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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

467. Freitagsbrief (vom August 2012, aus dem Russischen von Jennie Seitz).

Wassilij Nikolajewitsch Sajzew
Gebiet Kaluga
Russland 249910.

Ich grüße Sie, Dmitrij, und auch Ihre Familie, Ihre Freunde und Kameraden bei der Arbeit sowie im Leben. Ich wünsche Ihnen allen Gesundheit, Erfolg bei Ihrer Arbeit und weiterhin ein glückliches, friedliches Leben.

Ich bestätige hiermit, dass ich Ihren Brief erhalten habe, vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit mir und meiner Familie gegenüber. Die Erinnerung fällt mir sehr schwer. Ich erinnere mich an das qualvolle Leben, sie haben Tiere aus uns gemacht. Ich habe lange nachgedacht, und mir ist nichts eingefallen, wie man die normalen Menschen in faschistischer Gefangenschaft bezeichnen könnte. Das Essen, die Fußblöcke, das Brandmal am Rücken, die Nummer am Hals, 28108 …

Wenn der Deutsche während der Arbeit etwas notierte, dann verkündete der Feldwebel abends die Strafe oder schickte einen ohne Abendessen in den Karzer, wo es von allen Seiten zog und es nichts zu trinken gab. Ich habe das einmal durchgemacht. Wir mussten in drei Schichten arbeiten, denn in Norwegen gibt es im Sommer keine Nächte. Man kann dort 24 Stunden ohne zusätzliches Licht arbeiten. Mich steckte man in eine Brigade zum Entladen eines Lastkahns mit Zement, und der Zement war in Säcken zu 50 kg abgepackt. Dabei wog ich selbst vielleicht um die 59–60 Kilo. Und die Lastkähne waren lang, mit mehreren Luken, wir arbeiteten in Schichten jeweils zu viert – die erste Schicht versuchte, die Säcke zu zerreißen, aber das machte es nur schlimmer. Als wir einmal in den Laderaum kletterten, hatten die Jungs von der ersten Schicht sie zerrissen, und ich stehe da unten und hebe gerade meine Arme in die Luft, da sieht mich ein Deutscher und ruft – Los, arbeiten, nicht mit den Armen wedeln! Er will meine Nummer wissen, schreibt sie auf, und wer aufgeschrieben wird, den bestraft mit Sicherheit der Feldwebel und streicht ihm das Abendessen.

