Kommandant eine Befragung durch und rief dazu jeden von uns einzeln zu sich. Er erkundigte sich, warum wir so langsam arbeiten würden. Wie wir hinterher erfuhren, erklärten einige dies mit körperlicher Schwäche oder mangelnder Kraft; die meisten erwiderten, dass bei hohem Arbeitstempo viel Unkraut stehen bleiben würde und sowohl der Vorarbeiter als auch der Wachsoldat dann schimpfen würden. Der Kommandant wollte außerdem wissen, wer von uns die Gruppe dazu nötigen würde, so langsam zu arbeiten. Alle antworteten: keiner. Auch dieses Mal endete das Ganze friedlich. Trotz allem offenbarte sich hier, wie mir scheint, die Güte und Intelligenz des Kommandanten. Er war betagt und wohl noch zu normalen menschlichen Regungen fähig. Er war zudem musikalisch: Oft pfiff er Walzermelodien von Strauß leise vor sich hin.

Im Lager tauchte eine auf Deutsch beschriftete Europakarte auf, die wir in einer Matratze versteckten. Woher die Burschen sie beschafft hatten, erinnere ich mich nicht. Wenn wir auf den Feldern waren, fanden wir oft Flugblätter, die amerikanische und englische Flugzeuge abgeworfen hatten. Zu dem Zeitpunkt wurde Deutschland bereits häufig bombardiert. Jeden Abend vor dem Schlafengehen zählten die Wachsoldaten uns durch, schlossen die Türen hinter sich zu und ließen uns allein. Sogleich versammelten wir uns um den Tisch und betrachteten die Flugblätter, die wir heimlich auf den Feldern eingesammelt hatten. Die Karte legten wir auf dem Tisch aus. Die in deutscher Sprache gedruckten Flugblätter enthielten zusammenfassende Berichte über das aktuelle Kriegsgeschehen, informierten über den Frontverlauf, nannten die Städte, die von unseren Truppen und den Truppen unserer Alliierten inzwischen eingenommen worden waren, und riefen die Deutschen auf, keinen Widerstand zu leisten und zu kapitulieren. Ich übersetzte den Inhalt für meine Kameraden.

Ein Flugblatt war besonders interessant. Es enthielt ein Foto von den Teilnehmern der Krim-Konferenz: Stalin, Roosevelt und Churchill. Außerdem wurde darin vom tapferen Vorstoß der Armee von General Watutin, vom ruhmreichen Sieg der Sowjetarmee bei Stalingrad sowie von der Gefangennahme des deutschen Generals Paulus und seiner Division berichtet.

Wir erfuhren aus den Flugblättern auch den aktuellen Verlauf der Frontlinie, die zu diesem Zeitpunkt bereits weit auf deutsches Gebiet vorgeschoben war, während die deutschen Zeitungen immer noch schrieben, dass die Front entlang der sowjetischen Grenze verliefe. Damit war klar, dass die Zeitungsmeldungen nicht der tatsächlichen Lage an der Front entsprachen.

Der Wachsoldat und der Vorarbeiter waren während der Arbeit ständig mit uns zusammen. Einmal wurde uns ein anderer Vorarbeiter statt des bisherigen zur Seite gestellt. Er war Pole, sprach gut Russisch und verhielt sich uns gegenüber friedfertig. Irgendwann erzählte er uns sogar, dass der Sohn des bisherigen Vorarbeiters ebenfalls in Gefangenschaft sei, in England, und den Vater gebeten habe, ihm ein Englisch-Lehrbuch zu schicken. Wir wunderten uns natürlich und beneideten ihn um diese Möglichkeit.

Ich bat ihn eines Tages, mir etwas zum Lesen mitzubringen. Und er brachte mir ein deutschsprachiges Tarzan-Buch mit dem Titel „Tarzan in London“. Ich habe es mit Vergnügen gelesen. So machte ich schon damals erstmals Bekanntschaft mit Tarzan.

Aus den Flugblättern und Gesprächen mit polnischen Zivilisten, die manchmal mit uns gemeinsam arbeiteten, erfuhren wir die neuesten Ereignisse an der Front. Die Deutschen erlitten überall Niederlagen, befanden sich auf dem Rückzug und mussten bereits riesige Gebiete aufgeben. Es wurde uns allmählich klar, dass der Krieg kurz vor der Endphase stand. Zu diesem Zeitpunkt kam es uns auch vor, als behandelten die Deutschen uns etwas milder.

Die Luftwaffe unserer Alliierten (Amerika und England) errang überall die vollständige Luftherrschaft. Ihre Flugzeuge kamen selbst am helllichten Tage angeflogen, um Bomben abzuwerfen. Häufig gab es Fliegeralarm. Wir alle wurden daraufhin in den Keller des zweigeschossigen Hauses gebracht, in dem außer uns auch die Deutschen, alles Hausbewohner, Schutz suchten.

