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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

470. Freitagsbrief (vom Mai 2008, aus dem Russischen von Viktoria Rau).

Moskauer Gebiet
Wadim Michajlowitsch Presnjakow.

Sehr geehrte […],

großen, herzlichen Dank für Hilfe, die Sie mir schickten. Ich habe die ganze Summe erhalten.

In Gefangenschaft erfuhr ich viel Interessantes und Gutes über das deutsche Volk. Mir gefällt Ihr Lebensstil, Ordnung, Ordentlichkeit, Genauigkeit. In Gefangenschaft kam ich in die Stadt Limburg. Nachdem die Wunde an meinem Arm geheilt war, wurde ich zur Eisenbahn geschickt und sollte Kohlen aus Waggons laden. Danach arbeitete ich im Kommando der Stadt Hofheim, dort verlegten wir Kanalisationsröhren für ein TBC-Sanatorium für Luftwaffenflieger. Noch später wurde ich ins Dorf Kirchberg zu einem Bauern verlegt. Dieser Bauer war wegen einer Krankheit vom Wehrdienst befreit. Ich beherrschte Deutsch, die Sprache habe ich noch in der Schule gelernt. Die Bäuerin mochte es, mit mir über verschiedene Themen zu sprechen.Wir wurden gefangen genommen drei Tage nach Vernichtung unseres Regiments, und man vermutete in uns Partisanen. Deutsche hassten Partisanen, darum wollten sie uns erschießen. Zum Glück kam ein anderer Offizier und wir wurden verschont, bekamen sogar was zu essen. Ich war verwundert, ein anderer Soldat auch. Damals fing ich an, Deutsch zu sprechen.

So arbeitete ich, bis mein Fuß sich entzündete, vielleicht war es ein großes Furunkel und ich wurde ins Lager geschickt. Ich arbeitete fleißig beim Bauern, man war mit mir zufrieden. Auch das Essen war gut, man aß als ein Mensch am Tisch. Im Lager hatten wir Hunger. Manchmal arbeiteten wir in einer Kantine. Natürlich, wenn man hungrig ist, kann man nicht widerstehen, ein wenig Kartoffeln zu klauen. Ich schnitt Kartoffeln in kleine Scheiben und steckte sie in die Schuhe, in die Feldmütze. Ich hatte noch eine Dose, wie eine Tabaksdose. Ich schnitt eine große Kartoffel und legte sie hinein. Bei den Durchsuchungen öffnete man diese Dose nicht, glaubte, dort sei nur Tabak. So beschafften wir uns etwas zu Essen. Wir sowjetische Gefangene hatten es am schlimmsten. Stalin hatte uns aufgegeben, das Rote Kreuz half auch nicht. Andere Gefangene bekamen Postpakete von zu Hause. Bei uns im Lager waren Italiener, Amerikaner, Inder, diese Gefangenen aßen Brotkrusten nicht, schmissen sie weg. Wir hielten es für ein Glück, wenn wir den Müll entsorgen durften, man konnte doch im Müll die Brotreste finden.

Einmal arbeitete ich bei einem Bauern und musste Kartoffeln in die Stadt Wiesbaden liefern. Er hat mir die Liste gegeben, wer, wo, wie viel Kartoffeln bekommen sollte. Nach dem Ausladen ging es nach Hause. Entlang der Straße waren Obstbäume gepflanzt. Der Bauer war begeistert, er sagte „Wie schön“. Ja wirklich, in Deutschland gibt es viele schöne Dinge, Deutsche sind zufrieden.

Ich wusste, dass genau um 12 Uhr alle zum Mittagessen gehen. Nehmen wir an, der Bauer pflügt, aber er soll unbedingt zu Hause um 12 Uhr sein, sich nicht verspäten. Er kommt rechtzeitig nach Hause, isst zu Mittag und geht wieder, um zu Ende zu pflügen. So eine Genauigkeit!

Ja, wirklich, russische Rentner sind arm. Komisch, Russland ist mit seinen Bodenschätzen ein reiches Land, man verkauft sie, doch das Geld reicht nicht. Wer nach Deutschland umgesiedelt ist, möchte nicht zurückkehren. Meine Ehefrau arbeitet in einer Fabrik, sie hat eine Kollegin, die zwei Söhne hat, einer lebt zu Hause, der andere wanderte nach Deutschland aus. Der kann es sich leisten, sein Kind auf die teure Fachhochschule zu schicken, hilft seiner Mutter mit Postpaketen. Er hat ein gutes Leben.

