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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

474. Freitagsbrief (vom September 2015, aus dem Russischen von Jennie Seitz).

Kitschik Schurugtschijewitsch Schurugtschijew
Republik Kalmückien
Russland .

Guten Tag!

Sehr geehrte Organisatoren und Mitglieder des Vereins KONTAKTE-KOHTAKTbI,

wir möchten Ihnen zunächst einmal für all die Gratulationsschreiben und Briefe danken, die wir regelmäßig per Post erhalten. Richten Sie bitte der deutschen Bevölkerung unsere Dankbarkeit aus für die Anteilnahme und das Verstehen der Leiden, die die ehemaligen sowjetischen Kriegsgefangenen über sich ergehen lassen mussten. Das Wichtigste ist, dass es keine Kriege mehr gibt, die Not und Leid mit sich bringen. Wir gratulieren Ihnen zum Erfolg in ihrem gemeinnützigen Kampf für die historische Gerechtigkeit, zu den Erfolgen in der Aufklärung der Menschen in unseren schwierigen Zeiten, da die Ideen des Nationalsozialismus in West- und Ost-Europa wiedererstarken.

Unsere Adresse ist gleich geblieben: […]

Mit den herzlichsten Grüßen und voller Dankbarkeit Schurugtschijew Kitschik Schurugtschijewitsch, Veteran des Großen Vaterländischen Krieges, ehemaliger sowjetischer Kriegsgefangener, Invalide der 1. Gruppe.

Als Ergänzung zum Brief möchten wir Ihnen einen Artikel über Kitschik Schurugtschijewitsch schicken, der zum Tag des Sieges am 9. Mai von unseren lokalen Korrespondenten verfasst wurde.

Autor: Ruslan Melnikow, 23.04.2015.

Unlängst feierte der Einwohner einer kalmückischen Siedlung, Kitschik Schurugtschijewitsch Schurugtschijew, seinen 111. Geburtstag. Kurz zuvor hatten die hiesigen Behörden ihm eine Medaille zum Jubiläum des 70. Siegestages überreicht.

Der hochbetagte Veteran ist der älteste Mann der Republik. Die 111 Lebensjahre haben natürlich ihre Spuren hinterlassen: Kitschik Schurugtschijewitsch ist mittlerweile erblindet und hört nur schlecht. Wenn man mit ihm sprechen will, muss man seine Stimme sehr anstrengen. Aber der Patriarch der Familie Schurugtschijew genießt nach wie vor wohlverdienten Respekt und unangefochtene Autorität bei seinen zahlreichen Verwandten.

Gefangenschaft und Meditation.

Kitschik Schurugtschijewitsch wurde in einer buddhistischen Familie geboren. Noch in seiner frühesten Kindheit schenkten seine Eltern ihm ein Amulett, das er bis zum heutigen Tage als Familienrelikt hütet. Was sich in dem kleinen Reliquienkästchen befindet, weiß niemand. Der Besitzer lässt weder Fremde noch Vertraute das geheiligte Schächtelchen öffnen. Das Amulett würde sonst seine Kraft verlieren, erklärt er. „Das ist ein besonderer Talisman. Er kommt aus Tibet und soll mich vor dem Tod, vor bösen Geistern und schlechten Menschen beschützen“, sagt der Langlebige. Und tatsächlich beschützt der Talisman seinen Besitzer bereits seit mehr als einem Jahrhundert vor dem Tod. Vor bösen Geistern möglicherweise auch. Vor schlechten Menschen allerdings konnte es ihn allem Anschein nach nicht bewahren. Das Familienoberhaupt erzählt aber nicht gern von seinem schwierigen Leben. Das macht seine Schwiegertochter Galina.

„In den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts war Baasha buddhistischer Geistlicher in einem der hiesigen Churuls [Tempel]“, sagt sie, wobei sie ihren Schwiegervater respektvoll Baasha (Papa, Vater) nennt. „Aber als die Verfolgung der Gläubigen begann, musste er gegen seinen Willen Laie werden.“

Der ehemalige Geistliche heiratete, gründete eine Familie, aber das irdische Glück war nicht von langer Dauer. 1941 ging Kitschik Schurugtschijewitsch an die Front und wurde gleich zu Beginn des Krieges nach einem der Kämpfe verwundet gefangengenommen. Er verbrachte praktisch den ganzen Krieg in verschiedenen Konzentrationslagern. Manchmal, während die anderen Häftlinge schliefen, meditierte der gläubige Buddhist stundenlang, um Körper und Verstand vor den Schrecken der Gefangenschaft zu retten.