Ich wurde dort notgedrungen Zeuge zweier Angriffe alliierter Flugzeuge und der Bombardierung, die ganz in unserer Nähe stattfand.

Einmal waren wir auf dem Feld damit beschäftigt, Kartoffeln zu setzen. Es war Mittag, wir setzten uns hin, um eine kleine Mahlzeit einzunehmen. Neben uns verlief die Landstraße. Plötzlich hörten wir das durchdringende Geheul der Alarmsirenen – es herrschte Fliegeralarm. Und sogleich tauchten in großer Höhe, flimmernd wie weiße Schmetterlinge, alliierte Aufklärungs- und Jagdflugzeuge auf, die auf der Suche nach deutschen Flugzeugen waren. Es waren aber keine zu sehen.

Schließlich drang das dumpfe, anschwellende Brummen der alliierten Flugzeuge zu uns, und eine Armada schwerer Bomber flog ziemlich weit über uns hinweg. Der Vorarbeiter sagte, Angriffsziel der Bomber sei Berlin. In der Luft tauchte unerwartet ein deutsches Flugzeug auf und wurde, als es uns überflog, sofort von zwei amerikanischen Jägern angegriffen. Sie setzten das feindliche Flugzeug, als sie sich über ihm befanden, unter heftigen Beschuss. Kugeln flogen pfeifend an uns vorbei und prallten gegen einen zementierten Graben. Das Flugzeug fing Feuer, trudelte zur Erde und verschwand hinter einem Wald. Die Jäger kreisten noch eine Zeit lang über dem abgestürzten Flugzeug, beschossen es und stiegen dann jäh in die Höhe, um ihre Staffelkameraden einzuholen. Später fanden wir in der Nähe mehrere Hülsen von großkalibrigen Maschinengewehrkugeln.

Auch beim zweiten Mal befanden wir uns auf dem Feld, als die Sirenen zu heulen anfingen und Fliegeralarm meldeten. Zu hören waren einzelne Schüsse aus deutschen Fliegerabwehrkanonen, zu sehen waren hoch am Himmel die grellen Blitze der explodierenden Geschosse. Nach einiger Zeit fiel über unseren Köpfen irgendein Gegenstand vom Himmel. Er fiel nicht lotrecht nach unten, sondern zickzackförmig, erst nach links, dann abrupt nach rechts, und zwang uns dadurch, in unterschiedliche Richtungen auszuweichen, um eine Kollision zu vermeiden (es wäre lächerlich und dumm gewesen, nach allem, was wir erlebt hatten, so zu enden). Bei dem Gegenstand handelte es sich um einen Teil des Flügels eines amerikanischen Flugzeuges, das gerade von einer deutschen Flak abgeschossen worden war. Der Flügel war kein Flügel einfacher Bauart, sondern innen hohl. Der Hohlraum enthielt eine Gummifüllung, die aus einer Vielzahl einzelner Zellen bestand, in denen angeblich der Flugzeugtreibstoff lagerte. Beim Einschlag eines Geschosses in den Flügel sollte der Treibstoff nur aus der durchgeschlagenen Zelle auslaufen.

Unser Vorarbeiter ließ uns mit dem Wachsoldaten stehen und ging zu den abseits gelegenen Schuppen. Dort wurde der abgeschossene amerikanische Pilot mit seinem Fallschirm gefunden. Nach Aussage des Vorarbeiters, der schon bald zurückkehrte, war der Pilot jung und hoch gewachsen. Auf den Lippen des Vorarbeiters waren noch Schokoladenspuren zu erkennen. Er hatte offenbar Süßigkeiten genascht, die der amerikanische Pilot bei sich trug. Der Amerikaner wurde natürlich sofort von herbeigerufenen deutschen Militärs festgenommen.

Und noch ein Vorfall: Als wir auf dem Feld in reichlicher Entfernung vom Bahnhof arbeiteten, setzte unerwartet Sirenengeheul ein. Wieder tauchten nach einiger Zeit hoch am Himmel amerikanische Aufklärungs- und Jagdflugzeuge auf. Kurz darauf flogen sie laut brummend direkt auf den Bahnhof zu. Hintereinander im Kreis fliegend, fingen sie an, das Bahnhofsgebäude zu bombardieren und mit einem Maschinengewehr zu beschießen. Wir legten uns alle flach hin. Unter uns erzitterte die Erde. Nachdem die Flugzeuge den Bahnhof in Trümmer gelegt hatten, flogen sie fort. Das Schicksal war uns auch diesmal gnädig.

