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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

473. Freitagsbrief (vom Oktober 2015, aus dem Russischen von Jennie Seitz).

Anatolij Pawlowitsch Osyka
Shitomirskaja Oblast
Ukraine.

An den Verein KONTAKTE-KOHTAKTbI.
Eberhard Radczuweit.

Ihren Brief aus Berlin vom Juni 2015 habe ich am 6.8.2015 erhalten. Ich möchte Ihnen mitteilen, dass ich meinen Wohnort seit 1954 nicht mehr geändert habe und bis zum Ende meines Lebens wohl auch nicht mehr ändern werde. Ich bin krank. Mein Immunsystem ist nicht mehr stabil. Ich leide an einem ganzen Bündel von Krankheiten. Ich bin schon 93 Jahre alt.

Ich danke dem Herrn, dass er mir so viele Jahre geschenkt hat, und was für welche.

Am 9. Mai dieses Jahres hat sich das Ende des Zweiten Weltkrieges zum 70. Mal gejährt. Ich habe an diesem Krieg unmittelbar teilgenommen.

Am 15. April 1944 wurde mein Flugzeug von einem großen Geschoss der deutschen Flugabwehr getroffen und vom Himmel geholt. Das Flugzeug explodierte, ich habe durch ein Wunder überlebt, obwohl ich starke Verbrennungen hatte, und wurde von deutschen faschistischen Einheiten gefangen genommen. In Gefangenschaft war ich bis zum 10.05.1945.

Ich überlebte die unmenschlich harten Bedingungen der faschistischen Gefangenschaft, die zahlreichen Schläge, härteste Arbeitsbedingungen, Hunger (200 g Brotimitat, Steckrübenbrühe und andere Surrogate) – die Erinnerung daran ist einfach furchtbar. Vor der Gefangenschaft habe ich 72 kg gewogen, während der Gefangenschaft sank mein Gewicht auf 48 kg.

Lieber Gott! Mach, dass sich so etwas nie wiederholt!

Ich verneige mein ergrautes Haupt vor Ihrer Kanzlerin Merkel, die mit politischer Entschlossenheit gegen ein Wiederaufleben von faschistischen Ideen vorgeht und Menschlichkeit gezeigt hat, indem sie das unmenschliche Verhalten der Nazi-Bestien gegenüber den gefangenen sowjetischen Soldaten und Offizieren als Verbrechen anerkannt hat.

Ich denke, sie will damit die Schuld des deutschen Volkes vor den ehemaligen Gefangenen in Nazilagern, die noch am Leben sind, wenigstens etwas tilgen, indem sie ihnen eine symbolische Summe auszahlt.

Darüber freue ich mich.

Ehemaliger Häftling in deutschen faschistischen Lagern – Osyka Anatolij Pawlowitsch.

Meine Adresse: […].

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