Was ihm letzten Endes dabei half, diese schwierige Zeit zu überleben – das elterliche Geschenk, das Amulett, das er immer bei sich trug, übermenschliche Geduld und der buddhistische Gleichmut allem Seienden gegenüber – das weiß niemand so genau. Genauso wie niemand weiß, welche Qualen er in den faschistischen Konzentrationslagern über sich ergehen lassen musste. Kitschik Schurugtschijewitsch hat niemals über dieses Thema gesprochen. Alles, was man weiß, ist, dass er mehrfach versuchte zu fliehen, aber jedes Mal gefasst und streng bestraft wurde.

Die Befreiung kam erst 1945, aber auch dann war das Leid noch nicht überstanden. Nachdem Kitschik Schurugtschijewitsch aus dem Krieg zurückgekehrt war, macht er sich auf, seine Familie zu suchen, die von Kalmückien nach Sibirien deportiert worden war. Aber er hat nicht alle vorgefunden. Während seiner Zeit in Gefangenschaft war seine Schwester gestorben.

Nach der Rückkehr in seinen Heimatort Ulan-Erge arbeitete Kitschik Schurugtschijewitsch als Viehpfleger. Er galt als der beste Arbeiter des Sowchos. Einige der Dorfbewohner behaupten sogar, der ehemalige Geistliche hätte buchstäblich die Sprache der Tiere gesprochen. Man sagt, sie hätten ihm aufs Wort gehorcht und alles gemacht, was ihr Pfleger ihnen sagte, obwohl er niemals laut wurde. Außerdem waren die Tiere in Kitschik Schurugtschijewitschs Obhut immer gut gepflegt und genährt. Vielleicht ist das auch das Geheimnis seines Einvernehmens mit den Kühen, Pferden und Schafen.

„Ich habe nur meine Arbeit gemacht“, erklärt der hochbetagte Mann bescheiden. „Jeder Arbeit sollte man in Ruhe, maßvoll, gewissenhaft und ehrlich nachgehen. Dann gelingt einem alles. Dann hören selbst Tiere auf den Menschen.“

[…]

„Baasha ist wirklich ein bemerkenswerter Mensch“, sagt Galina. „Einfach im Umgang, sehr ehrlich, geduldig, ruhig. Er hat nie nach irdischen Gütern gestrebt und erfreute sich immer an dem, was da war. Trotz seines Alters klagt er über nichts. Er spricht generell wenig. Er mag es nicht, wenn Leute geschwätzig sind, anstatt zu arbeiten.“

Wer weniger redet, lebt mehr – das ist Kitschik Schurugtschijewitschs Lebensprinzip. Selbst als die Verwandtschaft zusammenströmte, um den Patriarch an seinem 100. Geburtstag zu ehren, war der Gefeierte nicht sehr begeistert von dieser Idee.

„Na und, 100 Jahre, was macht das schon? Das ist doch kein Anlass zu feiern! Jeder von euch hätte zu Hause sicher wichtigere Dinge zu tun“, rügte er seine Verwandtschaft. Außerdem protestiert Kitschik Schurugtschijewitsch, wenn man ihm eine Spritze setzen oder Tabletten verabreichen will. Der modernen „Chemie“ traut er nicht. Der Langlebige hat ein universelles Heilmittel gegen alle Leiden, an das er sich sein Leben lang gehalten hat. „Wenn es ihm nicht gut ging, fastete er einfach eine Zeit lang“, erzählt Galina. Der 111-jährige kann übrigens immer noch stolz auf seine Zähne sein. Die Familie Schurugtschijew ist sich sicher – das ist so, weil er anstelle von Zahnpasta eine alte kalmückische Putzmethode anwendet: Salz.

Kitschik Schurugtschijewitschs Augen sind geschlossen, das Gesicht strahlt vollkommene Ruhe aus. Vor mir sitzt ein alter Mensch, sehr alt. Aber das Wort „gebrechlich“ wäre hier wohl fehl am Platz, ungeachtet der Jahre. Jemand, den eine große Familie und ein großer Stammbaum stützt, kann nicht gebrechlich sein. „Ein Mensch, der Familie hat, gleicht einem verzweigten Baum, ein Mensch aber, der keine hat – der gleicht einem morschen Stumpf“, lautet eine kalmückische Weisheit.

Beim Verlassen des Hauses erfahre ich noch, dass eine der Enkelinnen des alten Mannes gerade erst zwei Jahre geworden ist. Der Altersunterschied zwischen diesen beiden lebendigen Generationen beträgt also 109 Jahre. Was es nicht alles gibt!.

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