Ende 1944 kam ein uns unbekannter deutscher Offizier ins Lager. Man erklärte uns, dass er sowjetische Kriegsgefangene für die russische Befreiungsarmee (ROA) unter dem Kommando des ebenfalls in deutsche Gefangenschaft geratenen, ehemaligen sowjetischen Generals Wlassow anwerbe. Interessenten bat man, sich in eine Liste einzutragen. Natürlich zeigte sich keiner interessiert. Er versprach, ein anderes Mal wiederzukommen, kam aber nie wieder.

Während der gesamten Zeit unserer Gefangenschaft kam uns nie der Gedanke, dass der Krieg mit einem Sieg Deutschlands enden könnte. Im Gegenteil, wir glaubten fest und unbeirrt daran, dass die Sowjetunion früher oder später siegreich sein würde.

Nach einiger Zeit kam wieder ein Offizier, diesmal ein anderer, zu uns ins Lager – ein russischer Offizier der ROA. Nach der ersten ergebnislosen Anwerbung hatten die Deutschen offenbar beschlossen, mit Hilfe eines Russen zu agitieren. Dieser Agitator war ein junger, ungefähr dreißigjähriger Mann, der nach eigener Aussage eine Hochschulbildung absolviert hatte und mehrere sowjetische Auszeichnungen besaß. Er trug eine Uniform, die der deutschen Uniform ähnelte. Auf dem Ärmel war in Großbuchstaben „ROA“ aufgenäht. Bei seinem ersten Lagerbesuch, bei dem auch der Kommandant und ein Wachsoldat zugegen waren, erklärte der Agitator, er sei einer von uns, ein ehemaliger Häftling, der aber jetzt der Russischen Befreiungsarmee beigetreten sei, um Russland von den Juden zu befreien. Er forderte uns auf, seinem Beispiel zu folgen. Der Kommandant bat den Dolmetscher vorzutreten, um alles, was der Agitator gesagt hatte, zu übersetzen. Zufrieden sagte der Kommandant daraufhin: „Gut!“

Beim nächsten Besuch, der ohne Kommandant und Wachsoldat stattfand, begann er vertrauensvoll ein Gespräch über verschiedene Themen, die mit seinen Agitationspflichten als Offizier der ROA absolut nichts zu tun hatten. Er erzählte von seinem früheren Leben als Zivilist, vom Dienst in der ROA und von den jungen Mädchen, mit denen er seine Abende verbrachte. Offizier der ROA sei er ganz zufällig und ungewollt geworden. Als er in einem großen Lager inhaftiert war, wären deutsche Offiziere ins Lager gekommen, hätten eine medizinische Untersuchung der Häftlinge organisiert und ausgewählte gesunde Häftlingen mitgenommen. Dann hätten sie die Männer in Uniform gesteckt. (Ich erinnerte mich unwillkürlich daran, wie auch in unser großes Lager Deutsche in zwei Bussen gefahren kamen, zusammen mit deutschen Offizieren in weißen Kitteln, und wie auch wir eine Selektion durch die Kommission durchliefen. Damals hatte ich ein krankes Knie.)

Laut Aussage des Offiziers der ROA formierten die Deutschen zunächst Sondereinheiten aus den ROA-Soldaten und schickten sie in den Kampf gegen sowjetische Truppen. Diese Einheiten liefen jedoch, als sie sich der Etappenlinie näherten, mit voller Ausrüstung auf die sowjetische Seite über. Danach mischten die Deutschen die Häftlingssoldaten, da sie ihnen nicht trauten, mit deutschen Einheiten. Trotzdem liefen sie zu den Ihrigen über. Sein letzter Besuch fand bereits kurz vor dem Einmarsch amerikanischer Truppen in Neundorf statt. Anschließend sahen wir ihn nicht wieder.

Das warme Sommerwetter hielt an. Wir befanden uns an dem Tag im Lager. Plötzlich sahen wir vom Fenster aus, wie deutsche Soldaten mit voller Ausrüstung in Gruppen den Hof betraten. Sie breiteten Stroh auf der Erde aus und ließen sich darauf nieder. Einige von ihnen hatten ihre Uniformmäntel und Jacken abgeworfen und begannen, sich mit Wasser aus kleinen Kesseln und Eimern zu waschen. Manche legten sich einfach ausgestreckt hin, andere machten sich an die Rasur. Sie sahen sehr müde aus und waren ganz staubig und schmutzig. Dem Anschein nach handelte es sich um Wehrmachtseinheiten, die den Rückzug angetreten hatten. Am Abend verließen sie wieder den Hof.

Im Lager wechselten die als Wächter eingesetzten deutschen Soldaten häufig. Sie unterschieden sich voneinander: Die einen blickten mit einer gewissen Feindseligkeit auf uns, die anderen waren friedfertiger, einige verhielten sich uns gegenüber sogar teilnahmsvoll.

