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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

463. Freitagsbrief (vom November 2005, aus dem Russischen von Franziska Zwerg).

Ukraine 49490
Dnepropetrowsk
[…]
Aleksandr Iwanowitsch Popow.

Erinnerungen.

Am 22.06.1941 war ich an der litauischen Grenze. Unser Flugplatz wurde am Morgen zerbombt. Kein einziges Flugzeug konnte starten. Uns wurde befohlen, sich zurückzuziehen und hinter einem Fluss Stellung zu nehmen. Es gab wieder Luftangriff und Artilleriebeschuss. Mein Bein wurde verletzt. Ich bekam außerdem eine leichte Kopfverletzung und eine Schädelprellung. Bis heute höre ich Geräusche im Kopf. Die Medizin ist hilflos. Ich wurde verbunden und mit dem Wagen weggebracht. Unser Wagen wurde schnell getroffen. Wir zogen in den Zweikampf.

Wie schrecklich war es auf Menschen zu schießen, ein fremdes Leben wegzunehmen, einen Menschen zu töten, auf den eine Familie zu Hause wartet und der unfreiwillig kämpfen gehen musste. Kämpfend zogen wir uns zurück. Ich war niedergeschlagen. Wir waren hungrig und fast unbewaffnet. 1½ Monate Rückzug, Verlust von Freunden … Bei dem Standardübergang eines Flusses trafen uns Deutsche mit Maschinenpistolen. „Iwan, komm, komm!“ – riefen sie. Es gab die Wahl: Leben oder Tod. Vor meinen Augen standen meine Eltern, Ehefrau und zwei Kinder. Ich ergab mich in der Hoffnung, später zu fliehen.

Wir bestiegen Güterwaggons. Auf dem Weg gab es weder Wasser noch Essen. Wir verloren viele Soldaten. Meine Wunde am Bein spülte ich mit Urin. Am Ende der fast zweiwöchigen Fahrt nach Deutschland war die Wunde nahezu geheilt.

[…]

Wir arbeiteten in einem Zinkwerk. Mit Dankbarkeit erinnere ich mich an einen deutschen Arbeiter, der mir heimlich mal ein trockenes Brot, mal ein Kartoffel zuwarf. Im Frühjahr 1942 blieb etwa ein Fünftel von der Gesamtzahl der Gefangenen am Leben, glaube ich. Ins Lager kamen Arbeitgeber und suchten Arbeiter aus. Die Kriegsgefangenen wurden geprüft. Wer auf einem Bein mindestens 2–3 Sekunden stehen konnte, wurde rekrutiert. Ich gelang zum Arbeitgeber namens Wenke. Er war grob und brutal. Einmal stieß er einen Gefangenen von einer Strohgarbe runter. Ich schützte den Mann. Der Arbeitergeber wollte mich schlagen. Ich nahm die Heugabel. Der Arbeitgeber verschwand im Haus und alarmierte die Polizei. Es kamen Radfahrer: zwei Soldaten und ein Offizier ohne Arm. Die Soldaten wollten mich schlagen. Der Offizier erlaubte es nicht. Ich wurde ins Lager geschickt. Ich dachte, mein Leben geht zu Ende. Der Offizier regelte aber diesen Streit gerecht. Wenke war in der ganzen Gegend nicht beliebt. Zwei Tage danach schickte man mich zu Frau Wessel. Sie behandelte alle Arbeiter menschlich. Ich arbeitete dort über zwei Jahre. […]

Einmal schickte mich meine Arbeitgeberin zu einem Schmied, um ein Pferd zu beschlagen. Der Schmied hatte gerade Mittagspause. Ich beschlug in dieser Zeit das Pferd. Ich konnte es, weil ich als Junge mit dem Vater in einer Schmiede gearbeitet hatte. Danach stellte er mich in seiner Schmiede ein. Ich habe leider seinen Name vergessen. Dort arbeitete ich bis zur Befreiung von britisch-amerikanischen Truppen. Mir wurde angeboten, nach Amerika auszuwandern. Ich kehrte jedoch in die Heimat zurück. Meine Ehefrau hatte eine Benachrichtigung über meinem Tod bekommen und erneut geheiratet. Ich erlebte bittere Tage der Erniedrigungen. Ich wurde in die Armee einberufen und diente mehr als ein Jahr. Nach der Entlassung lernte ich meine zukünftige Ehefrau kennen. Wir leben seit 58 Jahren zusammen. Ich bin Jahrgang 1909. Ich bin also am 29.03.1909 geboren. Wir haben zwei Kinder und sechs Enkel. Wir bauten ein Haus. Früher pflegten wir auch einen Gemüsegarten. Die Rente reicht für ein armes Leben. Meine Gesundheit ist schwach. Trotzdem kann ich mich noch bewegen.