Noch einmal großen Dank für Ihre Hilfe. Ich würde sehr gern einen Brief von Ihnen erhalten, mit der Bestätigung, dass meine Dankbarkeit Sie erreicht hatte; daraus wüsste ich, dass Sie mich nicht für undankbar halten.

Meine Adresse:

(wie oben).

Haben Sie Fragen an mich, ich beantworte sie mit Vergnügen.

****

Sein Brief vom Oktober 2014 (Übersetzung: Jennie Seitz).

Guten Tag, Dmitri Walerjewitsch!

Ihren Brief habe ich erhalten, aber meine Antwort hat etwas länger gebraucht.

Wir leben langsam vor uns hin. Der Sommer ist vorbei, bald kommt der Winter. Wir haben alles abgeerntet, sind für den Winter versorgt. Meine Urenkelin wächst, sie sieht ihrem Vater ähnlich. Jetzt ist sie schon ein halbes Jahr alt. Die Jungen werden langsam erwachsen, die Alten älter. Im Leben ist alles in Bewegung, alles verändert sich. Unsere Muska ist gestorben, sieben Jahre hat sie bei uns gelebt. Das erste Mal sah ich sie im Garten als Katzenjunges. Tiere habe ich immer geliebt. Das sind unsere kleineren Geschwister. Man darf ihnen kein Leid antun. Ich habe immer einen Beutel mit Korn dabei. Den Preis des Hungers kenne ich nur zu gut. In Gefangenschaft war ich an dem Punkt, dass ich mich an der Wand festhalten musste, wenn ich zur Toilette ging. Aber der liebe Herrgott hat mich gerettet. Ich bin am Leben geblieben. Es gibt doch einen Schutzengel. Das weiß ich ganz sicher:

Als ich an die Front fuhr, bekam ich Durchfall. Eines Morgens stieg ich aus dem Waggon, ging hinter den Bahndamm, hockte mich hin. Auf einmal hörte ich jemanden hinter mir. Morgens lag Eis – es war frostig. Das Geräusch kam immer näher. Nur noch fünf-sechs Schritte war es entfernt. Ich dachte, einer von den Soldaten aus dem Zug wollte mich von hinten umschubsen. Ich drehte mich ruckartig um – und da war es plötzlich still. Mein Gehör war sehr gut, ich spiele schließlich Harmonika. Das hatte mich völlig aus der Bahn geworfen. Als ich wieder im Waggon war, erzählte ich den anderen davon. Die Jungs sagten – man wird dich an der Front umbringen. Aber mit uns fuhr einer, der gerade aus dem Hospital kam. Hatte bereits an der Front gekämpft. Er sagte, das sei mein Schutzengel gewesen. Niemand wird mich vom Gegenteil überzeugen können. Ich bin absolut sicher. Ich habe deutlich Schritte hinter mir gehört. Dabei war es morgens ziemlich laut, man hörte das Pfeifen von manövrierenden Zügen. Niemand wird mich vom Gegenteil überzeugen, was das angeht. Ich glaube an Gott. Ich bin am Leben geblieben, dabei war ich in alles Mögliche verwickelt an der Front. Einmal lagen wir im Verteidigungsgraben entlang einer Straße auf der Lauer. Plötzlich sahen wir von rechts eine Kolonne von Soldaten in deutschen Uniformen. Der Kommandeur befahl uns, aufzustehen und ihnen entgegenzutreten. Wir waren im Graben, und sie auf offenem Feld. Als wir rauskamen, fragten sie in sauberem Russisch, wer wir seien. Wir antworteten. Und dann eröffneten sie das Feuer mit Explosivgeschossen. Zu unserem Glück kam ein T-34 in großer Geschwindigkeit von hinten auf sie zu und vernichtete sie, erschoss alle. Das waren Wlassow-Kämpfer, an die 80 Mann, und wir waren ein Trupp von 42 Mann. In wenigen Sekunden hatten wir 24 Mann verloren. Und die Schusswunden von Explosivgeschossen sind so, dass man den Arm oder das Bein danach nur noch amputieren kann. Mein Schutzengel hat mich beschützt. Nach der Zerschlagung kehrte der Panzer wieder um. Die Luke öffnete sich, und der Panzerfahrer winkte uns zu. Wer uns diesen Panzer zur Hilfe geschickt hatte, erfuhren wir nicht. Er war genauso schnell wieder weg. Hinterließ ein großes Fragezeichen.

Aber nun erst einmal alles Gute. Bleiben Sie gesund!

Wadim Presnjakow.

Gott existiert.

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