Vorletzter Wachsoldat war ein junger, schmächtiger Mann mit Brille. Er behandelte uns menschlicher als die anderen. Zu der Zeit wussten die Wachsoldaten und der Lagerkommandant bereits, dass ich als Kind Musikunterricht hatte, und nannten mich stets „der Musiker“. Irgendwann rief mich dieser junge Wachsoldat in das Zimmer, in dem die Soldaten wohnten, gab mir seine Uniformjacke und bat mich, einen weißen Kragen anzunähen. Er selbst schaltete das Radio ein. Es ertönte Musik. Ich wusste sofort – das sind Walzermelodien von Strauß. Der Wachsoldat zeigte auf den Lautsprecher und fragte: „Gut?“. Ich antwortete natürlich: „Gut, gut.“ Ich verstand, dass dieser kleine, gute Mann mir bloß Gelegenheit gab, Musik zu hören.

Am stärksten ist mir jedoch ein anderer Wachsoldat, der allerletzte, in Erinnerung geblieben. Er war betagt, hatte schütteres graues Haar und die angenehmen Gesichtszüge eines gutmütigen und gepflegten Menschen. Er war sehr intelligent, bescheiden, brüllte uns nicht gleich an und kam ohne Grobheiten uns gegenüber aus.

Während der Feldarbeit unterhielt er sich mit mir von Zeit zu Zeit, wenn er neben mir stand. So erfuhr ich einiges aus seinem interessanten Leben. Er war erst vor kurzem eingezogen worden. Er und seine ganze Familie gehörten, wie ich erfuhr, zu dem Teil des deutschen Volkes, der in Opposition zu Hitler stand. Sein Vater stand seinerzeit dem Kaiserhof nahe. Als er klein war, nahm sein Vater ihn einmal zu einem Empfang beim Kaiser mit. Sein Vater stand mit ihm an der Hand neben dem Kaiser, als dieser ihm auf den Fuß trat, worauf der Kaiser sich bei ihm entschuldigte. Nach der Machtübernahme Hitlers war die Familie Repressalien ausgesetzt. Er erzählte noch, dass er einen sehr guten Freund gehabt hätte – einen Musiker, der wegen seiner Ablehnung des Hitler-Regimes nach Amerika gegangen sei. Schon in den ersten Monaten des Jahres 1945 erfuhren wir von Polen, dass ein Großteil der NS‑Armeen bereits vernichtet war und dass sowjetische Truppen in Richtung Berlin marschierten, während alliierte Truppen von Westen her erfolgreich ins Landesinnere stießen. Wir spürten, dass das Ende des Krieges näher rückte.

Und dann trat endlich das ein, was wir so quälend lange erwartet hatten. Eines Abends kam unser alter Wachsoldat ins Lager und meldete erregt und erfreut: „Krieg kaputt!“ und fügte hinzu, dass er bereits heute heimfahren werde und wir ebenfalls bald heimfahren würden.

Er ging fort. Die Tür blieb unverschlossen. Das bedeutete, wir waren frei! Wir waren unsagbar froh. Wir gingen runter auf den Hof. Der Hof war leer. Keine einzige Seele war dort anzutreffen, weder der Kommandant noch ein Wachsoldat. Vollständige Stille.

Am nächsten Tag erschienen auf dem Hof amerikanische Soldaten. Es war der 19. April 1945. Die Uniform der amerikanischen Soldaten war eigenartig: Sie trugen Baumwolljacken, weite, herabfallende Hosen, die Enden in hohe Schaftstiefel, sog. Kanonenstiefel gesteckt. Auf dem Kopf eine Schiffchenmütze. Einige Soldaten gingen mit uns nach oben ins Lager. Die meisten waren Polen und sprachen gern Russisch.

[…]

****

Auf Wunsch schicken wir die ungekürzten Erinnerungen des Herrn Nurejew (17 Seiten).

[*] Tatsächlich hat die Sowjetunion nur Teile der Genfer Kriegsgefangenenkonvention unterzeichnet. Die Begründung der Behandlung der sowjetischen Kriegsgefangenen mit der fehlenden Unterzeichnung der Genfer Konvention war aber ein vorgeschobenes Argument des OKW, es ging tatsächlich um rassisch-ideologische Verfolgung, denn erstens hat die Sowjetunion dem Deutschen Reich die Anwendung der Konvention angeboten, was von deutscher Seite abgelehnt wurde. Außerdem hatte Deutschland als Unterzeichnerstaat sie anzuwenden, egal ob der Gegner sie unterzeichnet hatte.

Zum Seitenanfang


Zurück zum Seitenanfang.