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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

465. Freitagsbrief (vom August 2015, aus dem Russischen von Jennie Seitz).

Anatolij Iwanowitsch Iwanow
Russland
Gebiet Pskow.

Ich grüße Sie, Ihr guten Menschen!

Hochachtungsvoll schreibt Ihnen Iwanow Anantolij Iwanowitsch, ehemaliger Gefangener in nationalsozialistischen Lagern. Ich danke Ihnen, dass Sie uns selbst nach 70 Jahren nicht vergessen haben.

Nun etwas zu mir.

Ich wurde im November 1940 in die Sowjetarmee einberufen. Meinen Dienst begann ich in der Westukraine. Wir bauten eine Befestigung.

Zu Beginn des Krieges wurden wir mit großen Verlusten zurückgedrängt. In der Nähe der kleinen Ortschaft Skorosten, das ist in der Ukraine, Oblast Ternopol, wurden wir von deutschen Truppen eingekesselt. Die Kräfte waren ungleich verteilt. Kaum jemand konnte sich aus der Umzingelung befreien, die meisten wurden gefangen genommen. So begann das hungrige Lagerleben. Das erste Nicht-Arbeitslager war in Jaroslaw, [Stalag 327] Polen. Nach einer Weile organisierten die Deutschen einen Zugtransport nach Deutschland. So kamen wir in den kleinen Ort Stolag [Stalag 326 Senne], richteten uns in einem jungen Kiefernwäldchen ein. Die Zweige benutzten wir, um Hütten zu bauen, aber wenn es regnete, war es darin noch schlimmer. Wir wärmten uns so gut wir konnten, drängten uns aneinander.

Arbeit gab es dort keine und Essen auch nicht. Ich weiß nicht, wie ich dem Tod durch Hunger und Kälte entkommen bin. Jeden Morgen brachte ein Wagen Leichen weg.

Dann kamen die Deutschen auf die Idee, unsere Kleidung zu desinfizieren, und wir mussten nackt draußen herumlaufen, die Temperaturen waren sehr niedrig.

Vorher hatten sie kaltes Wasser zugeleitet und übergossen uns nun aus zwei Schläuchen. Begeistern riefen sie auf Deutsch „Schnell waschen“ [dt. im OR]. Danach, als sie entdeckten, dass im Lager Typhus ausgebrochen war, begannen sie uns eilig in Arbeitslager zu bringen. Ich kam mit einer Gruppe aus 100 Leuten in ein Bergbaulager im Ruhrgebiet. An den Namen kann ich mich nicht erinnern. Wir arbeiteten in drei Schichten, unter Bewachung. Für die Arbeit bekamen wir wenigsten etwas Balanda, Grünzeug.

Ich weiß noch, wie nach einer heftigen Bombardierung der Fahrkorb beschädigt wurde und wir nicht mehr nach oben kamen. Unter Tage wurden wir dann in die Nachbargrube gebracht, sie hieß Zweckel [Gladbeck-Zweckel], dort fuhren wir hinauf und zurück in unser Lager.

Die Zeit verging. Einmal, in der Nacht zum 1. April 1945, mussten wir uns plötzlich in einer Kolonne aufstellen und wurden weggebracht, wir hatten keine Ahnung, wohin und warum. Am frühen Morgen hörten wir das Dröhnen von schwerer Technik. Das waren amerikanische Panzer, die uns vor dem Tod retteten. Das war in der Stadt Rietberg.

Die Amerikaner boten uns an, nach Amerika zu fahren, ein paar willigten ein, viele lehnten ab, darunter auch ich. Die abgelehnt hatten, wurden in Autos geladen und auf das sowjetisch okkupierte Territorium gebracht, in die Stadt Grevesmühlen, und wir wurden wieder in die Reihen der Sowjetarmee aufgenommen.

Demobilisiert wurde ich 1946. Ich kehrte zurück in meine Heimatgegend und arbeitete in der Landwirtschaft.

Jetzt, am 2. August, werde ich 94 Jahre alt, die Gesundheit ist schlecht, die Sehkraft auch, kann mich nur mit Mühe selbst versorgen, die Kriegsjahre machen sich bemerkbar.

Ich lebe bei meiner ältesten Tochter.

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