Oft erscheint mir jenes Leben sogar in Träumen. Ich hatte Ihnen mal eine Liste geschickt, wahrscheinlich lebt keiner mehr von ihnen, sie waren alle älter als ich. Nur einer war, glaube ich, von 1923. Aber mit Fjodor Assowskij habe ich eine lange Zeit verbracht. Er war Stabskommandeur. Er stammte aus Wologda, ein echter Russe aus dem Norden, so wie ich. Dort waren viele Ukrainer, weil nicht allen Ukrainern die Sowjetmacht gefiel. Viele von ihnen schlossen sich der Wlassow-Armee an. Diese Wlassow-Armee gefiel auch manchen Deutschen nicht, denn einmal mussten wir zwei jungen Männer einen Graben für eine Sprengung bohren – ein Meter mal ein Meter mal anderthalb. Die Deutschen deponierten dort Sprengstoff und zündeten es. Sie machten Platz für ein Haus oder einen Bunker. Auch Tunnel mussten wir bohren, das musste ich auch machen. Ich weiß nicht, wie ich mit dieser Bohrmaschine zurechtkam. Den Kompressor bediente ein sowjetischer Mechaniker. Er gab weniger Luftdruck, weil es sonst heftig rüttelte. Wenn das ein Deutscher sah, rief er: „Luft, Luft, Kleine brauchen mehr!“[*]. Aber ich gewöhnte mich daran, lehnte mich auf die Bohrmaschine und konnte sie mit dem ganzen Gewicht irgendwie halten. Dann musste ich noch am Presslufthammer arbeiten. Mischa Mandryka kam zur Arbeit und sagte: „Herr Chef, ich deutsch Soldat“[*], und der Chef zu mir: „Wasel, und du?“ Ich antwortete: „Ich nix, warum?“[*] Ich erklärte es dem Chef, erfand eine Geschichte, dass ich einen Bruder Pawel an der Front hätte. Ich würde eure Uniform und die Kommunisten zerschlagen gehen, obwohl ich selbst Komsomolze bin. Dann würden Pawel und ich uns an der Front treffen. Pawel jagt die Faschisten vom russischen Boden, und ich bin auf der anderen Seite. Ich würde Pawel treffen und ihn umbringen. Dann gehe ich zu meiner Mutter und sage, ich habe Pawel getötet. Was würde sie sagen? Meine Mutter sagt wahrscheinlich, ich gehöre wegen Pawel erschossen. Aber wenn Pawel mich töten würde, und unserer Mutter, wenn er sie trifft, sagen, Mama, ich habe Wassilij umgebracht, er hat für die Deutschen gekämpft. Dann würde unsere Mutter sagen – das geschieht ihm recht! Der Deutsche sagte mir daraufhin, und der Deutsche war ein Hauptmann: „Mischa ist ein Dummkopf[*], aber du handelst richtig.“ Ich habe ihm gesagt, dass wir ohnehin der Heimat gegenüber schuldig sind, weil wir in Gefangenschaft sind. Dann sagte der Deutsche noch: „Wir haben auch genug vom Krieg. Wir warten nur darauf, dass er bald vorbei ist.“ Und da stellt Wlassow auch noch eine Armee auf. Viele Deutsche hatten das satt. Unter den Deutschen gab es ja auch Kommunisten.

Ich habe dir wahrscheinlich schon geschrieben, dass in Norwegen nicht gekämpft wurde. Die Deutschen hatten sich den Briten ergeben. Das war um den 7. Mai. Niemand weckte uns, keiner machte die Fenster auf. Die Deutschen waren weggerannt. Wir machten die Türen selbst auf. Die Briten waren gekommen, Matrosen, sie hatten Geschenke für uns dabei, eine Flasche Wein für zwei und etwas zu essen. Sie schauten sich an, wie wir dort gelebt hatten. Die Deutschen trieben sie in unserem Lager zusammen, und uns stellten sie an deren Stelle. Richteten eine Küche ein, versorgten uns mit Nahrungsmitteln. Uns ging es bald besser, dann tauchten Offiziere aus unseren Reihen auf, und wir richteten uns der Ordnung halber so ein wie in der Armee – Abteilung, Trupp, Kompanie, Bataillon; wir hatten dort unsere Ordnung, Disziplin. Dann kamen wir nach Russland. Hier hieß das Arbeitsbataillon, wir wurden verhört. Ich kam ins Gebiet Kaluga. Wir wurden überprüft, bekamen Dokumente. Gearbeitet haben wir im Wald. Dann wurde ich demobilisiert. Und ich habe im Gebiet Kaluga geheiratet, geboren bin ich aber im Gebiet Nishnij Nowgorod, in einem Dorf. Ich hatte dort ein Haus, das ich verkauft habe. Meine Schwestern haben dort gelebt, ich bin sie manchmal besuchen gefahren, und so lebe ich bis heute. 91 Jahre, 7 Monate und 10 Tage. Urenkel habe ich – 2 Jungen und 2 Mädchen. Sie sind zwischen 2 und 13 Jahren alt. Mein Befinden – abgenutzt, nicht mehr reparabel. Ich sehe und höre schlecht.

Den Brief hat meine liebste Enkelin geschrieben, aber eigentlich sind mir alle vier die Liebsten. Sie sind schon Mütter, zwischen 32 und 34 Jahre alt.

Alles Gute, möge der Herr Ihnen Gesundheit geben, Erfolg bei der Arbeit und weiterhin ein glückliches Leben.

Sajzew Wassilij Nikolajewitsch.

[Unterschrift].

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[*] Deutsch im Original.

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