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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

468. Freitagsbrief (vom Januar 2014, aus dem Russischen von Jennie Seitz).

Wassilij Iwanowitsch Ukolow
Russland
Republik Baschkortostan
Sterlitamak.

An den Verein Kontakte, insbesondere an Dmitrij.

Ich habe Ihren Brief mit den Glückwünschen zum Neuen Jahr 2014 und zum Christfest erhalten, vielen Dank. Ich dachte, Sie hätten mich vergessen. Das Leben geht weiter, aber ich bin sehr alt geworden (1923). Ich lebe zu zweit mit meiner Frau. Ich erinnere mich oft an die Ereignisse des Krieges. Besonders an unseren Rückzug 1941–42. Damals gingen mir Dinge durch den Kopf wie: „Sind die Deutschen immun gegen unsere Patronen?“ Aber mein Vater hatte mir von der Brussilow-Offensive 1914–16 erzählt, bei der sie den Feind geschlagen haben. Ich war nicht lange an der Front. Unser 73. Befestigter Raum wurde 1942 zusammen mit der gesamten Südwestfront eingekesselt. Angeführt wurde er von Timoschenko und dem Stabsleiter Bagromjan. Darüber wurde sehr wenig geschrieben. Die Geschichte schweigt. Das Schlimmste war der Moment der Gefangennahme (Oblast Rostowskaja, Staniza Meschkowskaja). Im Lager habe ich alles vergessen. Der einzige Gedanke war zu überleben – nicht zu verhungern oder von den Wachen getötet zu werden. Ich dachte Dinge wie: „Wer bin ich auf dem Boden der Sowjetunion?“ Gefangene wurden nicht mit Nachnamen geführt, sondern einfach gezählt. In Deutschland bekam jeder eine Karteikarte. Man kann nicht sagen, dass alle Menschen in Deutschland uns gegenüber feindlich eingestellt waren. Ich möchte von einem Vorfall berichten. Es war in einem kleinen Lager in der Nähe von Köln. Wir wurden zur Arbeit abgeführt – Rübenernte. Auf einmal taucht ein amerikanisches Flugzeug auf. Der Begleitmann befahl, wir sollten uns an die Hauswand schmiegen. Wir drückten uns also an die Wand, da öffnet sich ein Fenster und eine Frau reicht uns Brot – fünf Scheiben für jeden. Das werde ich nie vergessen.

Wesseling (in der Nähe von Köln). Eine zerstörte Fabrik für synthetisches Kohlebenzin. Wir legten eine Eisenbahnlinie. Beaufsichtigt wurden wir von einem deutschen Ingenieur. Und dieser Mann nahm unsere Marken und ging Brot für uns kaufen.

Ein Lager in der Nähe von Moers. Der Lagerkommandant, ein Feldwebel, wollte beim Abendappell wissen, ob die Deutschen jemanden bei der Arbeit schikaniert hätten, und wenn er so etwas hörte, sagte er, der Kriegsgefangene müsste am nächsten Tag nicht mehr zu demjenigen arbeiten gehen. Und dem Begleitmann befahl er, dass der Hausherr das Essen ins Lager bringen sollte. Also hielten ihn einige von den Deutschen für einen Kommunisten.

Nun etwas zum Leben in Sterlitamak. Kriegsteilnehmer gibt es nur noch 200 Mann (in der Stadt leben insgesamt 270.000 Menschen). Kriegsgefangene sehe ich fast keine mehr.

Die Fabriken produzieren hauptsächlich Chemie. Es gibt eine Werkzeugmaschinenfabrik, die 1941 aus Odessa evakuiert worden war.

Die Rente für Kriegsteilnehmer beträgt etwa 30 000 Rubel [*] (wir können uns nicht beklagen). Die jungen Leute haben es sehr schwer. (Arbeitsplätze werden gestrichen.) Wie es weitergeht, das wird die Zeit zeigen. Ich erinnere mich noch, wie ich 1959 eine Medaille für den Sieg über Deutschland bekommen habe, und 1995 einen Orden des Vaterländischen Krieges 2. Grades. Einen Kriegsteilnehmernachweis habe ich 1978 bekommen.

453100 Sterlitamak, Republik Baschkortostan [Unterschrift].

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[*] rund 400 € Rente.

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