Ich wünsche dem deutschen und dem ukrainischen Volk sowie der ganzen Menschheit Frieden, alles Gute und Wohnergeben.

Hochachtungsvoll

Popow Aleksandr Iwanowitsch.

2. Brief vom 10.11.2005.

[Maria Iwanowna]: Entschuldigen Sie uns alte Leute für die vielleicht etwas fehlerhafte Beschreibung einiger Episoden zum Aufenthalt von A. M. Popow, geboren 1909, in der Gefangenschaft. Er sieht schlecht. Ich, seine Frau, schreibe. Sein Gedächtnis ist schlecht. Gerade hat er sich daran erinnert, dass der Bauer Wenke den Zwangsarbeiter nicht selbst vom Wagen geworfen hat, sondern der Arbeiter von selbst heruntergefallen und gestorben war.

[Aleksandr Iwanowitsch]: Den Bauern möchte ich nicht falsch beschuldigen, umso mehr, als er vielleicht Kinder, Verwandte, Freunde hat, die wegen einer Verleumdung beleidigt sein könnten. Deswegen möchte ich vielmals um Entschuldigung bitten. Ich habe es damals aus Ärger dem Landesbeauftragten weitergetragen, der Bauer wurde von der Miliz vorgeladen. Es kam ein Polizei-Offizier, dem ein Arm fehlte, er hatte ihn an der Ostfront verloren, aber er war deswegen auf mich als russischen Kriegsgefangenen nicht böse. Er sandte mich ins Lager und an einem anderen Tag zu Frau Wessel. Ich bin aufgewachsen in einer kinderreichen Familie von sieben Kindern, ich bin der Älteste. Damals galt es als Sünde, abzutreiben und von anderen Mitteln wussten unsere Eltern nichts. […]

[Maria Iwanowna]: Ich wurde in Polen im Dorf Kajtanowka in der Nähe der Stadt Dubenk[…]. Mein Nachname ist Bjalkowka, Manja, mein Vater war Schmied und Getreidebauer, die Scheunen waren aus Holz gebaut und mit Stroh gedeckt. Deswegen haben sie im Krieg gebrannt. Unsere Nachbarn waren eine deutsche Familie Kol[…]. Ich war mit Maria befreundet. Sie hatte zwei Brüder, Robert und Karol und eine ältere Schwester, deren Namen ich vergessen habe. Vielleicht erinnert sie sich ja auch an mich und erzählt ihren Kinder, Enkeln und Urenkeln von unserer Kindheit und Jugend. Wir wünschen dem gesamten deutschen Volk alles Gute der Welt.

Die Popows.

A.I. Popow hat sich erinnert, dass er seit September 1941 auf einem Zink[…] in einem Betonbetrieb gearbeitet hat, kann sich nicht erinnern.

Und er kann sich nicht erinnern, wann er von den Angloamerikanern befreit wurde, im März oder im April 1945. Er kann sich nur erinnern, dass die Militärs in die Stadt einfuhren auf ihren Fahrzeugen direkt in die Vitrinen der Geschäfte.

[Aleksandr Iwanowitsch]: Sie fühlten sich mutig als Eroberer. Sie agitierten die Gefangenen, nach Amerika auszuwandern. Vielleicht fühlte man seine Schuld oder die Familienlosen, Einsamen fuhren, aber ich wollte ganz schnell zu meinem Verwandten. Ich schickte keine Nachricht, bis ich selbst auf der Schwelle meines Hauses stand. Ich hätte ja unterwegs sterben können, sie sollten das kein zweites Mal durchmachen.

Verhüte Gott, dass jemand diese Hölle der Gefangenschaft durchmachen muss.

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